Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 27 (2.7.1841)
- Date
- 1841-07-02
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
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210 in Verbote und Gebote. Die Verbote sind theils politischer, polizeilicher, diä'tischer rc. Natur, theils auch solche, die den Mosaiten in gewisse Geistes- und Herzenszuftände versetzen sollen. Wie man z. B. Keinem befehlen kann, daß er sogleich einschlafe, wohl aber, daß er solche Mittel gebrauche, die den Schlaf zur unmittelbaren Folge haben; so giebt es auch gewisse Seelenzuftände, zum Beispiel die eheliche Liebe, die sich glicht anbcfehlen und erzwingen lassen; daher suchte der weise Gesetzgeber, durch andere, anbcfehlbare Gesetze dahin zu wirken, daß diese Zustände gleichsam triebmäßig erfolgen. *) Diese Klasse von Gesetzen konnte natürlich, da sie bloß ein, wenn auch willenloses. Unterlassen gewisser, der Sec.le oder dem Körper nachtheiliger Handlungen fordert, durch Zusätze nur erschwert werden, aber nicht ihres beabsichtigten Zweckes verfehlen. — Die Gebote sind außer den moralischen und bürgerlichen größrentheils solche, deren Ausübung ein lebendiger, mächtig wirkender Unterricht von der geheimnißvollen Majestät eines einzigen Gottes, von dessen erhabenen Eigenschaften und dessen an Israel vollbrachten wundervollen Tharen, von der glorreich errungenen Freiheit, dem köstlichen Kleinod des in Canaan zu errichtenden Staates, sein sollten. Und diese Gebote sind es vorzüglich, deren bloße Beobachtung, ohne Auffassung des innern Geistes, nicht den allergeringsten Werth hat, die nur den Geist und das Gcmüth zur Selbstthangkeit anregen sollen. Sieben Tage, sagt das Gesetz, sollt ihr in Laubhütten wohnen; wie aber diese zubereitet sein müssen, und alles andere wird nicht angegeben. Du sollst dich freuen an deinen Festen, sagt es ferner; worin aber diese Freude bestehen solle, wie sie sich zu äußern habe, das blieb jeder individuellen Gemüthlichkeit überlassen. So bei allen diesen Geboten. Und da konnte es nicht fehlen, daß die Verständiger» auf angemessenere Weise ihren Gefühlen Ausdruck gaben; daher sie denn bei ihrer Umgebung und Freunden Nachahmung fanden. Bei den größer« und angesehenern Lehrern des Volkes mochte dies in größer» Kreisen ftattfinden; vorzüglich waren es die den Lehrer umgebenden Schüler, welche in dessen Fußstapfen traten. Diese Gefühlsausdrücke (nennen wir sie schlechtweg Geb rauch ei) gewan¬ *) Beispiele dieser Art Gesetze würden durch nöthige Erörterungen zu weit abführen. nen mit dem Alter an Ehrwürdigkeit und somit an Wirksamkeit. Als sie zu ziemlicher Zahl anwuchsen, schrieben sie die Gedächtnißschwächern für sich auf, untermischt von den auf Moses zurückgeführten Traditionen und jedesmaligen Synedrial-Verordnungen; jedoch mußten solche Aufschreibungen, wie ihr Name, Megilloth setharim, besagt, geheim gehalten werden, damit, sie nicht den Charakter von Gesetzen erhielten. — Die von den Propheten verkündete unheilvolle Zeit trat ein, der jüdische Staat ward von Grund aus zerstört; was dem martervollen Tode entkam, fiel in noch martervollere Sclaverei. Da erkannte man, daß die Untreue gegen das Gesetz und gegen die einfachen väterlichen Sitten die nächste Ursache solchen Unglückes sei; und in gläubig reuigem Sinne strebte man, das Gesetz in allen möglichen Deutungen zu beobachten und an den Sitten und Gebräuchen der Väter fcstzuhalten; die gewaltthätigen Bckehrungsversuche ihrer Dränger bestärkten die Fröminern in diesem Streben. Die immer niederdrückendere bürgerliche Unfreiheit lähmte den Aufschwung des Geistes zum Urquell des Lichts, er sank in immer dichtere Finsterniß, wodurch die Leuchten der Vorzeit in desto größerem Glanze strahlten. „Waren die Altvordern Engel, so sind wir Menschen; waren sie Menschen, so sind wir Esel," sagen die alten Rabbinern (Schekalim 8 a.) Hierdurch ward der Autoritätsglaube unerschütterlich fest gegründet, alle überkommenen Gebrauche und Uebungen zu eisernen Gesetzen gestempelt, worauf die Sparern ihre Pyramiden aufführten, welche abermals mir dem Alter an verbindender Kraft und unwidersprcchlicher Autorität Zunahmen. Da wurde an den Formen Alles, Gestalt, Größe, Bewegung genau bestimmt und festgestellt; alles mußte einer feftgezeichneten Bahn folgen, nichts blieb dem eigenen Gemüthe überlassen; und in dem Maaße wie die Formen die Aufmerksamkeit auf sich zogen, ward auch der Geist in den Hintergrund gedrängt. Dieß mußte nun auf den Gedanken führen, daß, wie bei den Verboten, so auch bei den Geboten die bloße Uebung von derselben Wirksamkeit sei; man schrieb dieser Uebung eine wunderthatige Kraft zu; um diese zu bestimmen, nahm man seine Zuflucht zur Kabbala, und lief zugleich dem Aberglauben in den Rachen. Andrerseits strebten manche, den entseelten Formen neuen Geist einzuhauchen, dies Geschäft übernahm