Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 22 (28.5.1841)
- Date
- 1841-05-28
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3133765-3133874-3133897--1171-3135390- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
176 | Literatur. Das Buch Kusari, übersetzt und commentirr von H. Jolowicz und David Cassel. Leipzig bei H. Francke. Iftes Heft. IV und 96 S. gr. 8. (Beurtheilt von K—m.) Es ist gewiß eine sehr erfreuliche Erscheinung der Neuzeit, daß es den vereinten Bemühungen jüdischer und christlicher Gelehrten gelang, die jüdische Literatur mit ihren sehr lehrreichen Disciplinen aus der Finsterniß mittelalterlicher Grüfte an's Tageslicht zu ziehen und auf die Stufe externer Wissenschaft zu erheben, damit sie ebenfalls angedaut und mit Sorgfalt gepflegt, als eine aus dem Morgenlande herüber verpflanzte Blume fortblühc und im Gebiet der Theologie und der Historie zum Fortschritt der Erkenntniß beitrage; dennoch laßt sich nicht leugnen, daß die Kritik andrerseits durch die niederschlagenden Resultate ihres fast durchweg negirenden Zweckes dem praktischen Leben des Judentums Eintrag gethan hat. Die neuere Kritik war allerdings von wesentlichem Erfolge, in so weit sie vernunftwidrige Prinzipien bekämpft, unbegründete Formen, die man mit ängstlicher Scrupulosität für unabänderlich hielt, auf ihren richtigen Ursprung zurückgeführt, an die Stelle der starren, alle edeln Geisteskräfte zerreibenden und vernichtenden Kasuistik, den realen Wissenschaften Raum gemacht bat,— und von dieser Seite angesehen, hat sie ihre Aufgabe gelöst; es ist aber an der Zeit, daß der Verstand auch dem Glauben sein Recht lasse, und ihn nicht ganz und gar verdränge. Die Lebensfrage, wie der alte Glaube mit der Vernunft zu fassen, und seine Wahrheit auch mit einfacher Verstandesentwickelung darzulhun sei, hat seit den ältesten Zeiten die größten Geister beschäftigt; aus ihr cnsprangen die berühmten theologisch-philosophischen Werke, Llorek, Kusari ic. Dieselbe Frage erneut sich auch in unsrer Zeit, mit dem Unterschiede jedoch, daß in den ältern Zeiten hauptsächlich der Aberglaube, in unsrer mehr der Unglaube, bekämpft wird, vormals mußte die Acgide der Vernunft gegen jenen, jetzt der Schild des Glaubens gegen diesen schützen. Ein treffliches Hülssmittel zu den heutiges Tages nöthigen Arbeiten ist nun aber das Studium jener philosophisch theolognchen Werke der spanisch-arabischen Schule, aus welcher eine umfassende Kenntnis des Wahren und Guten im Iudenthume geschöpft werden kann, und es ist sehr werdienstlich, zumal bei der immer mehr abnehmenden Bekanntschaft mit den Urschriften, diese den Laien durch gediegene Ucbersetzungen zugänglich zu machen, und somit die alten Hörsäle der Philosophie von neuem zu öffnen. Wie es im Ilten und 12ten Jahrhundert das Streben jener Schule war, den Keim zu einem freien Rationalismus zu legen, theils um den tobten Buchstaben zu beleben, und den fast erstarrten Formen eine neue Bahn der genetischen Fortbildung zu bezeichnen, theils um gegen Islam und Christcnthum gerüstet dazustehen, so dienen ihre Werke in der gegenwärtigen Zeit dazu, mancherlei aus unserer Mitte hervorgehende Widersprüche zu beseitigen, anmaßlichc Keckheit abzuweisen, und die von Zweifeln über den inner« Werth unsrer Lehre gequälten Gemüther von deren wahren Beschaffenheit klare Begriffe zu geben, und somit die Abgeneigten zur Religiosität zurückzuführen. Schon verdanken wir dem Fleiße mehrerer Gelehrten die Uebersetzung des More und des Ikkarim, welche in den Händen jedes gebildeten Israeliten sein sollten; jetzt tritt auch das berühmte Kusari hervor, (von welchem der Brachiel sagt: „Maimonibes Worte sind der Wahrheit näher als der Lüge, Ralbag (Gcrsonides) Worte, der Lüge näher als der Wahrheit, aber I ehuda hallevi's (Vf. des Kusari) Worte sind lauter Wahrheit." Inzwischen hätten wir ein umsichtigeres Verfahren bei Bearbeitung dieses Werkes erwartet. — Iehuda hallevi schrieb bekanntlich, wie alle Gelehrten seiner Zeit, arabisch, aus welcher Sprache Iehuda » ben Kardaniel und, Iehuda den Tibbon es in's Hebräische übertrugen. Von des Erster» Uebersetzung haben sich nur einige wenige Glossen (s. de Rossi Di-/., stör.) erhalten, nur die der Andern, welche der ausgezeichnete Kritiker As. dei Bossi wegen Mangels der Treue sehr tadelt, ist noch vorhanden. Bei Vergleichung der hebräischen Uebersetzung des More, welche von Samuel b. Tibbon, dem Sohne des Kusari-Uebersetzers herrührt, bemerkt Asariah v. 36. p)DD bo annon pan; xin nx \X12 1^X1 TmSD Und in der That sieht auch jeder Kenner, daß wenn der Verf. des Kusari (s. Moscato praef.) Kürze und Präcision nachgerühmt und gesagt wird, er habe kein Iota zu viel geschrieben, diese Uebersetzung keinesweges dem Originale entsprechen könne. Um so mehr müssen wir es bedauern, daß die obengenannten Editoren ihre deutsche Uebersetzung lediglich nach dieser sehr mißlungenen Uebertragung veranstalten, und nicht das arabische Original (welches in Oxford vorhanden ist) zum Grunde legten, wodurch ihre Arbeit offenbar an Wahrheit gewonnen hätte. — Aber auch bei der Edition des hebräischen Textes finden wir nicht die versprochene Sorgfalt. Dem Vorworte gemäß wollen die Editoren den Text nach den ältesten Ausgaben emendirt haben; allein eine Vergleichung mit den bekanntesten Ausgaben hat uns keine Variante entdecken lassen, mit Ausnahme sehr vieler Druckfehler. (S. 7 10. 15. 24. 37. 66. 66 fehlen theils Wörter, theils ganze Phrasen; sinnentstellende Buchstaben sind häufig). „ Die deutsche Uebersetzung indeß ist klar, meist treu, correkt und gut geschrieben, die Kunstwörter mit entsprechenden Ausdrücken wiedergegeben, öfters frei und paraphrastisch, wo es der Sprachgenius erfordert, — aber an einzelnen Stellen mangelhaft, da wo man, um neu zu sein, ohne Grund von den ältern Commentaren abwich. — Der hinzugcfügte Commentar zerfällt in zwei Richtungen. Derjenige, welcher linguistischen Erörterungen gewidmet ist, hat gar keinen wahrhaften Zweck, und konnte, da er die Wissenschaft nicht bereichert, füglich wegbleiben, während der philosophische Theil desselben, welcher den Ideengang beleuchtet, seine Bestimmung meist recht gut erfüllt. (Schluß f.) Zur gütigen Notiznahme. Heber das jüdisch-archäologische Buch EP2 habe ich mannichfallige Forschungen angcstellt. Ich gedenke dieselben späterhin in einer besonder» Schrift, Abhandlungen über des Werkes topographischen Inhalt nebst historisch-kritischer Einleitung enthaltend, der Oeffentlichkeit zu übergeben. In dieser Einleitung soll namentlich unter Anderm die bisher rccipirte Abjudication des genannten Werkes einer genauen Prüfung unterworfen werden, so daß selbst die Berichtigung der von den verehrten Literaten Zunz, Rapaport, Geiger und Carmoly mitgerechnet, kundgcgebencn Voraussetzungen hinsichtlich der Adjudication unvermeidlich geworden. (Dabei mag ich keinesweges verkennen, baß auch meine hierhergehörige Bemerkung — s. israel. Annalen 1839. S. 34»—einer neugewonnenen Ueberzeugung weichen muß.) Jedoch fehlt mir zum Abschluß der hier berührten. Untersuchung wie zu andern damit zusammenhängenden Forschungen noch manche Auskunft. Auch ist es mir völlig unbekannt, ob von dem fraglichen Buche eine Handschrift, so wie andere Manuscripte und seltene Druckwerke existiren, die weitern Aufschluß über des Verfassers Lebensumstände und übrige Leistungen geben könnten. Indem ich hierdurch die Aufmerksamkeit der Kenner und Freunde der jüdischen Literatur und morgenländischen Alterthumskunde auf diesen Gegenstand hinzulenken beabsichtige, richte ich an dieselben die ergebene Bitte: Etwaige, noch nicht bekannte hierauf bezügliche Nachrichten, schriftlich gefälligst an mich gelangen zu lassen. Königsberg, im April 1841. Samuel Meklenburg. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer in Frankfurt am Main.