Mannheim
Compact Memory

Israelitische Annalen · 1841-01-22 · Heft 4 (22.1.1841) · p. Seite 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Annalen
Volume
1841
Issue
Heft 4 (22.1.1841)
Date
1841-01-22
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3133765-3133874-3133879--1007-3135208
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

30 gelehrt werden müsse, wenn nicht alle Andacht aufhören, alles Gemüthliche aus Kirche und Leben fliehen, und das geistloseste Formelwesen, das an sich bloß materiell, die Menschen notwendig znm Materiellen hinführen muß, die stete Oberhand behalten soll. Die Nothwendigkeit des Unterrichts im Hebräisch lesen versteht sich hiernach von selbst. Hieran knüpft sich auch die Aufgabe des jüdischen Religionslehrers, daß er im Gesang unterrichte. Die Schule muß überall auf die Kirche vorbereiten. Bei den Israeliten, wo bicß wahrlich nicht minder nothwendig als bei einer andern Confession ist, scheint dieser Umstand auffallenderweise bis jetzt in unserm Vaterlande übersehen worden zu sein. Mußten nicht die finstern Verfolgungen, welche Jahrhunderte lang die Israeliten und ihre Religion niederdrückten, und die bisweilen höchstens einer tödtenden Nichtbeachtung Platz machten, auch dem Gottesdienste manche Eisrinde anlegen, deren Entfernung der Humanität unserer Zeit Vorbehalten blieb? Was aber vermöchte am meisten dazu beizutragen, was könnte eine schönere Form bieten, bas Herz in seiner innersten Tiefe mächtiger, lebendiger ergreifen, als eben der Gesang? . . ." „Daraus folgt aber auch die Nothwendigkeit der Uebersetzung der heil. Schrift, mindestens des Pentateuchs.... „Durch was anders kann das Gemüth, dieser bedeutsame Faktor des religiösen Lebens, inniger angeregt und erhoben werden, als durch die heil. Schrift, das göttliche Wort, das jedes unverdorbene Herz so mächtig anspricht? Und bei dem Israeliten kann dies nur in der Ursprache geschehen; denn erstens besitzt diese Sprache für ihn an sich schon eine gewisse Heiligkeit, sie ist ihm die Leschon Hakkodesch, die h e ilige Sprache, und alles in ihr Geschriebene hat schon deßhalb, weil es in ihr geschrieben, einen tief eingreifenden Einfluß auf ihn. Sodann besitzen wir nicht, wie die Katholiken in der Vulgata, oder die Protestanten in der Bibel Luthers, eine kirchlich approdirte Ucbersetzung, und hat daher das Urwort die größte Kraft, tief religiös einzuwirken." „Aus all diesem geht aber auch die Nothwendigkeit des Unterrichts in der hebräischen Sprache klar hervor. Unter der hebräischen Sprache, wie sie in der israel. Volksschule ertheilt werden soll, verstehen wir nicht eine vollständige Kenntniß dieser Sprache, sondern bloß die grammatische Kenntniß der Formenlehre, und auch diese nur in ihren Haupttheilen, eine Anforderung, die, an sich unbedeutend, durchaus nothwendig ist, wenn die Ucbersetzung der Gebete und des Pentateuchs nicht ein bloßer Mechanismus bleiben, nichts als ein Auswendiglernen sein soll, das sich bald nach dem Austritt aus der Schule wieder vergißt. Das in der Schule Gelernte muß das Kind doch wenigstens richtig verstehen, einmal der Sache an sich willen, die sonst nur mechanisch wäre, und gerade das befördern würde, welchem der Unterricht in der Ucbersetzung des Pentateuchs und der Gebete entgegen arbeiten soll, sodann um es das Leben hindurch behalten zu können, was bei einem bloß auswendig Gelernten nie der Fall sein wird." — So weit unser Bericht. (Fortsetzung folgt.) Nachrichten und Correspondenzen. Frankreich. —Die Archive« Israelites, Decembre, enthalten folgende Details: — Vor ungefähr fünf Jahren wurden zwei noch zarte Waisenkinder, Bruder und Schwester, (wo?) entführt und getauft. Das Mädchen, welches schon verderbt war, überließ man seinem Schicksale; um den Knaben aber bekümmerte sich sein Gevatter, Herr C. Astrüc, welcher geeignete Schritte that, um ihn wieder aufzufinden. Durch den Eifer des Herrn B. Z>e ba entdeckte man den Ort, wo er so zu sagen vergraben (enseveli) war. Die Behörde hat alle Mittel dargereicht, um diesen jungen Israeliten den Händen derjenigen zu entreißen, welche ihn dem Wohlwollen seines Gönners entzogen hatten. Jetzt hat Herr Astrüc ihn in eine israelitische Schule gethan, wo er sich durch Fleiß und Fortschritte auszeichnet. Bei der letzten Prcisvertheilung entwickelte er solche Gaden, daß sich von ihm viel hoffen läßt. (Diese Nachricht klingt sehr m»)steriös.) — Endlich hat sich eine neue Gesellschaft zur Errichtung einer Handwerks- und Kunstschule im Ober-Rhein gebildet. Schon sind 3000 Fr. zusammengebracht, und bald wird sich ein dirigirendes Comite constituiren. — In Mühlhausen (Ober-Rhein) hat sich ein schändlicher Vorfall ereignet. Er erklärt sich aus folgendem Anlaß. Mehrere Rabbinen dieses Departements sandten eine Adbreffe an das Central-Consistorium zu Paris, betreffend das bekannte Revrganisativnsproject, welchem sie in manchen Beziehungen beipflichten. Ein Herr Daniel Wahl zu Mühlhausen setzte seinen Widerspruch in einem lithographirten hebräischen und deutschen Circular in Umlauf; er greift darin die Personen jener Addressanten spöttelnd an. Am 5. Dec. predigte der Rabbiner Dreifuß in der Synagoge, und sprach unter andern von den wahrhaft Frommen, die eine heilsame Reform herbeiwünschen und den Scheinheiligen, die jeder Verbesserung widerstreben. Herr Wahl bezog letzteres auf sich, und einer seiner Söhne gab dem Rabbiner bei'm Heraustreten aus der Synagoge eine Ohrfeige! — Die Sache wirb nun weiter verfolgt. — In Algier ist den israelitischen Beamten nachgegeben worben, so fern es ihr Gewissen belästigt, am Sabbath nicht zu unterzeichnen. — — Unterm I8ten Nov. v. I. hat die vom Consistorium ernannte Commission, welche an der Spitze der Gemeinde zu Lyon steht, unter dem Vorsitze des Herrn Heyman de Ricqles ein Rundschreiben erlassen, um die durch die Ucberschwemmung verunglückten Israeliten zu unterstützen. — Ein gleiches geschah abseiten der Oberrabbiner zu Metz, zu Paris und zu Marseille, wo indeß die Gemeinden allen Aufforderungen zuvorgekommen waren. Es versteht sich von selbst, daß die Israeliten Frankreichs außerdem zur Abhülfe der allgemeinen Noth nach Kräften beitrugen. Eben dieser Herr de Ricqles fuhr am 4ten und 5tcn November mit zwei Polizeipersonen in einem Kahne herum, und vertheilte Brob und Geld an alle Armen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.