Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 21 (21.5.1841)
- Date
- 1841-05-21
- Page
- Seite 166 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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166 begab sich in eine große und hohe Halle, wo ein langer Tisch nach europäischer Weise mit 70 Gedecken, wohlbesetzt stand. Das Mittagessen war höchst kostbar und bot alles dar, was Natur und Kunst Ansprechendes zu liefern vermochten; das Llltrewet von Süßigkeiten und Eingemachtem war vorzüglich gewählt, und reizte die Sinne durch Mannichfaltigkeit und Fülle. Am Schluß des Mahles wurden die Gesundheiten der Königin Victoria, des Kaisers von Oesterreich, der Verbündeten Mächte und des Sir Moses unter allgemeine warmer Theilnahme ausgebracht. Um sieden Uhr ward das Staatszimmer erleuchtet, und der Glanz der Kronen überstieg alle Erwartung. Einige Minuten darauf hatten die Gäste wieder ihre Plätze auf dem großen Divan eingenommen — der große Hofraum erglänzte wie durch einen Zauderschlag von weiter blendender Erleuchtung, die schönen Vorhallen zeigten die herrlichste Illumination, die man erdenken kann, und die Orangenbäume waren mit Kränzen von bunten Lampen umgeben, welche in unzähligen Farben strahlten. Der Himmel darüber war dicht mit Sternen besetzt, die Wasser des großen Beckens sprützten aus verschiedenen bisher unbemerkten Röhren, eine Truppe Musikanten spielten orientalische Melodien; sie bestand aus dem Hackebrett, dem Hautbois und mehrern Saiteninstrumenten und stimmten in schöner Harmonie; und schließlich und vorzüglich (last, tliough not least) trug auch die Gegenwart der Damenwelt aus der Gemeinde zur Verherrlichung dieser unvergleichlichen Scene dar. Die Liebenswürdigkeit einiger der jüngern Jüdinnen war hinreißend, und die anmuthige Art, wie sie die Aufmerksamkeiten der galanten Fremden aufnahmen, machte einen unauslöschlichen Eindruck." „Als der Abend seinem Ende entgegenging, kehrte Oberst Churchill in das Staatszimmer "zurück, und redete die versammelten Gäste an, um sich zu verabschieden. Unter den Anwesenden befanden sich die vierzehn Juden, welche bei der jüngsten Verfolgung so entsetzlich gelitten hatten und an den Folgen der barbarischen Behandlung noch jetzt meistens schwer leiden müssen. Der Oberst sprach Französisch; als Dolmetscher stand ihm Signor Pistochi, der Sohn des österreichischen Consuls zu Kahirah, zur Seite. Nachdem er für die vortreffliche und gastfreundliche Aufnahme dem ganzen Kreise rundum seinen Dank ausgesprochen hatte, und sich glücklich pries, zu einem so ganz eigenen und merkwürdigen Verhältniß ausersehen worben zu sein, sprach er in den belobendsten Ausdrücken von dem musterhaften und patriotischen Verhalten des Sir Moses Montefiore, welcher mit so glücklichem Erfolge sich bemüht habe, den Hebräern der Levante und Syriens eine volle und unumwundene Feststellung ihrer politischen Rechte und Privilegien, abseiten der Pforte zu erlangen. Er sprach die Ueberzeugung aus, daß unter der milden und väterlichen Regieruug Abdul Meschid's die jüdische Gemeinde nicht bloß ihre gegenwärtige günstige Stellung bewahren, sondern an Wichtigkeit und Ansehn zu einer unentbehrlichen Stütze der kaiserlichen Macht gelangen werde, und schloß mit folgenden Worten: „Ich hege die Ueberzeugung, lieben Freunde, daß mein Vaterland in eurem Andenken den ersten Platz einnehmen werde. In der Stunde eurer schwärzesten Prüfung und eures Jammers eilte England, euch mit seiner ruhmvollen und siegreichen Aegide zu beschützen. Andere Mächte zeigten allerdings edles Mitgefühl in eurer Sache; aber in England fand euer Schmerz und euer Jammer einen Widerhall, und bewirkte eine nationale Gefühlsäußerung, welche die teuflische Bosheit, die euch zu Boden trat, nieberwarf, und euch aus den Händen eurer schändlichen Varfolger rettete. England bewährte sich als euer beständigster, ausdauerndster und treuester Freund. Möge diese frohe Versammlung als ein Unterpfand jener Freundschaft fernerhin betrachtet werden und als ein Vorläufer solcher Verbindung und Eintracht zwischen der Englischen und Jüdischen Nation, welche gleich ehrenwerth und vortheilhaft für beide werden dürfte. Ja, Freunde, es gab einst ein jüdisches Volk, berühmt in Wissenschaften und ruhmreich im Kriege. Jene schönen Ebenen und Thäler, welche die wilden und unstätcn Araber jetzt inne haben, wo jetzt Verwüstung mit eisernem Stabe waltet, blüheten einst in üppiger und fruchtreicher Saatenfülle und erklangen von Gesängen der Töchter Zions. Möge Israels Befreiungsstunde nahe sein! (Hier ward der Redner von dem lauten Zurufe: Inch allah! Inch allah! Gott gebe es! Auf England vertrauen wir! rc. unterbrochen). Möge die Annäherung der westlichen Gesittung diesem herrlichen Lande die Morgenröthe seiner Regeneration und seines politischen Lebens bringen! Möge die jüdische Nation noch einmal unter den Mächten der Welt ihren Rang und ihre Stellung einnehmen! Die Nachkommen der Maccabäer werden sich ihrer berühmten Vorfahren würdig machen!" — Noch einige Bemerkungen machte der Oberst, dann schloß er seine Rede, und die ganze Gesellschaft brach auf, höchst befriedigt von der gastfreien Aufnahme, die ihnen geworben. — Frankreich. — Die Archives Israelites de France vom Monat April bringen verschiedene sehr interessante wissenschaftliche Bemerkungen, besonders aus den älteren Vorlesungen des Herrn A. Franck über die Kabbalah, so wie auch einige Neuigkeiten. Von letzter» dürsten folgende zunächst allgemeineres Interesse haben: Die Verwaltungscommission der Bürgerspitäler zu Bordeaux hat an den dortigen Grand-Rabbin geschrieben, um ihm anzuzeigen, daß die Statuten gebieten, jedem Kranken auf Verlangen'den Geistlichen seiner Confession zu rufen; daß somit auch ihm für israelitische Kranke dieser Artikel mitgetheilt werde, mit dem Bemerken, daß ihm jeder Eintritt und jedes Ausscheiden eines israelitischen Kranken gemeldet werden solle, so wie auch, daß die Rabbinen seines Sprengels sich bei jedesmaligem Besuche des Spitals sich die Notizbücher vorlegen lassen können, um etwa nöthige Bemerkungen zur Nachachtung einzutragen. — Dort ist die Gleichheit in jeder Hinsicht zur Wahrheit geworden! Am 29. Mär; starb in Bordeaux M. Isaak F o y, 85 Jahr alt, ein Mann von ausgezeichneter Rabbinischer Gelehrsamkeit; ftüher berühmter Vorbeter in der Synagoge zu Bayonne;