Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 3 (15.1.1841)
- Date
- 1841-01-15
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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18 tralpunkt des Elsasses ist Straßburg, und ohne mich weiteren Betrachtungen über die Vergangenheit hinzugcben, will ich in kurzen Umrissen das hauptsächlich berühren, was die Gegenwart betrifft. — Die kirchlichen Verhältnisse der Israeliten sind in ganz Frankreich auf eine gleiche Weise durch das Central-! Consiftorium geordnet, und dieselben Bestimmungen,! welche im Allgemeinen gelten, haben auch in Slraßburg ihre praktische Bewährung. Der Gottesdienst ist geordnet und von allen jenen Schlacken befreit, denen wir noch zuweilen in deutschen Synagogen begegnen. Ein Mann, der wissenschaftliche Bildung besitzt und für das Gute beseelt ist, Herr ConsistorialrabbinerArnaud Aron, zeigt den regcsten Willen, alle bessern Bestrebungen der Zeit zu fördern, und je mehr er zuweilen auf Hindernisse stößt, die in der heterogenen Zusammensetzung der Gemeinde ihren Grund haben, desto eifriger ist er bemüht, Entscheidungen zu erlassen, welche die Vermittlung der Gegensätze zum Zweck haben. Eine gewisse Anzahl von Männern, welche gerne eine Partei bilden möchten, finden keine Aufmunterung, schon deßhalb, weil dieses, seiner Ueberzeugung gemäß, den Frieden der Gemeinde stören würde, um desscntwillen er mit weiser Umsicht und schonend verfährt. — Was den Gottesdienst wahrhaft erhebend macht, ist nicht nur die prachtvolle Synagoge, wie.deren sehr wenige in Europa existiren, und deren Glanz und äußere Erscheinung mächtig auf den Eintretcnden wirken, sondern auch die ausgezeichneten Leistungen des Vorbetcrs, Herrn Löwe, welcher früher in London funktionirte. Seine Stimme dringt kräftig durch die weiten Raume, und sein Gefangtalent ist vielleicht eines der ersten, das sich in dieser Stadt findet. Die Choralgesänge sind musterhaft*) eingeübt und mir Freude wendet man sich dem Gotteshause zu, weil man dort unwillkührlich zur Andacht gestimmt wird. Einer der schönsten Momente ist der, in welchem die Thora aus der Lade geholt und wieder in dieselbe zurückgebracht wird. Der Vorsänger schreitet mit den Chorknaben an den heiligen Ort und läßt in kirchlichem Gesänge die Gebetformcln ertönen, bis sich die heilige Rolle da befindet, wohin sie gehört. — *) So unbedeutend dergleichen Bemerkungen erscheinen, so wichtig ist es, überall auf den wahrhaft erhebenden Effekt eines geregelten Gesanges aufmerksam zu machen. Dle Erfahrung spricht jetzt laut genug, und wir haben gern deren Bestätigung von den verschiedensten Seiten her ausgenommen. D. H. Was von dem Großrabbinen und dem Vorsänger in ihrem Wirkungskreise geleistet wird, verfehlt auch das Consistorium seinerseits nicht. Diese Behörde, welche direct mit dem Ministerium des Cultus correspondirt, und unter welcher sich auch Herr Ludwig Ratisbonne befindet, dessen Thärigkeit für das Wohl und die Fortschritte seiner Glaubensgenossen allenthalben bekannt ist, versäumt keine Gelegenheit, den wohlmeinenden Ansichten der Regierung sowchl, als auch dem Kirchenhaupte hülfreiche i Hand zu bieten. — Eines der schönsten und wohlthärigsten Institute Straßburgs ist wohl die israelitische Arbeitsschule, und um diese hat sich namentlich die Familie Ratisbonne sehr verdient gemacht. 'Ihr Zweck geht hauptsächlich dahin, das Gefühl für Thärigkeit anzuregen, ihre Zöglinge für die verschiedenen technischen Gewerbe zu erziehen, sie in den nothwendigen Wissenschaften unterrichten zu lassen und ihren moralischen Wandel zu bewachen. So gering auch bis jetzt ihre finanziellen Mittel sind, so leistet sie dennoch Großartiges, und ihr Wirken ist vielleicht das verdienstvollste, dessen sich eine Anstalt der Art zu rühmen hat. Die Zahl d.er aufgenommencn Zöglinge, die größtentheils ganz verwahrlost einrreten, beträgt ungefähr 36. Sie befinden sich bei verschiedenen Meistern in der Lehre, genießen indessen Kost und Wohnung in dem für sie bestimmten Gebäude unter der Aufsicht einer besonder» Commission, an deren Spitze Hr. Charles Hirsch steht, der, trotz seiner anstrengenden Berufsgeschafre, seine wenigen freien Stunden diesem herrlichen Institute widmet. An Sabbath- und Feiertagen erhalten die Eleven Unterricht in verschiedenen Lehrgegenständen. Der hiesige Gemeindelehrer, Herr Ennery, Herr Achille Ratisbonne, Hern Apotheker Simon rc. bilden das Lehrerpersonal. Sie alle sind von dem besten Eifer für diese gute und heilige Sache beseelt, und es gewährt dem Menschenfreunde nicht wenig Vergnügen, den einen und den andern unterrichten zu hören. Später wird sich noch ein junger Frankfurter, Herr Gustav . Beifuß, so wie Schreiber dieses, jenen Männern anschließen, um auch das Ihrige an einem Werke beizutragen, das gewiß zu den schönsten und belohnendsten gehört. — So schreitet in Israel Alles fort, uud die Ueberbleibscl finsterer Jahrhunderte verschwinden immer mehr, um Ergebnissen Platz zu machen, die das schönste Zeugniß der Vervollkommnung bilden. _