Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 27 (2.7.1841)
- Date
- 1841-07-02
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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211 die Symbolik. Die kältern und phantasicärmern Geister gefielen sich in Errichtung neuer Zaune um den Tempel des Herrn. Kaum waren diese erstanden, so verwuchsen sie schon mit den alten, unneue erschienen nöthig; und so gab es der Zaune und Schranken kein Ende. Die Jüngern, denen die gesetzgebende Gewalt noch nicht zuftand, versuchten sich in Aufführung babylonischer Thürme, und die Chilukim nahmen ihren Anfang. —Am verderblichsten influirte aber diese Gesetzgebungssucht auf den eigentlichen Gottesdienst. Ursprünglich war das Gebet ein freier Erguß der innern Gefühle; es war nicht sowohl ein religiöser Akt, als vielmehr die Befriedigung eines innern Dranges; daher war cs kein Gegenstand der religiösen Gesetzgebung. Der Tempel war nicht zum Bet Hause bestimmt, wiewohl durch feierliche Würde, imponirende Majestät und sinnvolle Zeremonie die Schauer der Anbetung die Versammlung durchrieseln mußten. Erst in später Zeit bestimmte man ein eignes Haus zum Beten, stellte Gebctformeln fest, deren jedes laut gesprochene Wort, auch unverstanden, wirkungsvoll sei; man ordnete die Betzeit an, schrieb vor, wie man den Kopf, die Augen und die andern Glieder zu halten habe; wo Die Stimme steigen und wo sie fallen solle, und hundert andere Verhaltungsregeln, bei deren Beobachtung es schwer zu glauben ist, ob eine Andacht möglich. Man betrachtete nunmehr das Gebet als einen Dienst, den man dem Herrn leistet, wofür der Lohn größer oder kleiner ist, je nachdem er in dieser oder jener Stunde geleistet worden u. dgl. (S. Orach Chajim 89, 1.) Die Scheinheiligkeit unterließ ihrerseits nicht, den Gottesdienst vollends zu entwürdigen. So verwandelte sic die unschuldigen Denkzertelchcn in ungeheuere Phylakrerien, man schlug sich ans die Brust, schrie und jammerte laut, und trieb und treibt noch anderes, wovon man sich in jeder Synagoge überzeugen kann, da wo das alte Herkommen noch unangetastet herrscht. — Da sandte Gort endlich einen andern. Moses, um die ägyptische Finfterniß, welche jetzt noch auf Israel allein lastete, zu zerstreuen. Nachdem er durch treffliches Wirken nach Außen die unzweideutigste Verehrung erworben, richtete er seinen Blick nach Innen und wirkte da noch segenreicher. Er erweckte verwandte Geister, die in seinem Geiste, wenn auch nicht nach seiner Art wirkten. Zweckmäßige Schulen erstanden aus den Trümmern Der Thalmudthora- Anftalten, in den Gotteshäusern wurden viele Mißbräuche abgeschafft, und die begeisterten, aus innerstem Herzen fließenden Vortrage stimmten zu feierlicher Andacht. Mehrere israel. Schriften verbreiteten Licht über das verworrene Gebiet der jüdischen Thologie und Historie. Ein heißer Durst nach der ungetrübten Quelle that sich kund; man strebte, die veralteten und verknöcherten Formen mit zeitgemäßen und fügsamen zu verrauschen, und den entflohenen Geist zurück zu beschwören. Doch in neuster Zeit scheint die Form abermals überhand nehmen zu wollen, besonders in den Predigten. Man begnügt sich damit, deutsch zu predigen, und weiter nichts; man zieht wohl aus gegen den Aberglauben, das Vorurtheil, den Jndifferentismus, dies aber nur im Allgemeinen, mehr gegen die Worte, denn gegen ihren Begriff; man führt die Streiche in die Luft, wagt es nicht, den Feind in'sAuge zu fassen, wagt es nicht, die Gebräuche und Sitten anzugeben, die jene Ungeheuer ihren Vater nennen. Allein nur durch entschiedenes Auftreten kann das Gesetz von den vielen Schlacken gereinigt werden, nur dadurch mit einem unerftürmbaren Zaun umgeben werden, nicht aus Dornen und Hecken, aber aus einer Strahlenglorie, die den Wißbegierigen einleuchten, und den verwegnen Blick zur Anbetung Niederschlagen wird. — Dies ist die Aufgabe unsrer Zeit. — Geschichte und Literatur der spanischen Juden. (Fortsetzung.) Wie viel haben die Juden nicht durch ihre Studien dem übrigen Europa im Allgemeinen genützt? Zu riner Zeit, als die griechische Sprache und deren ganze, treffliche Literatur den westlichen Nationen noch unzugänglich war, lasen die Hebräer bereits in ihrer eigenen Sprache mehrere Werke des Aristoteles, Plato, Ptolemäus, Apollonius, Hippokratcs, Galen und Euklid, aus dem Arabischen der Mauren hergcnommen, welche dieselbe aus Griechenland und Aegypten mitgebracht hatten; und zugleich mit diesen schrieben sie selbst Dissertationen und Disputationen darüber. Von hier aus wurden die alten Classiker wirksam in die lateinischen Schulen der Christenheit verbreitet. Doch muß man bemerken, daß weder die Juden noch die Araber die griechi- 27*