Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 20 (14.5.1841)
- Date
- 1841-05-14
- Page
- Seite 157 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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157 öffentlichen Prüfung einlud, machte hier und nicht mit Unrecht viel Aufsehen. — Wohl hörten wir in diesem Jahre treffliche Aeußerungen über jüdisches Schulwesen, wie es heilsam zu verbessern sei, aber da konnte nur hauptsächlich die Rede sein von Lehranstalten, die zu einem gewissen Berufe im Judenthume führen sollen; *) allein Herr vr. Stern unternahm es jetzt, den Plan zu einer höhern jüdischen Knabenschule zu entwerfen, die das jüdische Kind nicht bloß unterrichten, sondern zum Juden erziehen soll, und zwar vom Momente seiner ersten psychischen Lebensäußerung, wodurch es zu irgend einer Unterweisung überhaupt fähig wird, bis zum Schlüsse seines Knabenalters herauf, wo der Jüngling mit einem gebildeten Geist, einem veredelten Herzen und einem tiefen religiösen Gemüth ausgerüstet dastehen muß, um nicht in dem Strom des Lebens unterzugehen, noch an den Klippen, die dem edelsten seines stammväterlichen Erbgutes drohen, zu scheitern. — Wir können uns hier nicht auf eine weitere Analyse jenes interessanten Programms einlassen, und wollen hier nur noch bemerken, daß wir die darin ausgesprochene Idee vollkommen billigen. Die Religion ist in der That kein besonderes Lehrfach, sondern sie ist eine Lehre, die den ganzenJdeenkreis des religiösen Menschen durchdringen, und alle seine Handlungen in einen Brennpunkt vereinigen muß. Es genügt nicht dem jüdischen Knaben, bloß einige Stunden wöchentlich Religionsunterricht zu erth eilen, denn auf diese Weise würde derselbe höchstens nur dem Verstände die Religionskenntniß beibringen, ohne das Herz anzuregen, ohne das Gemüth zu erheben, ohne ein künftiges, thatkräftiges religiöses Leben zu erwecken und auszubilden. Die Religion muß von allen Seiten dem Kinde dargereicht werden, in den Lehrbüchern durch Beispiele gelehrt, in Erzählungen verdeutlicht; die Liebe zu seinen Glaubensverwandten durch ein inniges liebevolles Vcrhältniß verbreitet, durch gemeinsame Festesfeier erhöht und die zarten Saiten seines Herzens durch eine von allen Seiten es harmonisch anregende Umgebung, deren klarer Grundton die väterliche Religion bleiben müsse, zu den schönsten Nachklängen im künftigen Mannesalter, bei Zeiten gestimmt werden. — Es giebt nur ein Mittel, der jugendlichen Seele Eindrücke einzuprägen, die in ihr für immer unverwischbar bleiben und stets in unverkennbaren Zügen dastehen sollen, u. d. i. — einen Gedanken in den verschiedensten Formen, bei verschiedenen Gelegenheiten, ja selbst wo das Kind es gar nicht erwartet, ihm vor die Seele zu führen. Diese Wiederholung des einen Inhalts unter den mannichfaltigsten Erscheinungen bewirkt die bleibendsten Folgen und bildet jenes innige Verwachsen des Denkenden mit dem Gedachten, jenes mächtige Band, das den Geist an eine gewisse Idee knüpft, das für das ganze Leben unzertrennlich dauert. Wenn es daher unserer aufblühenden Jugend. in den jetzigen kritischen Zeiten an einer religiösen Erziehung Noth thut, woran gewiß Niemand zweifelt, so kann sie nur auf diese Weise beschaffen sein. j *) Dies scheint auf die Feierlichkeit bei Eröffnung des Berj liner Seminars zu deuten. D. H. 1 Herr vr. Stern spricht sich ferner unverholen und in kräftigen Worten über die Gleichgültigkeit der hiesigen jüdischen Eltern, selbst der Strengern, für eine jüdische Erziehung ihrer Kinder aus; er wirft ihnen mit Recht vor, ihr sclavisches Anbeten alles Ehristlichen und das unbegründete und ungerechte Mißtrauen (?) zu jüdischen Lehrern und Erziehern bloß darum, weil sie Juden sind. Dies ist wirklich jetzt der verwundbarste Punkt und eine nicht genug zu rügende Schwäche in unserer Mitte. Dieser Mangel an Vertrauen zu uns selbst entfremdet uns einander; nach innen hemmt er die kräftigste Entwickelung unserer besten Kräfte, nach außen aber rechtfertigt er das noch immer gegen uns gehegte Mißtrauen, und kann mithin nur Unheil stiften. — So weit über das Programm. Was die öffentliche Prüfung betrifft, welche am 30. März d. I. abgehalten wurde, und deren Augenzeuge Referent war, so widerlegte sie einerseits de facto das in dem Progromm erwähnte ungegründete Mißtrauen (?) gegen jüdische Schulen und deren Lehrpersonal, andrerseits bestätigte sie die gerügte Gleichgültigkeit der Eltern gegen die Erziehung ihrer Kinder. — Die vor- und nachmittägige Prüfung wurde mit einem schönen Choralgesang unter Leitung des Herrn Jeretzky eröffnet und beschlossen. Schon dieß verdient mit Lob hervorgehoben zu werden, denn leider hat es bei uns bisher an nichts so sehr gemangelt, als an der frühen Ausbildung des ästhetischen Gefühls, welches durch einen harmonischen Choralgesaug auf das Dortheilhafteste gefördert wird, und selbst auf die Ordnungsliebe der Schüler vom besten Einflüsse sein muß. Herr vr. Stern prüfte im Lateinischen, in der Algebra und deutschen Sprachlehre. Im Erstem gewährten die Schüler, so weit es in dem Plane einer höhern Knabenschule liegen kann, die besten Resultate. In der Algebra hingegen entwickelten sie eine mehr als erwartete Fähigkeit und eine Gewandtheit, die von einem Eindringen in das Wesen dieser Geistesoperation zur Genüge zeugte. Dieses stellte sich aber noch bei weitem klarer heraus im dritten Lehrgegenstand, der deutschen Sprache. Hier hat Herr Dr. Stern, schon früher durch seine gediegenen Arbeiten im philosophisch-liguiKischen Gebiete bekannt*), Gelegenheit gehabt, darzuthun, daß eine wissenschaftliche Vcrkraurheit mit den philosophischen Elementen der allgemeinen Sprache der noch kindlichen Menschheit um so fähiger sei, im kindlichen Menschen die Elemente der sich in ihm zu entwickeln beginnenden Sprache zu erforschen und sie ihm zum Bewußtsein zu bringen; man konnte da sehen, was eine gute Lehrmethode vermag, wie sie im Stande ist, den kindlichen, noch unentwickelten Verstand in die Tiefen der Reflexion über seine eigene primäre Lebensäußerung, die Sprache nämlich, einzuführen. Fürwahr, es ist ein solches Denken über das Sprechen eine weit bessere Propädeutik für ein späteres richtiges Denken als das gewöhnliche Sprechen über bas *) Vorläufige Grundlegung zu einer Sprachphilosophie von vr. Stern. 1»35.