Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 15 (9.4.1841)
- Date
- 1841-04-09
- Page
- Seite 119 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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. 119 eigentlich will, und dort fehlt es an Anleitung, denn der i Seelenhirte brütet im lethargischen Schlummer versunken, und genügt sich damit, Hochzeits- und Beschneidungsschmausereien zu besuchen, und — wenn es ein Mal vorkommt — casuistische Fragen zu entscheiden. — Bei solcher Bewandtniß muß es mit dem Cultus sehr traurig aussehen, dem es auch an aller Würde und Anstand gebricht. Und wenn auch in wissenschaftlichen Bestrebungen, wie jeder Unbefangene zugeben muß, seit ohngefähr l/2 Decennien die Zeit ihre Rechte geltend zu machen begonnen, so fehlt doch im Allgemeinen noch gar sehr der die Verstandesbildung kundgebende Charakter. Aber da bewährt es sich wiederum, daß die Veredlung des Volkscharakters mit der Verstandesbildung nicht gleichen Schritt halte, sondern allezeit langsamer erst Nachfolge. An einzelnen ehrenvollen Ausnahmen fehlt es freilich nicht, aber diese verlieren sich theils in der Masse, oder werden als die Minderzahl überstimmt; aus ihrer Mitte gehen die meisten Indifferenten hervor. — Das Schulwesen liegt leider noch gar sehr im Argen, und da es lediglich die Schule ist, aus der die werdende Generation ihren sittlichen und religiösen Charakter als Lebenselement in sich aufnehmen soll, so dürfte es hier vielleicht noch länger als anderswo dauern, dis ein veredelter Geist sich durchgängig kund giebt. Die Schulen sind fast überall nur Privatinstitute und deren in oft noch so kleinen, etwa kaum 30 Mitglieder zählenden Gemeinden, vier, fünf und oft noch mehr vorhanden. Fast alle Jahre, zuweilen auch halbjährlich, wird mit den Lehrern gewechselt, die, wenn sie auch von der Regierung geprüft, oft auch wirklich recht tüchtig sind, gleichwohl nie selbstständig wirken können, weil sie nicht selbstständig sind. Und in welch ein Chaos gestaltet sich da der Unterricht, wenn der mit einem Contrakte auf ein Jahr hinaus versorgte Lehrer sich ooleus voteu8 der antipädagogischen Methode jedes einzelnen Familienvaters mit dessen Kindern accomodiren muß, wenn anders ihm das im Schweiße seines Angesichtes verdiente Schulgeld nicht sauer gemacht, und ihm mit dem Schluffe des ersten Jahres bald der Laufpaß unterschrieben werden soll. Wie sehr aber das Schulleben auf den später sich feststellenden Charakter influire, wird jeder Sachkenner zugestehen. So lange also nicht von Seiten der Regierung auf Definität der Lehrer bei uns gedrungen wird, dürfte diesem unglücklichen Uebelstande und seinen unseligen Folgen nicht abzuhelfen sein! — Am meisten sind hierbei freilich die Kinder armer Eltern zu beklagen, die ohne allen Religionsunterricht heranwachsen, wenn sie auch sonst zum Theil die christlichen Elementarschulen besuchen. Darum dürfte auch das Herzogthum Posen, wo definitive Schulen sein müssen, das Schlesien so sehr nachgestanden, in einigen Jahren dasselbe überlreffen. Im Ganzen genommen fehlt es weder an Sinn noch an Willen, als vielmehr an dem gemeinsamen Streben zur Realisirung des für besser Erkannten, und Beseitigung aller engherzigen Selbstsucht. Bei Besetzung ledig werdender Rabbinate wird auch hier überall darauf gesehen, daß der Rabbine nächst thallyudischer Gelehrsamkeit, auch einige wissenschaftliche Bildung besitze, ja einige Gemeinden, wie Ratibor, Beuthen, Lublinitz, Mislowitz, Rybnik, Zülz und Peiskretscham haben sehr wohlgewählte Rabbinen, unter denen der zu Mislowitz, Herr David Deutsch, dessen in Ihren Blättern erst vor Kurzem Erwähnung geschehen, durch wissenschaftliche Bildung hervorragt. Die Vorträge dieser Rabbinen werden ort- und zeitgemäß in deutscher Sprache gehalten, und bilden ein Mittelding zwischen verr»- «chah und Predigt, und bei besondern Veranlassungen wohl auch homiletisch wohlgeordnete Vorträge und werden auch von dem weiblichen Geschlecht gern gehört und fleißig besucht. Die Mängel der Schulen, die sie zuweilen revidiren, einsehend, vermögen sie gleichwohl nicht, die Beseitigung derselben bei ihren Gemeinden durchzusetzen. Der übrige Theil des Gottesdienstes steht in jeder Beziehung noch ganz auf demselben Standpunkte der Indolenz wie vielleicht vor 500 Jahren. — Zu verwundern ist, daß Oppeln, wo sich eine ziemlich zahlreiche, bemittelte-und gebildete jüdische Gemeinde befindet, die besonders mehrere sehr achtbare Mitglieder hat, so gar nichts für die Verbesserung des Cultus thut, ja nicht einmal für gottesdienstliche Vorträge sorgt. Trotz dem geringen Wohlstände giebt es dennoch viele zweckmäßig stalutirte Wohlthätigkeitsvereine, unter denen sich besonders der Waisenunterstützungs-Verein zu Gleiwitz j und die Vereine für religiöse Belehrung zu Beuthen und I Mislowitz, die auch einige arme Waisenknaben unterrich-! ten lassen und bekleiden, auszeichnen. Und wenn auch keine Handwerksvereine eristiren, so giebt es gleichwohl in jedem Orte mehrere jüdische Handwerker in allen Branchen, sogar Schlosser, die ihrem Gewerbe fleißig obliegen und sich redlich nähren. Auch wird viel Landbau getrieben. Das sociale Verhältniß zu unfern christlichen Mitbrüdern stellt sich im Ganzen recht leidlich heraus. Als erheblich, in so fern es vielleicht einflußreiche Folgen äußern dürfte, muß ich Ihnen schließlich noch berichten, baß im verflossenen Sommer nach vorheriger brieflicher Besprechung und Bestimmung der Zeit je zwei Deputirte aus jeder Gemeinde Oberschlesiens nach Gleiwitz geschickt wurden, um einen Verband zu bilden, von dem der geistreiche Herr Muhr in Pleß als Provinzial-Vorstand und Repräsentant der oberschl. jüdischen Gemeinden fast einstimmig gewählt wurde, um sie bei der hohen Administrativbehörbe zu vertreten, und die Petitionen auf gesetzlichem Wege vorzutragen, zu welchen das besondere Verhältniß unserer Glaubensgenossen zu den andern Staatsbürgern mit Bezug auf die bestehenden dreßfälligen Gesetze die Veranlassung geben könnte. Möge dieser Plan sich recht bald realisiren und auch in andern Provinzen Anklang und Nachahmung finden, damit nicht fürder Israel verwais't dastehe, und durch unberufene, willkührliche und selbstsüchtige Vormundschaft gefährdet werde! — I. I. M. München, 10. März 1841. — Der hiesige Wohlthätigkeits-Verein, wovon in diesen Blättern schon einmal die Rede gewesen, ist nun nach einer allzulangen Pause wieder in's Leben getreten. Die Statuten stimmen genau mit denen von 1830 überein, außer folgenden Aenderungen: a) „Die Unterstützung nicht wie bisher auf die schwersten Handwerke zu beschränken, und nur die alltäglichsten auszuschließen. b) „Diese Unterstützung Kindern mittelloser Eltern (vorzugsweise Waisen) zuzuwenden, und v) „daß die zu gewährenden Unterstützungen, wenn gleich auf alle Israeliten in Bayern sich erstreckend, doch nur solchen Individuen verliehen werden sollen, welche