Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 23 (4.6.1841)
- Date
- 1841-06-04
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Nachrichten und Korrespondenzen. London, (von einem Mitgliede der neuen Synagoge) April.*) — Folgendes sind die wichtigsten Punkte, über welche die neue Gemeinde sich verständigt hat; einige Nebendinge können füglich übergangen werden. 1. Der Gottesdienst soll alle Sabbalh gehalten werden und zwischen 2 bis 2'/? Stunde bauern (nach dem vorigen Bericht scheint auch täglicher Gottesdienst eingeführt zu sein). 2. Eine Auswahl aus den allgemein eingefübrlen Gebeten ist veranstaltet worben, nichts warb hinzugefügt, aber alles das gestrichen, was heutiges Tages keine Andacht oder fromme Gesinnung anzuregen scheint. Die für die Feiertage sind bereits gedruckt, mit den übrigen ist man auch bald fertig. 3. Alle Gebete müssen mit Nachdruck vorgetragen, nicht gesungen werden, wie in andern Synagogen (verlieht sich, alle hebräisch!) 4. Die Psalmen werden hebräisch von einem aus Männern und Knaben bestehenden Chor regelmäßig gesungen. 5. Eine Predigt wird jeden Sabbalh und Feiertag in englischer Sprache gehalten. 6. Dem mosaischen Gesetze zufolge wird nur ein Neulahrstag (also nicht wie im vorigen Berichte), ein Feierlag zu Anfänge und Ende des Laubhüttenfestcs und des Passah und einer der Gesetzgebung gehalten. Die Baucommission sucht in angemessener Gegend ein Gebäude, welches in eine Synagoge zu verwandeln sei, und wo man auch den Friedhof anlegen will. Bis jetzt besteht die Gemeinde aus 25 Familien, aber alle Wahrscheinlichkeit ist vorhanden, daß die Zahl mit der Consolidirung der Gemeinde bedeutend zunehmen werde. Der junge Mann, welcher als Vordeter und Prediger angenommen worden, ist energisch und sachverständig, und wird den reichen Schatz der aus Deutschland herüberkommenden homiletischen Materialien, welche zum Theil hier übersetzt ssnd und werden, zur Erbauung seiner Gemeinde! benutzen. Er bedient sich dabei der Freiheit, alles dem diesseitigen Geiste anzupassen, und liefert auch Neues und Eigenes. Dies ist eine Skizze der Maßregeln, welche, mit Gotteshülfe gut ausgeführt, reichlichen Segen verbreiten, und ■ zur Erhebung des sittlichen und religiösen Charakters der Israeliten um so mehr beitragen wird, als man alles veri mieden hat, was nur einen Schein von Sectirerei auf die Gemeinde werfen und neue Zerwürfnisse Hervorrufen könnte. Späterhin ein Mehres hierüber. S t. N i c o l a u in Ungarn, 17. Mai. — Es dürfte vielleicht nicht uninteressant sein, über den nunmehr vcrstorb. Rabbinen zu Szanto, der in der Alerandersohn'schen Angelegenheit zu Csaba eine bedeutende Rolle spielte, etwas Näheres >1 zu erfahren. — R. Eleasar, wurde 1761 — 2 in Polen j geboren (den Geburtsort kann ich nicht mehr bestimmen). I Zm 13. Jahre verheirathete er sich oder wurde vielmehr j verheirathet. Zm 18. wurde er Rabbiner zu Pilsen in > Böhmen, was zu damaliger Zeit fast beispiellos war, und! von seinem schon früh entwickelten großen Talente Zeugnch gibt. Von Pilsen ging er nach dem vorgerückten Tricsch in Mähren, wo er tolerantere Gesinnungen annahm. 1821 folgte er dem Rufe nach St. Nicolau in Ungarn, welches damals noch sehr zurück war, und seine Intoleranz wieder hervorrief und noch steigerte. 1830 ging er nach Szanto, das noch jetzt auf der tiefsten Stufe der Bildung steht, und wo er vollends zum Zeloten wurde. Dadurch und durch den gewöhnlichen anmaßlichen und ehrsüchtigen polnischen Charakter erklärt sich sein Benehmen in Alerandersohns Prozeß. — Es sind sehr viele halachische und agadische Werke von ihm gedruckt. Aus allen heben wir als nützlich nur die unter dem Titel nnt ->?, dem NüE'n und th Din zu Kiduschin beigedruckten berichtigenden und ergänzenden, mitunter auch erläuternden Noten heri vor. Ohne diese Noten sind diese Werke an vielen Stellen durch *) Später als unser voriger Bericht eingegangen. unzählige sinnentstellende Druckfehler unverständlich, die Thalmubquellen sind fast durchgängig gar nicht oder fehlerhaft angegeben. Auch verdient seiner Veranlassung wegen das halachische Werk pnx jroi erwähnt zu werden, das er, wie der Name besagt, zum Denkmale seines zu früh verstorbnen talentvollen Sohnes, R. Ahron, bestimmte. Die halachischen Werke sind chilukisch-polemischen Inhalts; sie zeigen von dem überaus glänzenden Scharfsinn des Verfassers, halten aber den Anblick der Kritik nicht aus und fallen von ihrem leisesten Hauche wie Kartenhäuser zuiammen. Die agadischen Werke enthüllen mit amüsirenben Gleichnissen und witzigen Einfällen (Halazoth) durchwürzte Deraschoth, wie sie damals beliebt waren, übrigens mehr der Theater-Kritik, als der der Homiletik angehörend. So viel Scharfsinn auch in diesen Werken aufgeboten ist, so kosteten sie doch den Verfasser nur wenig Anstrengung, er gab gleichsam seiner Feder nur die Richtung, und sie lief dann von selbst in den gewohnten Bahnen. Dieser merkwürdige Mann liefert einen neuen Beleg, wie selbst die ausgezeichnetsten Geister in den Strudel der allgemeinen Zeitirrthümer hincingeriffen werden, woraus sic sich nur durch einen Zusammenfluß günstiger Umstände herausarbeiten können. Er ging noch mir dem Plane um, einen chilukischen Commentar über den ganzen Thalmud herauszugeben, aber der unerwartete Tob vereitelte solchen Plan. (Schluß folgt.) Mecklenburg-Schwerin. — Unterm 18. März ist der dritte Bericht über den Wirkungskreis des Vereins zur Beförderung von Handwerken unter den Israeliten Mecklenburgs, welcher die Resultate bis men. 1830 fortführt, erschienen. Sehr verspätet allerdings, jedoch immerhin in dem kleinen Kreise ein neuer Beweis von der Wohlthätigkelt der Abschaffung mittelalterlicher Beschränkungen und von der Bereitwilligkeit der Israeliten, dem edeln Zwecke der bürgerlichen Durchbildung Opfer zu bringen. Kaum erließ Friedrich Franz s. A. (5. Jan. 1836) das väterliche Wort: „Alle jüdischen Handwerker (sollen) von Nehmung eines Schutzbriefes und in Folge davon von Entrichtung der Schutzgelder und Recognitionsgebühren völlig befreit sein, den jüdischen Glaubensgenossen der Zutritt zu allen Handwerken gestattet, auch jüdische Lehrlinge bei allen Handwerksänitern ein- und ausgeschrieben werben, auch die jüdischen Freimcister mit christlichen gleiche Rechte haben," als auch sofort ein Verein zusammentrat, um dem Gesetze im Leben Anwendung zu verschaffen, viele auswärtige Mecklenburger und viele Christen leisten ihren Beistand, und so hat er auch bereits in den ersten 3 Jahren gute Früchte getragen. Der Verein hat einen Vorstand in Schwerin (Dir.: M. I. Israel; Insp.: Solmar; Censor: D. Assur; Secr.: Dr. Marcus; Cassier: I. Lilienthal) und einen in Güstrow (R. M. Löser, L. Cohen, W. Hinrichscn, Em. Meyer, Nathanson), unter deren Leitung in den ersten 3 Jahren in allem 36 Handwerker der verschiedensten Art gebfldet und mehrere unterstützt worben. Mit besonderer Theilnahme lesen wir in dem Berichte folgende Worte: „Das von oben herab hinsichtlich der israelitischen Handwerker ausgesprochene freisinnige Princip hat, wie nicht anders zu erwarten war, höchst wohlthätiq auf den gesunden, biedern Sinn des mecklenburgischen Volkes gewirkt. Wie diejenigen christlichen Meister, bei welchen die Bencficiaten in die Lehre gegeben sind, sich denselben stets menschenfreundlich und liebreich beweisen und größtentheils selbst gewissenhaft darüber wachen, daß ihre israelitischen Lehrlinge den Vorschriften ihrer Religion nachleben; so ist auch die überall zwischen christlichen und israelitischen Meistern herrschende Harmonie eine gewiß höchst erfreuliche Erscheinung im lieben Vaterlande." Ohne Zweifel gewinnt die Thätigkeit des Vereins durch die ihm von Herrn Landesrabbinen vr. Holdheim gewidmete Theilnahme neuen Aufschwung und segenreichen Erfolg. _