Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 28 (9.7.1841)
- Date
- 1841-07-09
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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. 219 Französische Aenfierungen. Im Conftitutionnel vom 1. Juni d. I. liest man eine Darstellung des in der Synagoge obwaltenden, durch die Presse dort genugsam bekannten, Meinungskampfes, von einem Christen, aber offenbar im Sinne einer bestimmten Farbe gezeichnet; eine Darstellung, welche bei mancher Wahrheit doch auf die Sache selbst ein schillerndes Licht wirft. Wir heben die wesentlichen Momente der etwas sehr declamarorisch gehaltenen Schilderung heraus, um mindestens zu zeigen, daß dergleichen Uebertreibungen ihrem Zwecke nicht entsprechen. „Wird das Judenthum immer eine besondere Nation und Religion sein? wird es immer nur eins von beiden bleiben, oder wird vielmehr zu einer gewissen Zeit dereinst von beiden nur noch eine große historische Erinnerung übrig sein? Das ist, streng philosophisch genommen, die sehr verwickelte Frage, welche in diesem Augenblicke im Schooße des Judenthumes selbst sich regt; ein heftiger Streit, welcher die Synagoge, jene gehcimnißvolle Ruine aus den heroischen Zeiten unsers Glaubens, auf welcher acht Millionen Menschen noch aufrecht stehen, zerthcilt." — „Die französischen Juden freuen sich, uns Brüder und Mitbürger nennen zu dürfen; stolz, glücklich, durch die bürgerlichen Rechte, die wir ihnen ohne Rückhalt eingeräumr haben, wollen sic sich derselben vollkommen würdig machen, und von den religiösen Sitten und Bräuchen alles abschaffen, was noch einer innigen Verschmelzung, einer entschiedenen Assimilation entgegenftehen könnte. Das ist unsrer Ansicht nach die Bedeutung des Wortes Reform, welches auch Israel seit einigen Jahren laut ausspricht." Mendelssohn setzt man hinzu, habe diese Bewegung angeregt, die Revolution sie beschleunigt, Napoleon durch die Extemporirung einer jüdischen Geistlichkeit sie aufgehalten, die Revolution von 1830 aber ihr wieder neues Leben gegeben. „Cultus, Geistliche, — das ist das eigentliche Schlachtfeld (wohl eher der Gegenstand!) auf welchem Reformisten und Conservative sich treffen. Die Ersteren mit dem kecken und immer etwas verletzenden Wort, welches die Mühe der Ueberzeugung verschmäht, stets absprechend, und mit so ernst-strenger Gedankenfolge ihre Behauptungen vorbringend, daß die Einfältigen und Unwissenden erschrecken; zu sehr ihres Rechtes gewiß, um nicht durch ihre Ungeduld sich selbst zu schaden, indem sie, wie alle Reformisten , nicht begreifen wollen, daß der Jrrthum seine Zeit ausdauern müsse, und daß die Wahrheit erst zu ihrer Epoche gelangt, wenn die Geister für ihren Empfang vorbereitet sind. Die Rabbinen ziehen natürlich vor den Conservative» her, stellen ihre Brust gerne dem ersten Angriff des Reformiften- Heeres bloß, und lassen sich von Voltairischen Sarkasmen durchbohren. Man verlangt vom Rabbinate Rechenschaft, was sein Wesen sei? Was es wirke, was es vermöge?" „Priester, Opferet? (so fährt die Schilderung fort), dergleichen hat längst aufgehört, jeder wohlunterrichtete Israelit ist zu allen rabbinischen Functionen ermächtigt. Es gicbt hier keinen Clerus und Laicnftand. „Und dennoch maßt sich das Rabbinat über die minder erleuchteten Gläubigen eine große Herrschaft an, fordert einen knechtischen Gehorsam für lächerliche Gebräuche und Satzungen, und kränkt den wahrhaft religiösen Geist eben so sehr, wie den einfachen Verstand; kein weltliches Vorurtheil, kein Mißbrauch, den es nicht in Schutz nähme und vertheidigre; keine Consistorial-Wahlen, auf welche es nicht einen despotischen Einfluß übte; traditionelle Gebräuche, die keine Bedeutung mehr haben, die selbst nicht zum Wesen des Judenthums gehören und deren Widerspruch gegen das neuere Leben nicht zu ertragen ist, werden erst verschwinden, wenn die durch das Gesetz geschaffene Jnamovibilität der Rabbinen selbst verschwindet." „Diese Klagen mögen größtentheüs gegründet sein, aber es wäre ungerecht, alle französischen Rabbinen auf gleiche Weise in solchen Tadel zu begreifen; die Archives Israelites (zu deren Empfehlung der ganze Artikel geschrieben ist) beweisen dies bis zur Evidenz. Mehrere, die Einsichtsvollsten, LieUnterrichtetften, bekennen sich dorr offen zu den Grundsätzen einer weisen Reform; für sie, wie für alle helldenkenden und klarschauendcn Israeliten ist es Zeit, die Religion zu ihrer ursprünglichen Reinheit zurückzuführen, die unausführbar gewordenen Sazzungen aufzuheben (retraaclier), die armseligen Superftirition, Erzeugnisse der nach dem Erlöschen der jüdischen Nationalität eingetretenen barbarischen Zeiten abzuftellen. Die Gebräuche sind mehrere Male nach Umständen in verschiedenen Himmelsstrichen modificirt worden, sie können also weiter geändert werden, nicht nach der Laune der Consiftorien, sondern durch große 28*