Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 7 (12.2.1841)
- Date
- 1841-02-12
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
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55 Schwerin (Mecklenburg), 10. Jan. 1841.—Heute v. M. 10 Uhr fand hier die feierliche Eröffnung unserer Gemeinde- Schule, in welcher 42 Zöglinge beiderlei Geschlechts außer allen jüdisch-religiösen, auch in den nöthigen Elementargegenständen unterrichtet werden, statt, die in der Culturgeschichte der Israeliten Mecklenburgs als epochemachend bezeichnet werden dürfte. Denn es fehlte bisher durchweg an einer solchen Anstalt, und der Zugendunterricht lag und liegt zum Theil noch jetzt in den Händen selbst verwahrloster Schächter. (!) Dies gilt nicht nur etwa von dem Religionsunterricht im bessern Sinne des Wortes, sondern zum größten Theil auch von der allgemeinen Jugendbildung, namentlich der unbemittelten Vvlksklasse, die ihre Kinder in keine öffentliche Volks- und Bürgerschule unentgeltlich unterbringen konnte. — Ich will bei der Schilderung des bisherigen Zustandes nicht verweilen, da das Faktum genügend spricht: es ist eine Schule neuerrichtet worden. — Zur Leitung dieser Schule ist Herr I. A. Frankel, ein kenntnißvoller angehender jüdischer Theologe, der seine deßfallsigen theologischen Studien in Berlin absolvirt, von dort her berufen worden. Die Eröffnung, welcher, außer den Vorstehern und vielen Gemeindegliedern, noch Herr Schulrath Meyer, landesherrlich bestellter Commissarius der israelitisch-kirchlichen Verhältnisse, beiwohnte, wurde durch eine von unserm, durch seine trefflichen Kanzelreden auch im Auslande berühmten, Landesrabbiner vr. Holdheim an den Lehrer Frankel gehaltene Anrede, mit welcher er ihn gleichsam in sein Amt einführte, eingeleitet. Da diese Anrede auf einige vorgängige Culturmomente Bezug nimmt, so dürften folgende derselben entnommene Stellen hier Platz finden: „Im Namen der hiefigen geehrten Gemeinde, deren religiöses Oberhaupt ich zu sein die Ehre habe, übergebe ich Ihnen das Lehr- und Erziehungsamt unserer Jugend, mit dem innigsten Gebete zu Gott, daß er das Werk der religiösen Jugendbildung, das wir unter seinem Beistände heute in's Leben rufen, die Schule, die wir in diesem Augenblicke feierlich eröffnen, und zu deren Leitung wir Sie berufen, mit seinem reichen Segen beglücken und uns in Ihnen den Mann finden lassen möge, der mit Kenntnis' und Willenskraft, mit Gelehrsamkeit und Gottesfurcht ausgerüstet, unsere schönsten Wünsche zu verwirklichen im Stande ist. Das Vertrauen, welches die Uebergabe dieses Amtes voraussetzt, überhebt mich von den Pflichten, von der großen Verantwortlichkeit, die Sie damit übernehmen, zu sprechen. Ich würde die getroffene Wahl vor Gott und meiner Gemeinde nicht rechtfertigen können, wenn ich nicht bei Ihnen die Kenntniß wie das Wollen alles dessen voraussetzte, was die würdigste Erfüllung dieses Amtes bedingt. Allein ist das auch im Allgemeinen der Fall, so walten hier doch besondere Schwierigkeiten ob, die ich Ihnen in diesem feierlichen Augenblicke nicht verhehlen darf. Denn nicht zur Leitung einer längst bestehenden, in ihrer bezeichneten Bahn sich fortbewegenden Erziehungsanstalt sind Sie' berufen, wo Sie das Werk der Jugendbildung nach wohlbewährtem Plan nur fortsetzen und fortführen dürften, um des gewünschten Erfolges gewiß zu sein, sondern eine ganz neue Schöpfung soll mit dieser Schule in's Leben treten, und Sie Schöpfer einer Anstalt werden, der Sie das eigenthümliche Gepräge Ihres Geistes und Ihres Willens als Siegel aufdrücken. Auf dem bisher brach gelegenen Felde der sittlich-religiösen Jugendbildung sollen Sie einen ganz neuen Baum der Erkcnntniß und des Lebens für unsere Jugend aufpflanzen. Sie haben es mit einer Jugend zu thun, die, was den religiösen Unterricht betrifft, bisher so gut wie ohne alle Lehre und Unterweisung geblieben ist. — Es ist wahr, daß in den ersten Jahren des nunmehr abgelaufenen Jahrzehnds das Bedürfniß nach einer Lebranstalt für unsere isracl. Jugend die edelsten Kräfte unserer Gemeinde dergestalt anregte, daß sie sich unter dem Namen„Or-Nogah" zu einem Verein verbanden und für den Sabbath und Sonntag eine Lehrschule errichteten, welche, nach den Trümmern zu urtheilen, wohl ein schönes Gebäude, und dem tiefgefühlten Bedürfnisse eine theilweise Befriedigung zu gewähren im Stande sein mochte. Allein seitdem diese Kräfte, aus mir selbst nicht zur Genüge bekannt gewordenen Ursachen, wahrscheinlich aber aus Mangel eines geistigen Mittelpunktes und alle Kräfte gemeinsam umschlingenden religiösen Bandes auseinander gefahren sind, fehlte es in unserer Gemeinde gänzlich an einer Stätte der religiösen Bildung, und man kann sagen, daß seitdem das Gestirn des „Or-Nogah"*) untergegangen, in die Kreise der religiösen Erziehung eine völlige Finsterniß eingezogen ist, die Sie nun mit Ihrem Lichte erhellen sollen." „Fragen Sie mich, wie konnte in einer Gemeinde, die des Rufes der Frömmigkeit und Gottesfurcht mit Recht sich erfreut, dieses so lange stattfinden? so antworte ich Ihnen mit den Worten des jüdischen Geschichtsschreibers: (ii. Chor. >15, 3.) „Viele Tage war Israel.... ohne lehrenden Priester und ohne Lehre." Wenn das Wort der Lehre und der religiösen Volksbildung in den Hallen der Gotteshäuser verstummte, wie sollte es in deren Vorhalle, in der Schule, ertönen? Wahrlich, auch hiervon gilt der rabbinische Spruch: „Wenn eine versengende Dürre in den Cedern der Gotteshäuser die Säfte ausgetrocknet, was sollte das Dsop an der Wand beginnen?" „Nun aber soll durch Sie und die Leuchte der Wissenschaft, die Sie führen, in jenes Dunkel ein erfreuliches Morgenroth einbrechen. „Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge" sollen Sie das Gottcsreich in unserer Gemeinde mit begründen helfen, um alle feindlichen und schädlichen Einflüsse des Unglaubens und des Aberglaubens zu zerstören und zu vernichten." (Schluß folgt.) *) Es verdient erwähnt zu werden, daß in der unter diesem Namen bestandenen Schule nur die wenigsten Lehrer besoldet, die meisten aber, in ganz andern Wirkungskreisen praktisch beschäftigte Männer, unentgeltlich wirkten. Sie bestand etwa 2 Jahre, von 1833 bis 1835. Das Schulinventarium wurde von jenem Verein der neuerrichteten Anstalt überliefert, worunter auch ein Fonds von 40 Rthlr. sich befindet.