Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 25 (18.6.1841)
- Date
- 1841-06-18
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3133765-3133874-3133900--1194-3135416- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
196 Ansicht nach, nicht zu diesseitigem und jenseitigem Heile führen. Hierin sehen wir einen bedeutenden Contrast gegen die im Christenthum vorherrschenden Gewohnheiten. Die Juden waren ein lesendes und schreibendes Volk, aber ihre Schriften haben keine entnervende Tendenz. Feen, Geister, Genien und jene Verkennung himmlischer Vorsehung und stets ringende Tugend, welche den Tummelplatz neuerer Novellen bilden, sind innerhalb des Bezirks des hebräischen Alphabets unbekannt. (Diese Behauptung scheint etwas übertrieben, mindestens hat die Belletristik schon ziemlich zeitig auch unter den Juden ihre Freunde gefunden, und manche morgen- und abendländischen Mährchenhatten ihrehebräischen Bearbeiter, die dann auch noch original dichteten.) Wahr ist es, daß bedauerliche Mißgriffe und Thorheiten ihren Weg in die jüdischen Schriften fanden, aber sie wurden von den Autoren für ernste Wahrheit gehalten. Wenn sie mit der Bibel ihr Spiel trieben, waren sic selbst getauscht; und wenn sie überirdische Betrachtungen berührten, waren ihre Gegenstände stammende Seraphe und dienstthuende .Engel. Der Geist, welcher der hebräischen Lehrweise inne wohnt, ist der aller östlichen Lander; Ueberlieferung von Vater auf Sohn, von Lehrer auf Schüler; er ist nicht untersuchend, wie das der wesentliche Zug des alten griechischen Geistes und der neuern induktiven Weltweisheit ist, — er schauet stets rückwärts, haftet stets an der Vergangenheit. Was je frühere Weisen geschrieben haben über die Seele, über Moral, über Gottesverehrung, mußte das Beste sein; so daß eine gehaltreiche Erinnerung von Proverbien, Gemeinsprüchen und Gedichten die Stelle der einzelnen Forschung vertritt. Dies hat seinen Grund in der patriarchalischen Ehrfurcht vor dem Alter, und in dem Uebergewicht, welches alle Orientalen den spekulativen (?) über die räsonirenden Studien zugeftehen. Dennoch ist ausgemacht, daß seit dem Schluß der Prophetie, und seit der Vermengung mir andern Nationen, es keine Zeit gab, in welcher nicht Juden gewesen wären, die im praktischen Leben und in dem was man gemeinnützige Kenntnisse nennt, auf der Höhe der Gelehrten anderer Völker in ihren respectiven Jahrhunderten standen; ja sie haben hierin oft den Vortritt gehabt, denn lange vor der Entstehung des Aphorisms des Baco: „Kenntniß ist Macht," hatten sie schon in der heiligen Urkunde gelesen: „ein weiser Mann ist stark," und dessen Wahrheit bewiesen. In der Geschichte haben die Juden im 15ten Jahrhundert Chroniken verfaßt, aber nie hat sich ein zweiter Josephus gefunden; indeß was hatten Juden anders zu berichten, als die eintönige Geschichte von Leiden, welche den Geist und die Phantasie ertödtet? — Wie lange waren sie dem immer nagenden Geier am Felsen preisgegeben! — Wohl hatten sie während der arabischen Epoche einige Erholung, aber die Abfassung geschichtlicher Werke scheint keinem Volke in den Jahrhunderten des Lchnswesens in den Sinn gekommen zu sein. Auch fühlten sie sich als Fremdlinge, und stets von der Hoffnung einer baldigen Restauration genährt, scheinen die Juden ihre zeitige Verbannung für! kaum der Erwähnung werth gehalten zu haben.! In der Poesie ist gewiß vom Epos keine Spur;; Meister aber waren sie im rythmischen Verse, wo-! mit die Araber ihre Nachbarn entzückten, — objj wohl nur zu heiligen und erhabenen Zwecken. Sie ■j haben ihrer Poesie noch däs Metrum hinzugefügr, j und ihre Bemühungen waren von günstigem Erfolge, j! wie man schon aus den Thatsachen schließen kann,!l 1) daß sie eine große Zahl von Dichtern hatten, j! die alle in hohem Ansehen standen; 2) daß sie durch die Nähe der Araber, mit denen sie wetteiferten, I stets zu tüchtigen Leistungen angetrieben wurden. I (Fortsetzung folgt.) N e p l i k, betreffend das „Bedenken eines bayerischen Lehrers" in Nr. 20 der Annalen. Gegen meinen Lehrplan für den isr. Religionsunterricht am hiesigen Seminar, den ich in Nr. 47 und 48 der Ann. v. I. hauptsächlich deßhalb veröffentlichte, „weil die gcsammte Seminar-Ordnung von. Zeit zu Zeit einer Revision unterliegt und etwaige Erinnerungen gegen denselben, wenn sie sich als gegründet erweisen sollten, dabei berücksichtigt werben könnten," läßt sich Herr K. mit einigen Bemerkungen vernehmen. So sehr ich auch jede fremde, wenn auch der mcinigen entgegengesetzte, wahrhafte Ueberzeugung ehre und gerne bereit bin, meine Ansicht fallen zu lassen, wenn man mich von der Zrrthümlichkeit derselben zu überzeugen vermag, so muß ich doch gestehen, daß Letzeres Herrn K. in vorliegendem Falle nicht gelungen ist, wogegen ich jedoch gerne anerkenne, daß Herr K. die Sache mit Ruhe und ohne jene in solchen Dingen leider so häufig vorkommende Animosität besprochen hat. Indem ich in Folgendem die Gründe angebe, warum ich vorerst bei aneiner Ansicht beharren muß, bin ich jedoch nicht gesonnen, mich auf einen