Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 19 (7.5.1841)
- Date
- 1841-05-07
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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148 wie planlos und flüchtig sie ihren Gegenstand behandle, wie sie gar keine Farbe habe und doch auch andrerseits mit grobem Fanatismus um sich schlage, wie sehr sie alle Regeln der Sprache verletze, und welche verkehrten Begriffe sie für Wahrheit ausgebe! In der That ist die neuere Broschüren- Literatur schon so sehr verflacht worden, daß man froh sein muß, auf dem historischen Felde noch etwas kräftigere Geistesproducte anzutreffen, und es ist um so verdienstlicher, solche anmaßliche Arbeiten, die auch auf diesem Gebiete mit ganz oberflächlichen Zügen etwas zu leisten unternehmen, vor den Augen der gar leicht getäuschten Leser auf ihren wahren Werth zurückzuführen. In Frankreich haben die Israeliten, selbst wenn man den geistreichen Salvador mit einschließt, noch sehr wenig Gutes zur Kenntniß ihrer eigenen Geschichte producirt, und es wäre gut, wenn die Rabbinenschule zu Metz einmal Leute ausstellte, die sich in der historischen Wissenschaft hervorthäten. Dazu helfen aber nicht solche Muster, wie die des Herrn Lambert! Verona.*) — Edele Handlungen bekannt machen, denen, welche für die bürgerliche Gesellschaft wahrhaft nützlich wirken, die gebührende Anerkennung zollen, ist für jeden Gefühlvollen eine Freude, eine Pflicht. Ich glaube in der That eine heilige Pflicht zu erfüllen, indem ich einen, wenn auch nur kurzen Bericht von dem so eben auf die Verwendung des trefflichen Rabbiners, Herrn Abraham Grego zu Verona, errichteten Mädchen-Institut erstatte. Wohl sehe ich ein, daß indem ich eile, die ersten Anfänge einer Schule darzustellen, ich mir das Vergnügen noch versagen muß, deren heilsame Wirkungen zu erzählen, aber so viel darf ich sagen, daß die Thätigkeit und die Methode der Unterrichtenden, der lebhafte Eifer der Dirigirenden, und die weise und und sorgfältige Einrichtung, worauf die-Anstalt fußt, die schönsten Resultate hoffen lassen. Obengenannter Rabbiner kehrte aus Padua, nachdem er dort im Collegio Rabbinico graduirt worden, in seine Heimath zurück, zu seinen Glaudensbrüdern, unter denen er die ersten Iugendjahre verlebt hatte. Mitten unter diesen geboren und erzogen, kannte er nur zu sehr die Unwissenheit, in welcher der ärmere Theil schmachtet, ohne daß sich irgend eine helfende Hand zeigte, diesen aus dem Elende herauszuzichen. Unterrichtet in den erhabenen und heiligen Prinzipien des Iudenthums in der Schule des wahrhaft unvergleichlichen Luzzatto ausgebildet, begabt mit einem trefflichen Gemüthe und einem sichern großartig und weithinausschauenden Scharfblick, fühlte er in sich den Beruf, sogleich an's Werk zu gehen! Mit einer starken und eindringlichen Rede wußte er seine Glaubensbrüder zu rühren, und forderte sie dann auf, eine Schule für das weibliche Geschlecht zu errichten! Sofort erklärten sich viele bereit, mitzuwirken; freiwillige und bedeutende Zusagen werden *) Die italienische Originalzuschrift ist von dem im Collegium zu Padua ausgebildeten und eben jetzt mit Auszeichnung graduirten Candidaten, Hrn. Abr. Mainster, dessen bereits in Luzzatto's Virgo filia Jehudae S. 108 rühmliche Erwähnung geschieht. gesammelt; er bildet aus den Wohlthätern einen Verein, überwindet eine Menge Hindernisse, und — am Abend des 6. Adar 601 (1. März 1841) ward das Mädcheninstitut eingeweiht, welches von dieser wohlthätigen Gesellschaft errichtet worden. — Welch ein schöner Abend war das für mich! Da sah man nicht mehr Leute von hartem Herzen und Gemüthc, welche verdrießlich auf jede noch so heilsame Ausgabe, jede Neuerung Hinblicken! Hier waren die Wphlthäter, die Lehrer, die Lehrerinnen, die neuern Schülerinnen und deren Eltern versammelt! Man hielt einen I-üuumd (rabbinischen Vortrag), der ehrwürdige Oberrabbiner, D. S. Pardo, sprach ein einfaches und schönes Gebet in hebräischer Sprache Cpsn TP)/ der obenerwähnte Rabbiner Grego las eine kurze und kräftige Rede. Die zarten und liebreichen Worte, welche er an die in ejner Reihe stehenden Schülerinnen richtete, brachten tiefe Bewegung in allen Gemüthern hervor, und Thränen füllten die Augen aller Anwesenden. Erst nach langen und wiederholten Erklärungen der-allgemeinen Zufriedenheit und vielen Dankergießungen gegen den Gründer der Anstalt (als welchen der Verein in seiner ersten Sitzung den Herrn ic. Grego einstimmig anerkannte) ging man auseiander. Nun noch ein Wort über die Einrichtung des Instituts. Ueber Direction, Aufseherinnen, Cassier, Oeconomen, Revisoren, Prüfungen und Arbeiten habe ich nicht nöthig, etwas zu sagen; bas sind Dinge, die bei jedem Institute Vorkommen, und nicht weiter den Menschenfreund interessiren. Aber einiges Andere ist bemerkenswerth. Für's erste Jahr sind alle armen Mädchen, nicht unter 6 und nicht über 12 Jahre, zugelassen. Auch Nicht-Arme werden angenommen, und zahlen 3 fl. p. Monat, haben sich aber ganz und gar der Schulordnung zu unterwerfen. Von ersterer Classe sind gegenwärtig 19, von der andern 2 vorhanden. Der Cursus ist auf 5 Jahre festgesetzt, indem vorläufig auf eben diese Zeit sich die Wohlthäter verpflichtet haben. Nach dem Austritte aus der Anstalt stehen die Mädchen noch unter dem Schutze und der Leitung der Gesellschaft, welche ihnen auch den Ertrag ihrer Arbeiten aushändigt. Hier muß nämlich bemerkt werden, daß ein Ehren-Deputirter (alle Aemter, mit Ausnahme der Lehrer und Lehrerinnen und des Pedellen, sind nur Ehrenämter) die Industrie-Arbeiten beaufsichtigt, und die Pflicht hat, 1) den Zöglingen Arbeit zu verschaffen, 2) nach dem Gutachten der Lehrerin die entsprechenden Preise zu bestimmen, 3) die Zahlung anzunehmen und an den Cassier abzugebcn, 4) darüber Buch zu führen und jede Schülerin für den Ertrag ihrer Arbeit zu creditiren. Der Rabbiner Grego (welcher im Verein mit zwei andern Mitgliedern das Ganze leitet) nimmt außerdem das den Kindern etwa von ihren Eltern zukommende sonst leicht verlorne Taschengeld in Empfang, führt darüber ein besonderes Verzeichniß, und übergiebt es dem Cassier, welcher alljährlich sowohl dieses als den Ertrag der Arbeiten der Sparkasse überweist.