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Israelitische Annalen · 1841-05-28 · Heft 22 (28.5.1841) · p. Seite 170

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 22 (28.5.1841)
Date
1841-05-28
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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170 ger der reiner« Lehre. Was aber nachmals? — Finsterlinge und Fanatiker wollen Israel stets mit einem Fluche belastet herum wandern sehen, damit der Gott der Liebe auch als Gott der Rache erscheine! — Dagegen erblicken jüdische Gelehrte in der Mission ein rührendes, erhabenes, gewissermaßen tragisch großes Moment, die unbegränzte Ausdauer mitten unter schweren Leiden! —Recht schön und poetisch, — aber beklagenswcrth die armen Individuen, die in so großer Anzahl ausersehen sind, solche Poesie darzustellen! Beides ist nicht wahr! Auf der einen sucht man nur Scheingründe zur Beschönigung der Unterdrükkungen, und auf der Andern eine Art Entschuldigung für die Muthlosigkeir, die sich in ihre Fessel findet, weil die Kraft, sie zu brechen, schon vorher gelähmt war. — Die Zeiten sind vorüber! Die höhere Geistesbildung des Stärkern will nicht mehr rohe Gewalt üben, und gönnt vielmehr den Unterdrückten die Freude, sich wieder emporzurichten; cs wäre daher verkehrt von diesen, mit der Poesie in ihrer Passivität zu beharren! — Thatkraft entwickeln heißt die Weihe des Menschen erkennen. Thätigkeit allein verleiht dem Dasein Werth und Genuß. Das stille Hinbrüten ist physisches und geistiges Hinsterben. Ein Shylok (obwohl nicht der Natur gemäß gezeichnet) steht weit höher, als der „gutmüthige, aber schwache, gefällige aber kriechende/ wohlthätige aber charakterlose Schema, dessen Hundestreue so ästhetisch kleinlich erscheint." (Sehr wahr!) Diese Thalkraft ist nunmehr erwacht! sie versucht sich in allen Wissenschaften und Künsten, die „stupide Behauptung, er sei der Thalmud der Inbegriff alles Wissenswerthen," weicht der bessern Regsamkeit, die bereits nach Außen Anerkennung gefunden hat. Der vorige Landtag hat dies auf's Unzweideutigste bewiesen. Um so mehr muß diese Theilnahme neue Thätigkeit wecken, und die Kräfte bestimmen, sich zu sammeln, den gemeinsamen Fortschritt zu ordnen und zu regeln, und die Vereinzelung der Bestrebungen, die oft an der Unzulänglichkeit der Mittel scheitern, nicht ferner bestehen lassen. Von politischer Einigung kann die Rede nicht sein; die Idee vom Staat im Staate findet ihre Widerlegung praktisch genug in der argen Zersplitterung und Zerwürfniß der Gemeinden; aber religiöse Einheit fordert die Zeit, gemeinsames Aufrechthalten energischer Lebensgrundsätze, und dazu müssen tüchtige Volkslehrer und wohlgeordnete Anstalten erstehen! — Auf Gründlichkeit muß gedrungen werden. „Die literarische Näscherei ist zwar sehr wohlschmeckend und giebt vorzüglich der gesellschaftlichen Conversation eine eigene Würze, sie gewahrt aber nicht jene sanfte Ruhe, jene innere Zufriedenheit, die Folge klarer Erkennrniß ist. Die sogenannte Zeitschriftengelehrsamkeit ist eine Lockspeise, bei der das Gift ästhetischer Gewissensbisse mit dem Zucker schwankender Polyhistorie überzogen ist. Das aufkeimende Talent schätzt sich glücklich, mit dem Flitterstaate einer oft unbemerkten Publicitär zu prunken, und vergißt ganz, daß gewöhnlich in später» Jahren Reue über solche literarische Jugendsünden entsteht." — Bei den Israeliten sind viele Anlässe vorhanden, die ungründliche Vielwisserei zu befördern, welche besonders der methodischen Realkenntniß im Wege steht. „Dem Leckermaule will eine derbe, kräftige Kost nicht munden, weil sein Magen durch Leckerbisse verzärtelt, sie nicht verdauen kann; so kann auch der geschwächte, verzärtelte Geist das Ernste und oft Trockne einer systematisch behandelten Wissenschaft nicht vertragen, und wandert lieber im Reiche der Phantasie, auf der lebhaften Straße der Hypothesen, als in den ernsten Regionen einer kalten Erfahrung." (Wie wahr dieß ist, beweisen unzählig viele literarische Versuche der neuern Zeit!) Die Schuld an dieser Oberflächlichkeit trägt schon der erste Bibelunterricht, und die im jugendlichen Geiste erzeugte Jdecnverwirrung, die später meist nicht wieder entwickelt wird. Selbst die erschienenen Bibelübersetzungen geben mitunter davon Zeugniß. Es ist Thatsache, daß von der verhältnißmäßig überaus großen Anzahl gelehrter Israeliten, die eine wahrhaft anstaunenswerlhe Summe von Materialien der gesetzlichen Casuistik und der spekulativen Philosophie besaßen und mit Scharfsinn zu behandeln verstanden, kaum Einer von Tausenden der Naturkunde, der Linguistik oder den historischen Wissenschaften seinen Fleiß zuwendete. Und das ist der Grund jener schiefen Geiftesrichtung. Um so mehr ist es an der Zeit, auf Klarheit und Gründlichkeit der Geistesbildung hinzuarbeiten, wodurch dann die letzten Hemmungen der Emancipation aus dem Wege geräumt werden. Alle diese Gedanken sind nicht neu, aber immer nicht genugsam verbreitet, und es ist verdienstlich, sie bisweilen in Erinnerung zu bringen.

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