Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 8 (19.1.1841)
- Date
- 1841-01-19
- Page
- Seite 59 (sequence 3)
- Language
- German
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59 wahres Erstaunen versetzr, wenn man dabei die ungeheure Schwierigkeit, so viele unter stch verschiedene, kleine und zerrissene Gemeinden gleichförmig zu reguliren, in Erwägung zieht. Sie hat sich daher auch die ungetheilte Verehrung der Israeliten Deutschlands erworben, und wird mit Recht allen altern und jünger« israel. Kirchenbehörden zum Muster ausgestellt. Den Schreiber dieses will es jedoch bedünken, daß bei diesen Institutionen der Form, überhaupt äußerlichen Rücksichten, zu viel, der Kritik hingegen, oder eigentlich inner» Gründen, zu wenig eingeräumt wurde. Schon bei einer Prüfung des ReUgionsbuches könnte man fast versucht werden, in der Auffassung der Messiaslehre, so wie in dem Umstande, daß sowohl darin wie 'im Spruchbuche (wo die Apokryphen citirr werden) keine einzige Thalmudftelle angeführt wird, eine An von Accomodation zu sehen, während auf der andern Seite von der altherkömmlichen Ansicht nie gewichen und z. B. (S. 10) kategorisch ausgesprochen wird: „Das hohe Lied Salomon's besingt die Seligkeit einer ächten und unvergänglichen Liebe zu Gottrc." In der in mehrfacher Hinsicht sehr lobenswerthen Synagogenordnung wird jeder Urtheilsfähige ohne Zweifel die vorzügliche Sorge für die Belehrung des Volkes als das Wesentlichste erkennen. Aber auch da erlaube ich mir zu zweifeln, ob der beabsichtigte Zweck durch häufige Kanzelvorträge, in Sonderheit von Vorsängern ohne vollendete theologische und wissenschaftliche Bildung, zu erreichen sei, ob der Israelit sich dadurch gewöhnen werde (wie der protestantische Christ) die Predigt als einen inregrirenden Thcil des Gottesdienstes zu betrachten, oder ob dieselbe nicht vielmehr dadurch an manchem Orte zu einer leeren, Vielen lästigen, Form herabsinken dürfte. Das israelitische Publikum ist nicht so leicht zu befriedigen wie das christliche (auf dem Lande), es sicht in dem Prediger nur einen Lehrer, nicht einen begeisterten Diener der Gottheit, es kommt in der Regel, um etwas Anziehendes und Neues zu hören, um zu u r t h e i l e n, sehr selten um sich zu erbauen; tüchtige Redner müssen sich daher zusammennehmcn, wenn sie nicht mit der Zeit bei ihren Zuhörern Kälte und Gleichgültigkeit antreffen wollen, und die Predigt kann nur durch sich selbst, durch ihren gediegenen Gehalt und eindringlichen Vortrag Autorität und Wirksamkeit sich erringen, durch Mittelmäßigkeit hingegen nur verlieren. Es dürfte darum vielleicht zweckmäßiger sein, wenn Vorsänger (und abwechselnd auch die Rabbiner) statt zu predigen, die Uebersetzung eines Abschnittes der Wochen-Sidra mit Erklärung und Beifügung moralischer Nutzanwendungen vorzutragen hatten, und demnach der ursprünglichen israelitischen Institution gemäß, nur als Dolmetscher des göttlichen Wortes im buchstäblichen Sinne fungirten. Der Gottesdienstordnung fehlt es an einem bestimmten Princip, um befriedigen zu können. Alle äußerlich als minder anständig erscheinenden Gebräuche (auch solche, die im Ritual eine Stütze haben*), sind zwar aus der Synngoge verbannt, aber nicht alle für unsere Zeit unstatthaften Gebete, so daß es fast das Ansehen gewinnt, als sollte durch die Redaktion derselben nur die (der Andacht freilich nicht förderliche) zu lange Dauer des Gottesdienstes abgekürzt werden. Am Neujahrsfeste und Versöhnungstage, wo herkömmlicher Weise der halbe oder ganze Tag in der Synagoge zugebracht wird, ist daher fast nichts gestrichen, obwohl viele Stücke keineswegs zeitgemäß sind, andere sich gar nicht zu Gebeten eignen und einander widersprechende, aller historischen Wahrheit ermangelnde Legenden enthalten. (Vergleiche bxVW'1 '"i *ini3 mit TW am 9. Ad und andere.) Sogar das berüchtigte m: bj ist beibehalten, welches, so unschuldig es an sich ist, doch gewiß eine höchst unpassende, ja unwürdige Einleitung des heiligsten Tages im Jahre bildet. Eben so wenig dürfte das neuhinzugekommene Seelenandenken als Opfer zum Seelenheil der Verstorbenen, (etwas dem Judenthume ganz Fremdes und von außenher Eingedrungenes) vor dem Forum der Kritik Billigung finden, zumal die dadurch bewirkte Rührung von sehr zweideutigem Werthe ist, und wäre höchstens da zu dulden, wo (wie in Wien) der Brauch von Alters her bestehet, und so bei'm Volke gewissermaßen zur Pietäts-Pflicht sich erhoben hat. An den Werktagsgebeten ist gleichfalls nichts geändert, nur daß die Verse und Stellen zwischen 1^71 und 'isrüNI am Montage und Donnerstage weggelassen werden; warum aber nicht auch das ganze Stück vorher, worin für unsere Tage eben so ungeziemende Klagen Vorkommen? warum überhaupt besondere Gebete für diese Tage? (Die Wichtigkeit, die sie in der Legende und Volksansicht erhalten, haben sie einzig und allein dem Umstande zu verdanken, daß sie einst Gerichtstage gewesen.) Aber auch sonst erheischte noch Manches dringend eine Abänderung. Warum soll im Winter und nicht im Sommer um Regen gebetet werden? (und zwar *) Das Ausziehen der Schuhe wird jedoch nur am 9 Ab, nicht aber am Dersöhnungstage und bei'm Priestersegen untersagt. 8*