Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 4 (22.1.1841)
- Date
- 1841-01-22
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
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dacht die ersten Grundsätze des Lebens sich zu vergegenwärtigen, und kann sich derselben aus diesem Grunde nicht leicht entäußern, ohne einen Verrath an seinem dunkeln Bewußtsein zu üben. Dies ist der innere Grund des Festhaltens an kirchlichen Formen, und der Erbitterung, welche jeder wirkliche oder scheinbar fremdarartige Eingriff hervorruft. Dem Unkundigen entgeht dabei eine wichtige Rücksicht, nämlich das geschichtliche Verhältniß. Er weiß nicht, wie sich gerade diese ihm unerläßlich scheinenden Formen entwickelt haben, und wie viel davon das achte Erzeugniß der gesunden Wurzel sei, wie viel dagegen äußere Stürme an den Stämmen und den Zweigen gerüttelt, wie viel die unrichtige Behandlung von Seiten der Menschen darauf geimpft, und wie viel gar Fremdartiges unvermerkt sich angehängt habe. Ihm ist alles, was er und wie er es vorfindet, ein unveräußerliches Eigenthum, zu dessen Verfechtung er sich stark fühlt, weil in der Religion jeder des ganzen Gebietes Herr ist. Jede noch so unbedeutende Aenderung erscheint ihm als die Aufopferung der ersten Grundsätze in ihren viel verzweigten Consequenzen. Wie will man nun den Unkundigen belehren, wie ihn eines andern überzeugen, da eine solche Kenntniß zu erlangen schon ein bedeutendes Studium fordert, und die Verbreitung derselben abermals ihre eigene Schwierigkeit hat, auch in der Thar oft neue Mißverständnisse erzeugt? Da wo keine infallible obere Leitung vorhanden ist, gründet sich jeder geschichtliche Fortgang in religiösen Gebräuchen auf persönliches Vertrauen gegen die, welche einen durch Geiftesüberlegenheit oder Amt gewonnenen Einfluß geübt haben, oder üben. Gründliche Sachkenntniß und redlicher Wille wird dabei vorausgesetzt. Wie oft hierin Mißgriffe gemacht wurden, lehrt die Geschichte jeder Kirche zur Genüge, und schon darin liegt ein Grund des Widerftrcbcns der Masse, oft gegen die besten und bedeutendsten Vorschläge zum weitern Forrschreiten. Aber abgesehen von der blinden Widersetzlichkeit, dürfen wir nicht unbeachtet lassen, daß, wenn gleich in Israel nur die Form der sichtbare Gegenstand des Streites ist, dennoch ein Gegensatz der Grundgedanken meiftentheils das eigentliche Wesen des Streites bildet. Es ist daher zur Verständigung wichtig, sich zuerst darüber auszusprechen. Wir haben nicht die Absicht, diese Frage zu erledigen, sondern nur sie hinzustellen, und als Interpret des dunkeln Bewußtseins sie in ihren verschiedenen Richtungen erkennbar zu machen. Es wird sich daraus ergeben, daß jede Formfrage in Wahrheit doch eine Lehrsatzfrage ist, und folglich nicht bloß energische Handlung, sondern auch reife Erwägung fordert, die am Besten wohleingerichteten Behörden anvertraut wird. — Wir geben hier einige solcher Gegensätze, ohne *' sie systematisch zu ordnen, wie sie sich uns darbieten, und überlassen es den Sachkennern, deren noch mehrere zu beobachten und schärfer zu zeichnen. 1) Die äußerlichen Formen der jüdischen Religion sind theils unmittelbare Gesetze Gottes, theils deren mit denselben gegebenen traditionellen Folgerungen, deren streitige Punkte durch Entscheidungen erledigt worden. Gegensatz. Diese Formen sind nicht allesammt Gesetze Gottes, sondern zum Theil nur Interpretation derselben durch spätere Gelehrten, zum Theil unter deren Vertretern streitig; und zur Erledigung des Streites gab es keine Autorität. 2) Geschichtlich bestehende Ceremonien und Gebräuche einer Gemeinde, gleichviel durch welche Autorität eingeführt, bleiben verbindend für den Ort, wo sie bestehen. Gegensatz. Was ohne unmittelbare Nachweisung seines höhern gesetzlichen Ursprungs besteht, entbehrt des religiösen Grundes und hat daher keine bindende Kraft. 3) Die asketischen und gesetzlichen Uebungen der jüdischen Religion sind Selbstzweck, sie enthalten diese Religion in ihrer lebendigen Ausbildung. Deren Veränderung ändert die Natur und das Leben der Religion selbst. Gegensatz. Sie sind als Formen nur die Träger des Gedankens, der ohne seine Natur zu verändern, auch andere Formen annehmen kann und selbige bereits geändert hat. 4) Alle diese Formen sind die wahren Aeußerungen des innern Lebens, ohne sie erstirbt das Bewußtsein. Je größer ihre Zahl, desto stärker ihre Wirkung. GeLensatz. Religiöse Formen im Allgemeinen erstarren leicht im Leben zu bewußtlosen Thätigkeiten; je größer ihre Zahl desto gedankenloser ihre UebungMd desto geringer das Bewußtsein. 5) Asketische Uebungen ziehen ab von des Lebens Eitelkeiten und erhöhen die Gesittung; je zahlreicher, desto wirksamer. Gegensatz. Sie ziehen es zugleich ab von des Lebens Thätigkeiten und Pflichten; je größer daher ihre Zahl, desto geringer die Theilnahme für's Allgemeine. 6) Die asketischen Uebungen flößen Demuth und Gehorsam ein, je zahlreicher, desto stärker die Lebensregel.