Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 52 (24.12.1840)
- Date
- 1840-12-24
- Page
- Seite 432 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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432 Ader dann hatte ich meine heilige Mission nicht als erfüllt angesehen. Ich Halle nicht bloß die äußern Umstände, sondern auch den innern Zustand der morgenländischen Zuben im Auge; ihre Zukunst zu verbessern schien mir wichtig, und nur dadurch glaube ich meine Brüder in Europa zu beftiedigen. Merket nun die Größe Gottes! Wie bewundernswürdig ist seine Weisheit, wie schafft sie Glück aus schwerem Unglück! Vor etwa dreitausend Zähren bedrängten entsetzliche Leiben das Volk JSrael, und Mose ward zur Rettung gesendet! Seit der Zerstreuung haben die Europäer kaum einige Kunde von ihren Brüdern im Morgenlande, nur durch abgeordnete Almosensammler erfuhr man von ihrer traurigen Lage. Da entsteht eine schreckliche Verfolgung; — eine schändliche Verläumdung dringt Bestürzung über Israel; vier unglückliche Opfer erliegen dem traurigen Schicksale, und sterben für die Religion, — allgemeine Trostlosigkeit in Israel. Die abendländischen Brüder vernehmen es, tief betrübt gedenken sie ihrer Religionsgenossen, sie vereinigen sich und senden Abgeordnete, welche mit Muth und festem Sinn den Gefahren trotzen und den Widerstand besiegen; die geistige Verbindung ist wieder hergestellt. Die unglücklichen Brüder in Damast sind frei, die Kette» gebrochen, selbst die Tobten gerechtfertigt. Aber das genügt nicht den abendländischen Brüdern, weiter hinaus Lehnen sie ihre Fürsorge, sie wollen euch auch in Zukunst beglücken. Vor 50 Jahren standen auch die Abendländer auf der Stufe, die ihr jetzt inne habt. Was hat sie dem Elende entrissen? Nichts als eine gute Erziehung. Seitdem sie die öffentlichen Schulen besuchen, sind alle Mitglieder des Staates gleich, die Unterschiede sind verschwunden, der Israelit wird wie der Christ als Mensch angesehen Md geachtet. Die Väter sind beglückt durch die neue Erziehung, welche sie ihren Kindern gegeben haben, indem sie sie so ehrenvoll dastehen sehen, und die Kinder segnen ihre Väter, daß sie so weise für ihr Wohl gesorgt haben. Meine Freunde, ihr sollt eben so glücklich werden! Ein unbeschreiblicher Enthusiasmus bemächtigte sich hier der ganzen Versammlung und unterbrach einige Zeit die Ruhe. Hierauf trat Herr Munk hin und las eine ausführliche Darstellung des Schulplanes vor. Was die Erziehung des weiblichen Geschlechtes anbelangt, so hatte Herr Cr. schon einmal die kleinere Versammlung der vornehmsten Familienväter darüber stark ^ngeredet: Woher diese unbegreifliche Kälte und Gleichgültigkeit gegen das andere Geschlecht? Kommt sie euch von den Moslemen oder den Juden? habet ihr sie von Len Erstem, so ist es eurer unwürdig. Aus unfern heiligen Schriften könnt ihr sie nicht haben; heißt es nicht deutlich: der Mann verläßt seinen Vater und seine Mutter und hängt seiner Frau an? Hat etwa Gott gesagt: Ehre deinen Vater und nicht auch: deine Mutter? Denket an die Wunder, welche Gott durch Zu. dith, durch Esther gethan. Diese Worte hatten bereits einen tiefen Eindruck gemacht, und es erfüllte den Redner mit Freude, daß die Wahrheit so leicht Eingang gefunden hatte. Jetzt nahm er den Gegenstand wieder auf, zeigte ihnen abermals an den biblischen Frauen, Mirjam, Deborah rc. wie weit ,die heilige Schrift davon entfernt ist, den Frauen eine so untergeordnete Bestimmung anzuweisen, da sie sogar mehrere als Prophetinnen anführt; er erzählte der Versammlung, welcher achtbaren Stellung die Frauen im Abendlande in der bürgerlichen Gesellschaft sich erfreuten, und machte ihnen deutlich, wie viel schöner sich ihre Lebensverhälrnisse bilden würden, wenn auch ihre Töchter einer angemessenen Erziehung genössen. Rechnet auf die abendländischen Brüder, fügte er hinzu, sie sind nicht dloß da, um euch zu rathen, sondern sie werden euch zur Erreichung einer höhern Civilisation thätig beistehen!*) Dann verließ Herr Cr. die Versammlung, ein wenig wohler sich fühlend durch die gehabte Aufregung, deren Folgen indeß ihm in den nächsten Tagen desto fühlbarer wurden. Am Donnerstage war er so krank, daß er selbst nicht schreiben, und einen Brief, den er dictirte, unbeendigt lassen mußte; erst Freitag legte sich das Fieber, und die Genesung rückte mir schnellen Schritten heran. An diesem Tage empfing Herr Cr. durch einen Courier aus Damask Briefe von Herrn Me rlato, und 14 andere, nämlich von den befreiten Gefangenen, deren jeder an Herrn Cremieux und an Sir Moses Montefiore besonders geschrieben hatte; darunter waren zwei von den Frauen zweier Befreiten an die edeln Frauen ihrer Retter. — Welche Gefühle mögen diese Briefe erregt haben! — An demselben Tage kam Adda, um das Weitere in Betreff der Schulen zu ordnen. Es ward verabredet, zwölf Männer als Comite zu constituiren, und alles auf 3 Jahre festzustellen, bis wohin Herr Cr. die versprochene Beisteuer auf seine eigene Verantwortlichkeit für die abendländischen Brüder übcr- *) Ueber die Art, wie die Leitung der etwaigen Beiträge organisirt werden dürfte, wird man wahrscheinlich bald Nä» heres erfahren.