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Israelitische Annalen · 1841-04-02 · Heft 14 (2.4.1841) · p. Seite 107

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 14 (2.4.1841)
Date
1841-04-02
Page
Seite 107 (sequence 3)
Language
German
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107 i als rein oder unrein betrachtet wurde, sollten nur zur innerlichen^Reinheit führen, sollten Mittel zur Heiligung des Lebens sein. Die heiligende Gesinnung war allein wesentlich, nicht die bloße Beobachtung der Form. Gott verlangt Liebe, heißt es, nicht Opfer. In dieser Bestimmung lag Israels Erwählung, welche keinen Vorzug begründete, sondern nur größere Pflichten auflegte. — Nach der politischen Auflösung Israels, wo es nur eine Religionsgenossenschaft blieb, veränderte sich seine ursprüngliche Bestimmung wenig. Die Ausgabe, eine heilige Gemeinde zu sein, blieb dieselbe; aber wenn das „Reich von Priestern" ehemals politische Beziehung nach innen hatte, so konnte Israel in der Zerstreuung nur die Aufgabe darin erkennen, Priester für die ganze Menschheit zu sein in der Verkündigung der Lehren von dem einigen Gott, von der Vorsehung und von der Heiligung des Lebens. Das Ziel dieser Mission ist die Herbeiführung des Gottesreiches, was kein anderes ist als das Reich des Messias. Als nach der Trennung des jüdischen Reiches Juda und Israel nicht nur äußerlich zerrissen, sondern auch durch innern Verfall in verzweifelte Zustände gerathen waren, sehnte man sich nach einem Dynasten aus der verehrten in Jerusalem fast ununterbrochen herrschenden Familie Davids, nach einem Sohne des Königs, der nach dem Herzen Gottes war. Von diesem Gesalbten (rpttfE) erwartete man die Wiedervereinigung beider Staaten, und die Wiederherstellung des heiligen Gottesdienstes; unter ihm hoffte man die vor den Propheten verkündigte Zeit zu sehen, wo Wahrheit, Gerechtigkeit und Friede allgemein herrschen werden. Diese Erwartung ist unerfüllt geblieben; aber die Hoffnung, daß das Gottesreich kommen werde, das Reich, wo die Sprache aller Völker in eine geläuterte verwandelt sein wird, wo Alle den einigen Gott anrufen und einmüthig verehren werden, wo Wolf und Lamm im Frieden leben. Niemand verletzen und Niemand verderben wird, weil das Gesetz Jedem in's Herz geschrieben sein wird, —diese Hoffnung steht noch fest, und Israels Beruf unter den Völkern ist nicht erfüllt, ehe diese Zeit des Heils gekommen ist. Der Messias aber wird nicht kommen, um diese Zeit herbeizuführen, sondern wenn sie herdeigeführt sein wird, wird der Messias gekommen sein. 10. Nach der Zerstörung des ersten Tempels wandte man sich mit weit mehr Eifer als früher zur Pflege der väterlichen Religion. Man erkannte den Werth und die Wichtigkeit derselben, und bildete den Kanon. Der Prophetismus war erloschen, und die Reflexion trat immer thätiger hervor. Das Bestreben, die heiligen Urkunden, besonders die mosaischen Schriften richtig aufzufassen, erzeugte vielfache Discussionen, und bewirkte die Aufstellung religiöser Regulative. Neben dem geschriebenen Gesetze (2DJ2W min) sali auch ein mündliches (no hv'l'M min), die Tradition, welche, als überkommene Erklärung des Gesetzes, die väterliche Religion in voller Wirksamkeit erhalten sollte. Es war aber nicht erlaubt, die Tradition niederzuschreiben; sie sollte fortwährend als ein Lebendiges wirken und nicht als Buchstab erstarren. Die Tradition ist in ihrem Princip nicht ein für immer Abgeschlossenes; sie soll vielmehr das geschriebene Gesetz in seiner Göttlichkeit lebendig durch den Zeitenlauf tragen, den Menschen'seiner Bestimmung und Israelder Lösung seiner Mission immer näher führen. In diesem Sinne entschloß man sich nach der Zerstörung des zweiten Tempels, als die Zerstreuung Israels allgemein und die Ansichten vom Gesetze abweichend von einander waren, das mündliche Gesetz niederzuschreiben, und somit den veränderten llmständen nachzugeben; man rechtfertigte dieses Verfahren durch Ps. 110, 126. So entstand nun der Thalmud, der nicht als ein Vollendetes abgeschlossen wurde, sondern die Gesetzlehrer fanden es nur (um 500 unserer jetzigen Zeitrechnung) angemessen, also wiederum an der Zeit, nichts weiter in denselben aufzunehmen. In diesem Geiste lehrten und wirkten die ausgezeichnetsten Väter der Synagoge; sie betrachteten die väterliche Religion in ihrer Wesenheit als ein Bleibendes, Unveränderliches, in den Formen derselben berücksichtigten sie aber die veränderten Verhältnisse. So hob R. Gerson das mosaische Gesetz der Leviratsehe auf; so suchte Maimonides in seinen beiden Hauptwerken den Anforderungen seiner Zeit nachzukommen. Das historische Iudenthum ist nicht ein Convolut von überkommenen Satzungen, welches als erstarrte Mumie von einem Geschlechte dem andern überliefert wird; es ist vielmehr die Auffassung der jüdischen Religion in j ihrem geschichtlichen Verlaufe, um darin zu erkennen, daß |j sie ein Lebendiges für alle Zeiten ist. Es will die Eegeni wart nicht von der Vergangenheit losreißen, sondern sieht vielmehr beide durch die Kette der göttlichen Führungen zu fortschreitender Veredlung innig verbunden. — In den für Israel so unglücklichen Jahrhunderten des Mittelalters war i die Gegenwart für dasselbe nur ein Gegenstand der Furcht! und des Schreckens; die Vergangenheit und die Zukunft boten allein Trost und Hoffnung. Leben, Lehre und Gebet trugen das Gepräge dumpfer Zusammenpressung. Mit der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in vielen Ländern Europa's in Leben und Wissenschaft erwachten humanen Kultur begann auch für Israel eine hellere und freiere Epistenz. Wie in frühern Jahrhunderten schloffen sich auch ' jetzt die israelitischen Religionsgenossen bereitwillig der Zeitbildung an, mit dem mehr oder minder klaren Bewußtsein, daß der Geist der väterlichen Religion sich mit allen edlen Bestrebungen der Menschheit vereinigen lasse. Hier leuchtete Mendelssohn vor. Daß Viele dabei zu weit gingen und nur im Verneinen ein Heil sahen, liegt in der Natur eines jeden -Ueberganges. Die Einsichtsvolleren sind von dieser Ansicht entfernt; man ist jetzt gerechter gegen die Vergangenheit und besonnener in der Gegenwart. Uebergehen wir die Indifferenten, in denen jede religiöse Theilnahme erloschen ist, so finden wir jetzt nur zwei Hauptansichten, die sich einander gegegenüber stehen: den Sta- - bilismus und die Reform. Jener findet in dem Festhalten an den überkommenen Formen das alleinige Heil; dieser will den Geist festhalten, und unterwirft deßhalb die Form den Anforderungen der Zeit. Jener verkennt die 14* #

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