Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 27 (2.7.1841)
- Date
- 1841-07-02
- Page
- Seite 213 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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213 Ueber die Sucht neue Synagogen zu bauen. (Aus Würtemberg eingesanrt.) Wenn man erwägt, wie die israelitischen Gemeinden, besonders die auf dem Lande, so viele und größtentheils höchst drückende Ausgaben haben, indem sie außer allen Abgaben zur politischen Gemeinde, außer allen Steuern, noch besonders ihre Rabbinen und Lehrer zu besolden, Sckulhäuser und Bäder zu unterhalten und Friedhöfe anzulegen oder ihre Tobten mit vielen Kosten an entfernte Orte zu bringen haben, und wie überhaupt das Leben nach jüdischem Ritus die Ausgaben mannichfach mehret; wenn man dieß alles erwägt, dann weiß man in der Thal oft solchen, die da behaupten, daß bei solchen Umständen der Israelit auf dem Lande durch Betreibung einer Profession oder durch Verlegung auf Ackerbau das Nöthige zu erschwingen nicht im Stande sei, kaum etwas einzuwenden. Zieht man noch ferner in Betracht, wie die bisher gewohnten Nahrungsquellen dieser Leute verstopft sind, wie das Landesgesetz sie von manchen Nahrungszweigen zurück hält, dann darf man sich auch über die traurige Erscheinung, daß so gar viele aus dem Mittelstände verarmen, nicht sehr wundern. Wenn früher der Israeliten-Knabe der Schule entlassen war, so ward er größtentheils zum Gewerbe des Vaters angehalten und verdiente nicht nur sein Brod, er ward gar oft bei besonderer Aemsigkeit eine wohlthätige Stütze der Familie. Jetzt muß der Vater für Lehr- und Kostgeld sorgen, muß nach erstandener Lehrzeit seine zu Jünglingen herangewachsenen Kinder noch fortan unterstützen, woher soll dieß kommen? Der Arme wird allerdings, wenn seine Kinder eine Profession erlernen, auf das Kräftigste von der König!. Ob. Kirchenbehörde unterstützt und darf oft keinen Kreuzer zahlen. Aber wer nicht nachzuweisen im Stande ist, daß er arm! sei, oder wer dieß aus Rücksichten seines Eredits unterlassen muß, der wahrlich ist schlimm daran, und muß oft doch nach einiger Zeit sich der Armuth preisgegeben sehen. Die Reichen lassen in der Regel ihre Kinder sich dem Kaufmannsstande oder auch dem Studium widmen, und viele darunter kümmern sich wenig um die Lage ihrer Mitbrüder. Bei solcher Sachlage, die noch in sehr schwachen Farben hier geschildert ist, sollte man freilich glauben, daß alle möglichen Ersparnissen bei den Gemeinden cingeführt und jeder nicht höchst nöthige Aufwand sorgfältig gemieden werde; man sollte glauben, daß Gemeinde-Vorsteher wie einzelne Individuen mindestens allen Glanz und alle Pracht meiden und somit neue Synagogen, die in der Regel mehr als 10000 fl. kosten, da nicht erbauen, wo nicht die höchste Noth es erheischt, weil dadurch die gegenwärtigen und künftigen Generationen gar hart belastet werden; ja man sollte glauben, daß jeder reiflich überlegt, ehe er sich entschließt, das Projekt eines neuen Gotteshauses gut zu heißen. Dem ist leider aber nicht also! Sind in einer Gemeinde etwelche Reiche, die, mehr aus Sucht zu glänzen und der Mode zu huldigen, als aus rein religiösen Absichten, gerne auch eine ganz im neuen Style aufgeführte Synagoge wünschen, so wird kein Mittel gescheuet, um das Vorhaben realisiren zu sehen. Pläne werden entworfen, die armen Leute werden durch Zureden gewonnen und können in ihrer Abhängigkeit nicht anders als unterschreiben und gut heißen, sie dürfen nicht opponircn. Bemittelte, die nicht fähig sind, die Sache in ihren Folgen zu berechnen oder die ohne Ueberzeugung handeln müssen, unterschreiben gezwungen, und so kommen oft die meisten Stimmen zusammen, denen sich wiederum mehrere nicht widersetzen wollen, theils um den Frieden nicht zu stören, theils mit dem alten Spruch: „kanns mein Nachbar leiden, so kann auch ich es." So wird der Ruin einer Gemeinde gegründet; so werden die Gelder, die zur Erlernung nützlicher Gewerbe, zur zeitgemäßen Bildung könnten angewendet werden, zu Pracht und Pomp verwendet unter dem Deckmantel der Religion. Sie, hochgeehrter Herr Redakteur, haben in Ihrem Geschichtswerke nachgewiesen, wie viel solche Unternehmungen in frühern Zeiten schon geschadet, wie sie den Neid und den Haß erregt; und wahrlich die Welt ist noch nicht so sehr fortgeschritten, daß nicht auch jetzt von mancher Seite her ein solcher Aufwand Neid erregen könnte. Wie sehr die alten Lehrer in Israel gegen solche Unternehmungen waren, zeigen so manche Stellen des Thakmuds. *) In ur.serm Würtemberg, wo die Gemeinden nicht sich überlassen sind, wo die König!. Isr. Ober. Kirch. Behörde den Gemeindehaushalt zu überwachen hat, die doch mtt allem Eifer das Wohl der Gemeinden in religiöser wie in finanzieller Hinsicht befördert, können und werden solche Unternehmungen nicht befördert werden. Mögen die Rabbinen beauftr.agt werden, solchen zeitwidrigen Bauten mit allem Eifer entgegen zu arbeiten, und den Gemeinden zeigen, wie die Hebung der Schulen, die Erlernung ordentlicher Gewerbe, uns Noth thut, und wie ein einfaches Gotteshaus wohl genügt bei solchen, die genug zu thun haben, um sich 'wüT den ihrigen das Nöthigste zu erwerben. An Einfachheit, an Sparsamkeit, an Vermeidung aller großen Ausgaben, soll der Landmann gewohnt werden, damit er einschen lernt, wie es denn doch möglich werben kann, sich vom Ackerbau und Profession zu ernähren. P fl—ch., Ob. Amtsb. Neer^heim 1841. *) Die Berufung auf alte Aussprüche in Angelegenheiten dieser Art will uns durchaus nicht zutreffend erscheinen; andere Zeiten, andere Wünsche; andere Länder, anderer Geschmack. Wahr aber und sehr gerecht ist der Tadel über den durchaus unnöthlgen Prunk in den Bethäusern kleiner und' unbemittelter Gemeinden. Ein einfaches Gebäude in angemessenem Swl angelegt entspricht dem Zweck genügend, oft besser, als aller in die Augen fallende Glanz. Von vielen neuen Synagogen hat uns in dieser Hinsicht die anspruchslose, aber in sehr gut gewählten Verhältnissen gebaute zu Offenbach am meisten zugesagt. D. H.