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Israelitische Annalen · 1841-04-09 · Heft 15 (9.4.1841) · p. Seite 115

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 15 (9.4.1841)
Date
1841-04-09
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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flüssig und unpraktisch erschienen, konnte nur dazu dienen, diese Geiftesfinsterniß zu verstärken, während sie den Individuen unleidlichen Dünkel gelehrter Wissenschaft einpflanzte. So wurden die polnischen Juden eine dem Bürger- und Staatsleben ganz entfremdete Masse, die in sich ein ideelles Leben fortführte, das in seiner Jsolirung die abgeschmackteste Gestalt erhalten mußte. So wurde sie denn zuletzt bei einer anstaunenswürdigen Büchergelehrsamkeit höchst unwissend, bei einem unvergleichlichen Scharfblick höchst unfähig, ihre Lage zu erkennen, bei der größten Gewandtheit, in den einfachsten Forderungen des Vürgerthums unbeholfen und ungelenk; dazu überall benutzt und überall angefeindet, sich in'den Zwang der Umstände fügend, und doch stets denselben widerstrebend, auf keiner Seite der Volksenrwickelung einheimisch und verträglich. Daher beschränkt sich denn auch die ganze Geschichte der Juden in den slavischcn Ländern nach innen auf hierarchische Zwistigkeiten, auf einen Wetteifer in spitzfindigen casuistischcn Studien, nach außen auf Beispiele der tiefsten Herabwürdigung des Menschen, auf bittere Verfolgung und schändlichen Hinmetzelung friedlicher Gemeinden, welches alles diese zahlreiche Völkerschaft wehrlos erduldete, stets zwischen Hoffnung und Furcht schwebend, ohne Selbstgefühl, außer der religiösen Erhebung und Ergebung. Nunmehr ist die Zeit gekommen, daß alle diese Uebelstände ihr Ende erreichen. Schon vieles hat die Gesetzgebung in diesem Jahrhunderte verändert und verbessert, aber an die eigentliche Wurzel des Uebcls war man noch nicht gedrungen. Endlich wird auch diese ergriffen, und eine völlig neue Saar wird emporkommen zum Heile nicht bloß der Hebräer, sondern aller Mitbewohner und des Staates selbst. Die Gesetzgebung wird eine neue Generation im Lichte der Wissenschaft und bei gesunder Pflege der industriellen Kräfte heranziehen, um durch ächte, wohlgeordnete Schulbildung die bisher untergeordnete Masse zu einer geregelten Bewegung zu bringen, die nicht mehr von rohem Aberglauben und falschem Dünkel gehemmt oder in verkehrte Richtung gedrängt, sie selbst beglücken wird, indem sie in's Leben eingreift und die Früchte ihrer Thätigkeit genießt. Dieser Eintritt in die bürgerliche Welt soll denn auch zugleich mir den bürgerlichen Rechten verknüpft sein, so daß Streben und Anerkennung Hand in Hand gehen! Die Geschichte der Israeliten dieser Gegend steht demnach an der Gränze einer merkwürdigen Epoche. Wir wenden uns nunmehr nach dem Lande, wo die Emanzipation schon seit einem halben Jahrhundert feststeht, nach Frankreich, wo in diesem Augenblicke eine ähnliche Frage auftaucht. Es ist nicht uninteressant, die verschiedenen Ansichten wahrzunehmen, nach welchen man diese Fragen beantwortet. Frankreich findet gegenwärtig in Algier dieselbe Frage vor, welche es einst am 26. August 1789 kurz beantwortete. In ihrer Allgemeinheit ist sie auch dort erledigt, aber mannichfache politische Rücksichten haben bisher in der Regentschaft verschiedene Modifikationen bestehen lassen. Ein französischer Staatsmann, Baron Baude, gewesener Königlicher Commissär in Afrika, hat über die Zustände der Regentschaft ein Werk herausgegeben, (L’Algerie *) 2 Vol. in 8vo) worin er die Verhältnisse der dortigen Israeliten mit berührt, und Aufschluß giebt über ihre frühere und gegenwärtige Lage, so wie über die aus der Vorbreitung zur völligen Emanzipation zu erwartenden Wirkungen. Gehörige Sachkenntniß und edler Wille spricht sich hier deutlich aus. Herr Baude stellt sich keineswegs auf den bloßen Standpunkt der Revolutionsmänner, um auch hier Menschenrechte zu proklamiren, sondern hat vorzüglich das Staatsinteresse im Auge, allerdings zum Theil einseitig, aber immer doch das allgemeine Beste zur Richtschnur nehmend und von der Idee des Menschenrechtes ausgehend. Die Schilderung, welche er von den Israeliten entwirft, gleicht ganz und gar denen, welche man vor 5V Jahren von allen europäischen Gemeinden machen konnte und gemacht hat. Dieselbe Niedrigkeit, Unterwürfigkeit, Geschmeidigkeit, Gleichgültigkeit gegen politische Aenderungen, Geschäftigkeit in Benutzung der Gegenwart, Beschränktheit auf Privatinteresse, Unempfänglichkeit für alles öffentliche Leben; dieselbe Anhänglichkeit für ihre Beschützer und Geschicklichkeit im Gebrauche; dieselbe rasche Entwickelung geistiger Fähigkeiten und Ausdauer in Durchführung der ihnen zuertheilten Geschäfte; dieselbe Abneigung gegen Kriegsdienst und Schüchternheit im Auftreten gegen ihre früher» Unterdrücker; dagegen unmittelbar nach der Eroberung von dem europäischen Lichte Vergl. hierüber ^rcdives Israelites de France 1841. Nr. 1 Ä 2. 15*

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