Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 14 (2.4.1841)
- Date
- 1841-04-02
- Page
- Seite 108 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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108 Vergangenheit, indem er den universalen Geist der israelitischen Religion nicht berücksichtigt, und das lebendig fortbildende Princip der Tradition in Fesseln schlägt; er verkennt den historischen Verlauf des Iudenthums und verliert dadurch die Bildsamkeit desselben für die Gegenwart. Man muß dem Stabilen mit der heiligen Schrift zurufen: Es soll kein Todtenbeschwörer unter dir sein! Dem Reformgesinnten, der sich vor jedem gewaltsamen Schritte, besonders aber von dem Losreißen von der Vergangenheit zu hüten hat, muß man mit derselben Stimme zurufen: Gedenke der Tage der Vorzeit, ergründe die Jahre voriger Geschlechter! Glücklicherweise vereinigen sich beide Partheien in dem Ziele: die väterliche Religion soll erhalten werden. Es gilt daher von ihnen der Satz: Das Gotteswort zeigt sich im Lösen wie im Binden nan pT>o 'bbm powi^n) Sie divergiren nur in der Bedeutung der Formen. Der Stabilismus läuft Gefahr, wegen des Aeußern das Innere untergehen zu lassen. Ein modernes Iudenthum, von welchem die Stabilen sprechen, gicbt es nicht. Die Reform, auf der Vergangenheit ruhend, will eben nur die Form ändern, das Wesen aber beibehalten; sie ist sonach das Wesentlich-Alte. Das Recht, bei gewissenhafter Festhaltung des Geistes der israelitischen Religion, in ihrem Eintreten ins Leben das Verhältnis ganzer Geschlechter zu berücksichtigen, ergiebt sich unwldersprechlich aus dem historischen Iubenthume, und läßt sich nicht durch Winkelzüge abweisen. Zum Wirken in diesem Sinne sind alle Religionslehrer berufen, alle Gewissenhaften verpflichtet. Alle haben die heilige Pflicht, die väterliche Religion in lebendigster Wirksamkeit zu erhallen, und sie nicht aus Unkunde und blindem Eifer aus dem Leben schwinden zu lassen. Alle müssen den Ausspruch des Propheten beachten: Die Fasttage des vierten, fünften, siebenten und zehnten Monats mögen für das Haus Iuda's zu Freuden- und Festtagen werden; nur liebet die Wahrheit und den Frieden. Liter atur. Zwei Predigten von vr. Samuel Hold heim. (Schluß.) ' Die zweite Predigt verbreitet sich vorzugszweise über den religiösen Sinn des Namens Israel, und setzt sich als Thema die Forderung, daß der Mensch nicht nach dem Zufalle seiner Geburt, sondern nach seinem Verdienste benannt und behandelt werden müsse. Hier behandelt der würdige Redner die vielen argen Mißverständnisse, welche noch immerfort den Gesetzgebungen Mißtrauen gegen die Gesinnung der Juden, insbesondere sogar gegen den Eid u. einflößen. Wir müßten die ganze Rede abdrucken, wollten wir alles vortreffliche ausziehen. Folgende Stelle aber ist zu sehr in's Leben eingreifend, als daß wir es uns versagen sollten, sie wiedcrzugeben: „Es ist nicht zu leugnen, daß die Zeiten grausamer Verfolgung, wovon außer der Geschichte noch die Steine in den Wänden Zeugniß geben, auch auf unsere religiösen Anschauungen höchst nachtheilig zurückwirkten. — Hierdurch und durch mancherlei innere und äußere Umstände, deren Erörterung in die Leidensgeschichte unseres Volkes gehört, sind so manche Mißgesialtungen zu Tage gefördert worden, die, bei der fortschreitenden Bildung der Juden im deutschen Vaterlande, das Iudenthum in eine schiefe Stellung zur öffentlichen Meinung und der auf dieser zum Tbeil beruhenden Gesetzgebung brachten. Vieles wurde damals falsch und einseitig aufgefaßt. Vieles schief und zweideutig ausgedrückt, und hat zu argen Mißdeutungen, ja, zu den größten Mißverständnissen Anlaß gegeben. Es hätten solche Mißgeburten einer befangenen und einseitigen Geistesrichtung ihr stilles Grab in der hinrollenden Zeit gefunden, wenn nicht die für den menschlichen Geist so höchst glückliche Erfindung der Buchdruckerkunst gerade für uns zum Unglück würde. und dem todtgebornen Buchstaben eine unglückliche Unsterblichkeit gesichert hätte. Vieles, wo nicht Alles, ist seitdem längst aus unserer Gesinnung gestorben, aus unserem Leben geschwunden, aus unserer ganzen Denk- und Handlungsweise, in der es eigentlich nie wurzelte, bis auf die Ahnung getilgt. Aber bas Alles hilft nichts, darum kümmert man sich wenig oder gar nicht, und so oft es sich um den sittlichen Charakter der Juden fräzt, so oft es sich darum handelt, ob man in dem Israeliten den Menschen ehren, ob man seiner Ehrlichkeit trauen, seinem Elbe, ohne alle entehrende Förmlichkeiten, Glauben beimessen dürfe: wer wird darum befragtV das junge frische Leben, welches ein lebendiges Zeugniß für den sittlichen Charakter einer Glaubensgemetnbe ablegt? Nein! der tobte, faule, längst vermoderte Buchstabe, der wird aus dem Leichenfelbe aufgescharrt und von einem Todtenbeschwörer mit Beschwörungsformeln befragt; der, der Tobte, soll zeugen für den Lebendigen. — Und wer wird um die Deutung des Buchstabens gefragt? Nicht der, der dem Leben nahe steht, in demselben sich befindet, und den Buchstaben nach seinem wahren Werth, b. h. nach seinem Einfluß auf Leben und Gesinnung, auf Charakter und Sittlichkeit zu würdigen weiß, sondern der wirb darum befragt, der zwar auf der Höhe der Zeit, auf dem Gipfel der Wissenschaft, aber derjenigen Lebensreligion fern steht, auf welche der Buchstabe angewandt werden soll; dem der Buchstabe als eine egyptische Hieroglyphe und deren Träger als eine egyptische Mumie erscheint. — Was hätten wir also zu thun? die unumwundene Erklärung auszusprechen, baß der Buchstabe, der für Alle todt ist, auch für uns kein Leben mehr habe; daß, wo irgend in unfern spätern Gesetzbüchern etwas vorkäme, bas mit dem Lichte des Jahrhunderts, mit dem Lichte wahrer Aufklärung und ächter Menschenliebe sich nicht vertrüge, das irgend eine menschenfeindliche Gesinnung athmcte und dem Gedanken Raum gäbe, daß wir nicht in dem Andersglaubenden den Menschen ehren und achten müßten, daß wir zur Wahrhaftigkeit nur gegen den Glaubensgenossen verbunden wären, daß, wofern dergleichen in unfern Schriften sich befände, für uns todt wäre, für uns keine verbindliche Kraft hätte. Gottlob, wir können es mit gutem Gewissen betheuern, daß dergleichen in unfern Schriften nicht vorkomme, und wenn es dennoch behauptet worden, so beruhet dieses auf Mißdeutung und Selbsttäuschung. Aber wir können doch nicht Alle thatsächlich überzeugen. Nur das können und sollen wir aussprcchen, daß über Alles, was auf das Verhältniß des Menschen zum Menschen Bezug nimmt, bas Leben und die im Leben sich aussprechende und sich bethätigende Gesinnung urtheilsfähiger sei als der tobte Buchstabe; daß dieses befragt werden solle, was der Israelit in Leben und Gesinnung für wahr und recht hält, und nicht das Leben allein, sondem auch die lebendenLehrer, nicht die Tobten, und zwar die Lebenden desjenigen Volkes, über dessen Sittlichkeit man ein Urtheil gewinnen will. Sie, die Lebenden, sind nicht minder glaubwürdig als die Tobten, haben nicht weniger Kraft und Recht zu entscheiden, was religiös wahr sei, als die Gestorbenen. Sie können zu uns nicht zurückkehren, um mit unserm unbefangenen Blick die geschichtliche Entwickelung des mittelalterlichen Iudenthums und den auf dasselbe einwirkenden Einfluß der Zeitverhältnisse von unserem Standpunkte aus zu überschauen, während wir wohl zu ihnen herabsteigen können, um die Einseitigkeit ihres Standpunktes zu würdigen. Diese Erklärung sind wir unserer eigenen Rechtfertigung, dem Gesetz gegenüber, schuldig, daß die Religion dem Israeliten es zur heiligsten Pflicht mache,; in jedem Menschen, wessen Glaubens und Bekenntnisses er immer sei, den Menschen zu ehren und zu lieben , unter keinerlei Form, keinerlei Gestalt, keinerlei Rücksicht, sie heiße wie sie wolle, ohne der Wahrheit im Geringsten Abbruch zu thun." NB. Die folgende Tabelle gehört zu Herrn vr. Eh re ritz erg's Bemerkungen.