Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 16 (16.4.1841)
- Date
- 1841-04-16
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3133765-3133874-3133891--1111-3135324- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
122 sondern auch gleich bei'm Anbeginn -es zweiten Tempels oft Meldung der Pharisäer; ja es könnte nicht wunderlich erscheinen, wenn ein aufmerksames Auge schon in den Begebenheiten, die während des salomonischen Tempels sich zugetragen, die ersten Elemente entdecken wollte, die zum später« Emporkommen jener Schule den Grundstein gelegt haben. In der That ist selbst die gleich nach dem TodeSalomon's erfolgte Spaltung des Reiches in zwei Thcile ein zu wichtiges Ereigniß, als daß es nicht auch auf die fernere Handhabung der religiösen Institutionen einen gewaltigen Einfluß ausgcübt hätte. So wie nämlich die israelitischen Könige sich verleiten ließen, einen Götzendienst unter dem Volke einzuführen, der ihre politische Existenz sichern sollte, eben so mußte den jüdischen Königen daran gelegen sein,, dem ceremoniellen Cultus im heiligen Tempel zu Jerusalem immer mehr Ansehn und Bedeutung zu verschaffen, um durch Abwendung der samaritanischen Abgötterei zugleich einen Abfall von der davidischcn Dynastie zu verhindern, und natürlicherweise konnte ein solches Geschäft nur den damaligen Priestern und Schriftgelehrten anvertraut werden. Je sorgfältiger aber ein Gegenstand gepfleget und emporgehoben wird, desto mehr werden alle Einzelnheiten entwickelt, die in denselben verborgen lagen, und mit seiner intensiven Wichtigkeit nimmt gewöhnlich auch seine Extension immer mehr zu. Daher entfaltete auch jener Cultus schon damals mehrere Verzweigungen und Vorschriften für besondere Fälle; daher lesen wir (Haggaill. 12) zwei casuiftische Fragen dieser Art, die den Priestern gestellt und nach der schon ausgebildeten Lehre beantwortet wurden; und so war allmählich der Stoff zu jenen weitläufigen thalmudischen Arbeiten über Opfer- und Reinigungsgesetze vorbereitet, die unter dem Namen Kodaschim und Taharot später verfaßt wurden, und nicht weniger als den dritten Theil des ganzen Thalmuds ausmachen. Hier zeigt sich schon im Hintergründe ein Hauptzug im Charakter dieser Sekte/ welcher darin bestand, den moralischen Werth auch alles dessen, was ursprünglich nicht das Wesen ihrer Denkungsart ausmachte, zu erhöhen und immer fester zu begründen, wenn es nur die Folge hatte, eine Selbstständigkeit zu erlangen, und die Eindrängung fremder Prinzipien zu verhindern. Daraus möchte vielleicht zu erklären sein, wie selbst das, was in den Händen der Vorfahren nur als Mittel galt, von den später« Nachkommen als letzter Zweck behandelt wurde. War nun einmal der erste Schritt im Felde der Amplifikationen des geschriebenen Gesetzes in Bezug auf Tempeldienft gethan, so konnte es an Beweggründen nicht mehr fehlen, auch in Bezug auf andere Gesetze ein gleiches Verfahren beobachten zu wollen. Schon der Hang, alle Theile des äußeren Cultus gleichförmig auszuftatten, und die einmal angenommene Methode durch wiederholte Anwendungen mehr zu vervollkommnen, mochte die Häupter jener Schule früh angetrieben haben, auch jenen Vorschriften ihre Aufmerksamkeit zu schenken, die auf den Tempel keinen Bezug hatten. Allein andere Umstände vereinigten sich noch, um den Eifer zu verdoppeln, den man im Anbaue dieses Feldes anwenden zu müssen glaubte. Zuerst der glückliche Erfolg der makkabäifchen Kriege, wobei man eben so hartnäckig als rühmlich für die Aufrechrhaltung der väterlichen Religion gekämpft hatte, schien die absolute Nothwendigkeit mit sich zu bringen, für die Erweiterung und Festsetzung jener Institutionen ernsthaft zu sorgen, deren Erhabenheit und Heiligkeit das Volk mit seinem Blute besiegelt hatte. Sodann traten in der Folge als Nebenbuhler der Pharisäer andere Sekten auf, die auf einige jener Satzungen ein weit geringeres Gewicht legten, und deren Mitglieder doch so mächtig wurden, daß sie zuweilen die größten Aemter im Staate bekleideten. Wollte man nun solchen Gegnern nicht ganz unterliegen, so mußte man auf wirksame Mittel bedacht sein, das Volk an die pünktliche Ausübung gesetzlicher Handlungen immer mehr zu fesseln, und ihm den hohen Werth derselben nachdrücklicher einschärfen. Weit mehr aber als diese beiden Ursachen wirkten zwei andere höchst wichtige Weltereignisse auf die Gestaltung und völlige Aufführung des ganzen pharisäischen Lehrgebäudes. Es entstand nämlich, selbst aus dem Schooße der Essenier, die doch anfänglich nach allgemeiner Anerkennung ihrer Grundsätze nicht strebten, eine neue Schule, die dem Pharisäismus einen offenen Krieg ankündigte, und deren Häupter bald darauf — die wahre Absicht des Stifters verkennend, oder in Folge veränderter Umstände zu umgehen gezwungen — sogar die mosaischen Bande zu lösen unternahmen. Ein solcher Angriff, der nicht nur einzelne Punkte betraf, sondern das ganze religiöse Gebäude umzustürzen drohete, konnte nur die Pharisäer