Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 14 (2.4.1841)
- Date
- 1841-04-02
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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106 beherrschen. Der Mensch ist von Natur weder gut, noch böse; er wird erst das eine oder das Andere, und bei reifem Bewußtsein ist sein Leben seine That. Die Sünde ist eine Abweichung von dem heiligen Willen Gottes, ein Abfall von Gott; aber dem Menschen ist stets die Rückkehr offen. Gott sucht zwar heim die Sünde der Väter an Kindern und Enkeln, wenn diese in abfälliger Gesinnung deharren, bewahrt aber das Gute dis in das tausendste Geschlecht und vergiebt gern dem reuigen Sünder. Nicht das Verderben des Bösen will Gott, sondern seine Rückkehr. Diese muß er selbst bewirken, und bedarf dabei keiner Vermittlung, weil Gott allen nahe ist, die ihn in Wahrheit anrufen. Zur Rückkehr und zur allgemeinen Versöhnung ist besonders der jährlich wiederkehrende Tag der Sühne bestimmt. Gott war nicht bloß der Erlöser Israels aus Aegypten, sondern wird es auch von seinen Sünden erlösen. (Ps. 130.) 7) Die Unsterblichkeit der Seele, in Aegypten und bei allen polytheistischen Völkern des Alterthums gekannt, tritt in den heiligen Urkunden der israelitischen Religion nicht als Lehre hervor; aber fie ist überall als bekannt vorausgesetzt, wie das Dasein Gottes. Die ägyptische Ansicht von dem Todtenreiche (Amenthes) und der Seelenwanderung mußte allen Israeliten zur Zeit Mosch's gegenwärtig sein. Die Fortdauer der Seele wurde aber nicht als israelitische Religionslehre ausgenommen: 1) weil sie bei dem noch ungebildeten Volke sich unfehlbar den ägyptischen Vorstellungen vom Jenseits angeschlossen hätte; 2) weil der Gesetzgeber einen Staat zu gründen hatte, und zunächst dessen irdische Wohlfahrt vor Augen haben mußte; 3) weil Höheres bezweckt wurde: Die Befolgung der Gesetze sollte nicht durch übersinnliche Hoffnungen, sondern durch den göttlichen Willen getragen werden. — Der Glaube an die Fortdauer der Seele liegt nicht nur vielen israelitischen Rcligionslehrcn zu Grunde, sondern spricht sich an vielen Orten der heiligen Schrift unverkennbar aus, vor Allem bei der Schöpfung des Menschen, wo es vorzugsweise heißt, daß dem Neugeschaffenen ein Odem des Lebens gegeben, daß er dadurch eine lebendige Seele (Person) und das Ebenbild Gottes wurde. Der milde Ausdruck „versammelt werden zu den Vätern" für sterben, worauf noch besonders vom Begraben gesprochen wird, selbst bei Personen, die nicht bei ihren Vätern begraben wurden; der Tod Hanochs, als Hinwegnehmen durch Gott bezeichnet; selbst das Verbot der Todtenbeschwörung und'der damit verbundene Glaube, daß eine solche zu Endor mit Erfolg geschah, zeugen von dem Glauben an die Fortdauer der Seele nach dem leiblichen Tode. Daher konnte Bileam bei'm Anblick des israelitischen Lagers wünschen: O daß ich stürbe der Gerechten Tod, daß mein Ende sei wie das ihrige! In diesem Sinne sagt der Psalmist: Du giebst meine Seele nicht der Gruft preis, du lassest deinen Frommen nicht den Abgrund schauen; du thust mir kund den Weg des Lebens, Fülle der Freuden ivor deinem Angesichte, Seligkeit zu deiner Rechten in Ewigkeit. — Die Lehre von der Vergeltung verweist in Hißb und Koheleth oft auf Jenseits; in dem letztern heißt es bestimmt: Die Seele kehrt zu Gott zurück, der sie gegeben. Hesekiels Vision von der Wiederbelebung todter Gebeine fetzt die Geläufigkeit dieser Vorstellung bei dem Volke voraus. 8) Nach dem Eril erscheint die Unsterblichkeitslehre unter den Juden völlig ausgebildet und mit der Denkweise des Volkes verwachsen, hier als Philosophem, dort in populärer Vorstellung. Bestimmt und klar sprechen darüber die Apokryphen, besonders die Weisheit Salomo's und Sirach. Dort heißt es: Die Seelen der Frommen sind in Gottes Hand, und ihre Hoffnung auf Unsterblichkeit ist vollkommen. Nunmehr wird diese Welt (nn □bty) oft der künftigen (N31 entgegengesetzt; hier ist eine Stunde geistigen Genusses besser als bas ganze irdische Leben; hier tragen die Frommen die Krone ihres Verdienstes auf ihrem Haupte und genießen göttliche Anschauung. Der Glaube an die Unsterblichkeit war so verbreitet, daß seine Verwerfung schon eines der Unterscheidungszeichen einer Secte (der Sadducäer) bildete. Er gestaltete sich volksfaßlich als Auferstehungslehre, — eine Vorstellung, welche die Fortdauer der Seele voraussetzt. Nach der Auflösung des jüdischen Staats, wo das Diesseits keinen Trost gewährte, pflegte man die Lehre von der künftigen ausgleichenden Gerechtigkeit mit besonderer Neigung, und stellte das jenseitige Leben in Hypothesen und parabolischen Einkleidungen umständlich dar. Im Thalmud sind diese Vorstellungen geläufig und in mannigfaltigen Formen gefaßt; man war im Jenseits fast heimischer als im Diesseits. Diese Welt wurde als eine Vorhalle zur künftigen betrachtet. Jedoch wurde erst durch Maimonides die Auferstehungs- oder Unsterblichkeitslehre als Fundamentallehre des Iudenthums aufgestellt. Albo läßt sie als solche zwar nicht gelten, faßt sie aber doch unter die Grundlchre der künftigen Belohnung und Bestrafung. So hat sie sich bis jetzt als eine wesentliche Lehre der israelitischen Religion erhalten; sie webt in allen Gebeten und zieht durch alle Hoffnungen. 9) Aus der Lehre von der besondern Waltung der göttlichen Vorsehung über Israel, geht die Lehre von dessen Bestimmung hervor, so wie von dessen Stellung in Beziehung auf andere Völker. Diese Bestimmung ist kurz vor der sinaitischen Gesetzgebung in den Worten ausgesprochen worden: Ihr sollt mir ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das erstere bezeichnet aber keine Theokratie, da die Priester als solche nur zur Verwaltung des Cultus waren, und keinen Antheil an den Regiernngsgeschäften hatten; es heißt vielmehr: Ganz Israel soll gebildet und geweihet sein, wie dieß die Priesterkaste in Aegypten vorzugsweise war. Alle sollten sonach Gott nahe stehen in Erkenntnis der Wahrheit und in Lebensweihe; alle Mitglieder des Staats sollten vor dem Gesetze gleich sein, wie sie vor Gott gleich sind. Aber auch ein „heiliges Volk" sollte Israel sein: entfernt von entehrendem Aberglauben und rohen Sitten; abgesondert von Allem, was sittlich verunreinigen kann, sollte es Gott, den Heiligen, lieben von ganzem Herzen, ganzer Seele und allem Vermögen, und so sein Leben heiligen. Selbst alle Ceremonial-Vorschriften über das, was