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Israelitische Annalen · 1841-05-28 · Heft 22 (28.5.1841) · p. Seite 175

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 22 (28.5.1841)
Date
1841-05-28
Page
Seite 175 (sequence 7)
Language
German
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175 Ich darf Sie nicht erst des Eifers und der ernsten Theilnahme versichern, die ich für das Gedeihen Ihrer Schulen hege, wie für alles was zur Besserung des Schicksals der Israeliten in Aegypten beitragen kann, unter denen ich übrigens viele Freunde habe. — München. — Die Statuten des Unterstützungs-Vereins für israelitische Ackerbau- und Handwerkslehrlinge sind nunmehr in Druck erschienen. Aus.diesen ergiebt sich, daß er vorher, im I. 1826, blos allgemeinere Wohlthätigkeit zum Zwecke hatte, aber trotz der Veränderung der Gestalt desselben, im I. 1830, nnr wenig leistete, bis man 1839 eine völlige Erneuung des Vereins beschloß, indem ihm eine bestimmtere Richtung gegeben ward. Die Seele dieser neuen Einrichtung war Herr Rabbiner Au b, welcher sich der Sache mit Ernst und Liebe annahm. Unter seinem Vorsitze sind unter Mitwirkung der achtbaren Herren Dav. Neustätter, Arn. Marr, R. D. Rosendahl, Dr. A. Behr, Moritz Mändel und Markus Pflaum, die neuen (unterm 13. Dec. v. I. bestätigten) Statuten entstanden, welche unterm 14. Febr. c. erschienen sind. — Es ist ein starker Fortschritt unsrer Zeit, den ersten Rabbinen der Hauptstadt eines Landes, das über 50000 Israeliten zählt, an der Spitze eines Vereines zu sehen, welcher hauptsächlich das Erlernen der Handwerke und des Ackerbaues (nicht der höhern Ockonomie, sondern wie sich § 2 ausdrückt: für den Ackerbau als Bauernjungen Erlernende) unterstützen will, und zwar vorzugsweise in der Umgebung Münchens, also unter seiner speciellern Obhut. Die erste Bewerbung zu derartigen Unterstützungen ist vom 21. April, ab ausgeschrieben worden, und es kann, wenn die Mittel nicht zu sehr in Anspruch genommen werden, in der zweiten Hälfte des Vereinsjahres noch eine Ausschreibung eintreten. Jedem Suchenden wirb eine bestimmte Summe zuerkannt, die man auf dessen Bedürfnisse verwendet, und deren etwaiger Ueberschuß ihm späterhin baar verbleibt. Dieselbe betragt für jetzt 45 — 60 fl.; besonders werden die, welche sich anstrengendern Betrieben widmen, höhere Prämien zuerkannt. — Seine Einkünfte bestehen aus Zinsen seines bisherigen Fonds von cc;i. 5000 fl. aus monatlichen Beiträgen, Spenden, Synagogen-Sammlungen und Geschenken. Die Beiträge sind mindestens 24 Kr. per Monat. — Die Statuten sind sehr durchdacht und praktisch. Es steht zu hoffen, daß der Verein recht viel Gutes stiften werde. St. Nicolau in Ungarn, den 26. April. (Schluß.) — Unser Synagogenbau (dessen Grundsteinlegung am 11. Juni statt fand) geht sehr langsam vor sich. Ob es auch nicht besser wäre, daß er so lange verzögert würde, bis ein den neuern Bestrebungen sich anschließendes Geschlecht erwüchse, um ihn äußerlich und innerlich auf eine wahrhaft gottgefällige Weise auszuschmücken? lasse ich dahin gestellt. Wohlthätig wäre es gewiß, noch vor der Vollendung der neuen Synagoge diejenigen Mißbräuche abzuschaffen, die jetzt in dem krassesten Fanatismus keine Stütze finden können. Und da nimmt den ersten Platz ein, die'Versteigerung der gottesdienstlichen Funktionen während des Gottesdienstes, schon an sich höchst scandalös, indem sie die geweihte Stätte zu einem Marktplatze heradwürdigt, gibt sie noch Gelegenheit zu vielfachen Neckereien, ruft hervor oder begünstigt das vielstimmige Gemurmel und Geplauder und gibt unsren Feinden willkommenen Vorwand, den Juden die unvertilgbare Handelssucht vorzuwcrfen, „da sie sich selbst in ihren Gotteshäusern des Handels nicht enthalten können." Ferner mögen die ermüdend langen Segnungen — welche die Unruhen befördern — wenigstens abgekürzt und das Aufrufen, oder vielmehr Aufschreien zur Thora abgeschafft werden, gegen welches letztere sich freilich die meisten Rabbinen erheben würden. Ich könnte noch andere Mißbräuche aufzählen, aber einem eben so einsichtigen, als thatkräftigen Vorstand, hier vornehmlich dem Vorsitzer desselben, genügen einige Andeutungen. Daß doch die Zeit bald herankämc, wo ich nicht blos fromme Wünsche, sondern deren Realisirung berichten könnte! Ich habe in Nro. 49 der Annalen v. I. eine kurze, aber ganz der Wahrheit gemäße Beschreibung der Talmudthora-Anstalten in Ungarn geliefert, wodurch das so dringende Bedürfmß wohlorganisirter Schulen für die unbemittelten Kinder gewiß in die Augen springt. Aber noch dringender sind derselben bedürftig die bemittelten. Denn die meisten Privatlehrer in Ungarn sind thcils ausgeworfene Schlacken der Ieschibokh, theils von ihren Weibern entlaufene oder vertriebene Polen, die die Kutte mit einem Oberrocke vertauschen, die Haarlocken und den Bart abschcren, und nun was Wunder für Aufgeklärte zu sein glauben. Daß diese Leute von ihren Unterrichtsgegenständen gar keine, oder wenigstens sehr dürftige Begriffe haben, versteht sich von selbst. Wenn es aber hoch kömmt, sind solche Subjekte fähig, sich in ihren Unterrichtsgegenständen so ziemlich fvrtzuschleppen, jedoch in Methodik und Pädagogik ganz unwissend; dabei verspüren sie in sich nicht den geringsten Beruf zum Lehrfache, es ist ihnen vielmehr zur Last, deren sich möglichst bald zu entledigen, ihr innigster Wunsch ist, und sie würden jedes andere Gewerbe, wo größerer Verdienst winkt, mit beiden Händen ergreifen. Wie die meisten Halbgebildeten, werfen auch sie in religiösen Dingen mit der etwas bitterlichen Schale auch den genußreichen Kern weg; sie gefallen, sich gar wohl, über Religionsgesetze oder als solche geltende vornehm zu spötteln, und vermeinen dadurch Philosophen zu sein. - Und nun verwundre man sich noch, daß ihre Schüler, , die da sehen, mit welcher Trägheit und Schläfrigkeit, ja mit welchem Widerwillen die Lehrer unterrichten, wie sehr sie sich nach der Stunde sehnen, wo sie vom Unterrichten frei sind, wie sehr sie nach einem einträglichern Dienste verlangen; wie den moralischen und religiösen Lehren, die jetzt vorgetragen werden, im Augenblicke darauf entgegen gehandelt wird, — daß die Schüler solcher Lehrer unfromm und untugendhaft sind! Da sind jene Thalmudlehrer weit vorzuziehen; diese sind für ihren Unlerrichtsgegenstand, so wie für ihren Beruf enthusiastisch eingenommen; sie halten es für das gottgefälligste Werk, sich selbst und Andre zu unterrichten, "12^7 „lernen und lehren zu können," ist ihr tägliches inbrünstigstes Gebet. Dasjenige, was sie lehren, halten sie sehr heilig, und beobachten es mit möglichster Pünktlichkeit. Da riecht ihren Schülern wenigstens eine hohe Achtung nnd liefe Ehrfurcht vor der Wissenschaft und vor strenger Beobachtung der Pflichten, und wenden sie sich andern Wissenschaften zu, so thun sie es, wie die Erfahrung vielfach lehrt, mit eben dem Enthusiasmus, mit eben der gänzlichen Hingebung, mit eben der vünktlichen Befolgung des Erlernten, wie sie es bei ihren Lehrern sahen; während die Schüler jener Lehrer überall nur nach Gewinn ausgehen, nirgend um der Wissenschaft selbst, überall nur um kleinlicher Interessen willen, lernen. Uebrigens ist hier nur in timst die Rede; hie und da mögen sich wohl Lehrer finden, und Schreiber dieses kennt selbst welche, die von ihrem heiligen Berufe durchdrungen, den meisten an sie gestellten Forderungen zu entsprechen suchen und auch wirklich entsprechen, so wie er auch ältere Lehrer kennt, auf die Obiges ganz und gar nicht paßt. Gleichwohl wäre es vorlheilhaft, wenn man schon aus den jetzt fungirenden Privatlehrern das Schullehrerperpersonal bildete, indem einerseits die Schüler vom Privatwandel der Lehrer entfernt wären, und also den grellen' Conlrast zwischen Lehre und Leben nicht sähen, und andrerseits die Lehrer selbst durch eine Schulinfpection an ihre Pflichten erinnert werben könnten. Aber es werden wohl noch Decennien vorübergehen, ehe auch nur in den größern Gemeinden Ungarns Schulen zu Stande kommen werden, es wäre denn, es käme ein Cremieur herbei, der 6000 Fr. jährliche Unterstützung für iede Schule verspräche. — lieber das Vorhaben des St. Georger Rabbinen verlautet nichts; es wäre zu wünschen, daß ein Unterrichteter hierüber öffentlich zu berichten Gelegenheit nähme. — B. M—sch. «

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