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Israelitische Annalen · 1841-06-18 · Heft 25 (18.6.1841) · p. Seite 197

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 25 (18.6.1841)
Date
1841-06-18
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
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197 unfruchtbaren „Prinzipienstreit" einzulassen, beschränke mich vielmehr auf faktische Verhältnisse. Herr K. stimmt in drei Punkten nicht mit meinem Plane überein. 1) Billigt er es nicht, daß die hiestgen Seminaristen nicht mit dem Thalmud und dessen Commentatoren vertraut gemacht werden. Er wünscht nämlich den Lehrerstand, gegenüber den allerdings bedauerlichen hierarchisch-anmaßlichen Uebergriffen mancher heutigen Rabbiner, durch theologische Kenntnisse in seiner Stellung gehoben zu sehen. Jetzt ist jedoch der Zweck dadurch nicht mehr zu erreichen, weil auch alsdann, wenn das Seminar dafür thätig sein wollte, die Seminaristen es höchstens zu einem ganz kleinen Bruchtheilchen theologischer Kenntniß dringen würden, das nicht geeignet wäre, ihnen größere Würde zu verleihen. Die meisten der gegenwärtig angestellten Lehrer haben allerdings früher Thalmud studirt und sind dadurch tüchtiger geworden; aber sie haben sich erst dem Lehrfache gewidmet, nachdem sie ihre Schulzeit fast ausschließlich mit dem Studium des Thalmuds und seiner Commentatoren und einen großen Theil ihrer Jünglingsjahre auf einer Jeschi bah zugebracht hatten. Jetzt aber ist das Thalmudische aus allen Volksschulen als Lehrgegenstand verbannt, Jeschiboth eristiren nicht mehr; die jungen Leute, die sich dem Lehrfache widmen, haben daher in der Regel keine Gelegenheit, sich für das Seminar auch in diesem Gegenstände vorzubereiten und bringen sonach keine oder nur sehr unbedeutende derartige Kenntnisse mit, im Seminar selbst aber lassen die vielen wichtigem Lehrgegenstände keine ober nur sehr wenige Zeit für diesen Unterricht übrig, bei dem also sehr wenig Achtunggebietendes herauskommen würde. Weit mehr, als durch eine solche Sebcz-Theolvgie, können die Lehrer sich in ihrer Stellung zu den nicht häufig pädagogisch-lüchtigenRabbinern durch eine tüchtige theoretische und praktische pädagogische Bildung im Allgemeinen und insbesondere in den Gegenständen, die sie in den Schulen zu lehren haben, Anspruch auf Achtung erwerben, und die im Seminar so karg zugemessene Zeit kann daher nützlicher verwendet werden. — Nach einer Mittheilung in Nr. 101 der Allgemeinen Zeitung des Judenthums vom Jahr 1839 wird auch in dem Seminar zu Eßlingen unter der Mitaufsicht der K. würtemb. isr. Oberkirchenbehörde nicht im Thalmud, sondern nur „in der hebr. Sprache, in der Religion und in der Verfertigung von religiösen schriftlichen Aufsätzen (resp. Vorträgen)" unterrichtet, und hinsichtlich der Aufnahme find dort nur „angemessene Vorkenntnisse in der biblischen Geschichte" als erforderlichbezeichnet. In dem jüngsterrichteten jüd. Schullehrer- Seminar in Berlin wird zwar im Thalmud Unterricht ertheilt; aber die oben geschilderten, wohl auch dort obwaltenden Verhältnisse und der Umstand, daß zur Aufnahme ein Alter von 15 Jahren genügt, berechtigen zu der Vermuthung, daß dieser Unterricht wenige oder doch nur sehr unreife Früchte bringen werde. — Ucbrigens müßte Herr K. wenn er consequent sein wollte, fordern, daß der Thalmud wieder in allen israelitischen Schulen als Unterrichtsgegenstand eingeführt werde, denn „die jüdische Religion heischt als Pflicht das Studium religiöser und theologischer Schriften." — Soll jeboch der Lehrer deßhalb Thalmudist sein, weil unter 1000 Schülern sich möglicherweise auch einmal einer finden könnte, der Rabbiner werden soll, so müßte er annalog auch Linguist und, weiß der Himmel, was Alles sein! 2) Hinsichtlich der Belehrung hat mich Herr K. mißverstanden. Wenn es in meinem auszüglich mitgetheilten Lehrplan heißt: „Die Erklärung geschieht nach den Regeln einer gesunden, natürlichen Hermeneutik; doch wird bet wichtigen (nicht „den wichtigsten," wie Herr K. mir in den Mund legt) Stellen auch die traditionelle Auslegung neben der natürlichen angegeben" — so bezieht sich dieses keineswegs auch auf die Stellen, welche Ceremonial- und Ritualgesetze enthalten, wie ich dieses ja auf derselben Spalte bemerkt habe, indem es bei dem Unterricht in der Religion heißt: „Die Wahrheiten und Vorschriften der mosaischen Religion werden in vollkommener Uebereinstimmung mit der heiligen Schrift (bei den Ceremonial- und Ritualgesetzen nach der traditionellen Auslegungsweise) gelehrt." Daß aber die Synagoge weder eine dogmatische, noch eine moralische, sondern nur eine ccremoniale und rituale Tradition anerkennt, ist ein Grundsatz, den auch die K. würt. isr. Oberkirchenbehörde sanctionirt hat. (S. Lehrbuch der. isr. Rel. Vorrede.) Doch gebe ich auch bei wichtigen nicht ceremonialen Stellen die traditionelle Auslegung an, und bas Ceremonialgesetz selbst wird, namentlich im 3. Jahre, wo es vorzugsweise behandelt wird, mit den gegenwärtigen Seminaristen mit sehr fleißiger Benutzung des Schulchan Aruch gelehrt. Der Unterricht wird also keineswegs „so ganz originell, so ganz im neuern Extrem ertheilt," wie Herr K. meint. Wenn es übrigens Herrn K. besser dünkt, erst die traditionelle und dann erst die natürliche Erklärung zu geben, so mag diese Unterscheidung bei Kindern von einigem Gewicht sein, nicht aber bei erwachsenen Jünglingen, die zum Selbstdenken angeleitet werden sollen. 3) Auch ich lege wenig Gewicht auf das jüdisch-deutsche Schreiben, aber ich muß es darum als Vorkenntniß fordern, weil es zur Zeit noch in unfern sämmtlichen isr. Schulen als Unterrichtsgegenstand cingeführt ist und dessen Abschaffung natürlich nicht von mir abhängt. Auch ist es zur Zeit noch keineswegs so ganz entbehrlich, wenigstens in unfern Landgemeinden (was, mit Ausnahme der hiesigen, alle'im Lande sind), wo es noch sehr viele giebt, die weder deutsch lesen, noch schreiben, und sich Behufs ihrer Correspondenz mit ihren in der Fremde weilenden Kindern rc. nur der lüdisch-deutschen Schrift bedienen können. Dagegen fällt es keiner unserer Gemeinden mehr ein, den Commentar Raschi als Unterrichtsgegenstand zu fordern. Hildburghausen. S. Steinhard. Wir halten hiermit, wofern nicht sehr wichtige neue Momente vorgebracht werben, die Sache für erledigt, und wünschen nicht, die Controverse weiter zu führen. Die Redaktion.

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