Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1841
- Issue
- Heft 2 (8.1.1841)
- Date
- 1841-01-08
- Page
- Seite 14 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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14 Nachrichten und Correspondenzen. Ungarn. Großkanischa, im December. — Es ist nun bald ein Jahr, seitdem uuser letzter Landtag geschlossen ist, und allmählich sängt man an, odjectiv über den Werth und die Bedeutung seiner Resultate ruhig und besonnen zu urtheilen. Es wäre üdersiüssig und zugleich für meinen heutigen Bericht unpassend, die durch jene Verhandlungen angeregten Sympathien zu schildern; ich beschränke mich daher nur auf das, was Ungarns Israeliten, als solche, näher angeht. Wie überraschend und niederschlagend auch die Kunde von der nicht, erlangten Königl. Sanction fast aller der hochherzigen Beschlüsse beider Ständetafeln, im Betreffe der Emancipation für das In- und Ausland sein mochte; so ist und bleibt der moralische Eindruck, den jene edlen, von reinster Humanität beseelten Gesinnungen fast sämmtlicher Vertreter unsers Landes hervorgebracht, nichts destoweniger höchst wohlthuend und bedeutungsvoll. Ganze Gemeinden, die noch leider in tiefer Lethargie versunken lagen, wurden durch die zur Sprache gebrachten religiös-politischen Interessen einigermaßen aus derselben aufgerüttelt, und fangen allmählig an, dem heilsamen Gedanken Raum zu geben, daß mit einer äußern Emancipation nothwendig eine innere Hand in Hand gehen müsse. Von der richtigen Ansicht geleitet, daß jede Reform, wenn sie anders eine sichere Basis gewinnen will, mit der Verdesserung und Veredlung des Jugendunterrichtes beginnen müsse, hat man bereits in neuester Zeit mehrere erfreuliche Beispiele, wie selbst kleinere Gemeinden ernstlich für denselben zu sorgen anfangen. So hat jüngst die nicht sehr zahlreiche Gemeinde Agram in Kroatien, neben ihrem alten Rabbinen, einen zeitgemäß gebildeten'jungen Theologen als Prediger und Religionslehrer angestellt. Ueberhaupt kann es als ein erfreuliches Anzeichen eines bessern Strebens gelten, daß deutsche Predigten, die moch vor Kurzem als ein für den jüdischen Gottesdienst ganz fremdartiges und daher verpöntes Element galten, immer häufiger und lieber gehört werden. So hielt vor einigen Monaten Herr L, Schwab, Oberrabbiner zu Pesth, bei der Einweihung einer neu erbauten Synagoge zu Palotta, auf Verlangen der Gemeinde eine deutsche Predigt, die mit wahrhaftem Freisinne auf die Befriedigung der dringendsten religiösen Bedürfniste unsrer Zeit aufmerksam machte. Diese Predigt ist bereits im Drucke erschienen, und was bemerkenswerth ist, zum Besten der dortigen Thalmud-Thora-Gesellschaft. — Eine andere deutsche Einweihungsrede hielt vor kurzer Zeit Hr. L. Königsberger, Rabbiner zu Steinamanger, in Güsstng; sie ist ebenfalls gedruckt. Auch in diesem Vortrage zeigt sich ein Anstreben nach einer bessern religiösen Richtung, und insofern der Verfasser desselben noch ganz der alten Schule angehört, verdient er um so mehr Nachsicht und Anerkennung. Jedoch wäre zu wünschen, daß derartige, immerhin unreif zu nennende Produkte, ohne allen rhetorischen Werth, zumal, wenn sie noch so stark an Jncorrektheit deS Ausdruckes leiden, lieber Manuscript blieben. —' Solche Gelegenheitspredigten sind freilich bis jetzt nur gleich einzelnen leuchtenden Sternen in einer finstern Nacht, die, von dichtem Gewölke schnell wieder verdeckt, nur ein desto empfindlicheres Dunkel zurückzulassen pflegen; jedoch lehrt die Erfahrung, daß diese dennoch heilsamen Einfluß für die Zukunft üben. Der ungarische National-Charakter im Allgemeinen, der sich zumal bei der jüngern jüdischen Generation durch Lebhaftigkeit und Energie so deutlich manifestirt, zeigt einen regen Sinn für alles Bessere, und von einer Idee eiNMl hinlänglich durchdrungen, ist sie auch jedes Opfers für die'Mealisirung derselben fähig. — Aber angeregt muß sie werden, und leider gibt es der Impulse von außen noch zu wenig. Regelmäßig organistrte Volksschulen gehören hier zu Lande noch zu den Seltenheiten, an zeitgemäß gebildeten Religionsvorstehern fehlt es fast noch gänzlich, und außer in Pesth, Arad und noch einigen andern Gemeinden sieht es noch ganz so aus, wie in unserm Deutschland vor etwa 50 Jahren. Das polnisch-rabbinische Element ist noch das unumschränkt herrschende, und von dem Mißbrauche der Autonomie einzelner Rabbinen ließe sich Manches erzählen. Anlangend nun die hiesige. Gemeinde, so haben Sie bereits in Ihrem geschätzten Blatte einigemal über dieselbe referirt, und bleibt nur wenig Neues hinzuzufügen. Bemerkenswerth ist das thätige industrielle Leben der hiesigen Gemeinde. Außer den beiden jüdischen selbstständigen Schneider- und Schuhmacherzünften, die eine verhältnißmäßig enorme Anzahl von Meistern und Gesellen zählen, gibt es noch einige andere Handwerker, die sehr betriebsam ihrem Geschäfte leben. Einige Haupthindernisse stehen zwar der Zunahme der Liebe zum Handwerke noch in der Beschränkung entgegen, daß jüdische Meister nur mit jüdischen Gesellen arbeiten dürfen, sowie in der unbeschränkten Macht der christlichen Zünfte, die sich nicht leicht zur Annahme jüdischer Lehrlinge und zur Aufnahme jüdischer Meister bequemen wollen. Der Oekonomie wenden sich noch Wenige zu, hauptsächlich wegen der lästigen Urbarialbeschränkungen. Indem man sich aber der sichern Hoffnung hingiebt, daß diese ihre Gesetzeskraft alsbald verlieren, besuchen bereits einige Jünglinge unsrer ersten Häuser landwirthschaftliche Institute. Im Handel herrscht hier zu Lande die größte Freiheit. Ein Jeder kann die heterogensten Geschäftszweige neben einander betreiben. Es fehlt hier nicht an bedeuten, dem Wohlstände, neben welchem sich aber auch ziemlich große Armuth findet, deren Ursache hauptsächlich in der etwas leichtsinnigen Weise, wie hier Ehen geschloffen werden, zu suchen ist. Auch für die Kunst — beiläufig gesagt — zeigt sich ein nicht unempfänglicher Sinn, uud einige jüdische Musiklehrer haben hinreichende Beschäftigung. Was nun das intellectuell-religiöse Leben betrifft, so steht die hiesige Gemeinde verhältnißmäßig keineswegs hinter den Anforderungen der Zeit zurück. — Mehrere Jünglinge besuchen eine für die hohem Studien vorbereitende sogenannte Piaristenschule, unfern Gymnasien einigermaßen entsprechend; einige s -I