Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 52 (24.12.1840)
- Date
- 1840-12-24
- Page
- Seite 430 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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auszureißen das Unkraut, welches überall wucherte, und anzuregen die Arbeiter, daß sie selber mit Hand anlegen und rüstig Mitwirken zu ihrem eigenen Heile und ein schöneres Leben aufblühe, da wo bisher nur Grabesstille herrschte oder der Jammer der Verlassenen. Auch dies ist eine Frucht unsrer Zeit, welche die Bande der äußern Macht geringer achtet, als den Bann, der die Geister gefesselt halt, und in der Befreiung der Geister ans der Gewalt des Wahnes ihre Aufgabe erkennt. — Crem i eu x ward eins ihrer würdigen Organe und er hat seine Aufgabe gelöset! Am Schluß des Jahres 600 begab sich Herr Cremieux aus Alexandrien nach Cahira, und in wenigen Tagen stand das treffliche Werk, zu dessen Schöpfung er sich berufen fühlte, vollendet da. Es war ganz und gar das Werk des Geistes und der Liebe, geschaffen durch die Macht des Wortes; denn seine übrige Thatkraft war fast gänzlich gelähmt; er war beinahe die acht Tage seines Wirkens an's Krankenlager gebannt. — Den Gang der Verhandlungen entnehmen wir aus seinem unschätzbaren Tagebuche, so weit dessen Inhalt zu unsrer Frage gehört und mit Uebergehung dessen, was rein persönlicher Natur ist. In Alexandrien hatte der traurige Zustand geistiger Verwahrlosung seine ganze Aufmersamkeit in Anspruch genommen. Er hatte mit dem Oberrabbinen daselbst, einem höchst intelligenten Mann, aber auch wohl nur dem Einzigen, der diese Stufe der Bildung einnimmt, wiederholentliche Unterredungen darüber gepflogen, und ihn für die Verbesserung des Unterrichts gewonnen. Allein die dortige Gemeinde ist sehr arm und ihrem Oberhaupte noch ein ganzes Jahr seines schwachen Gehaltes (1500 Fr.) schuldig. Gedrückt durch die Verhältnisse und tief gebeugt durch den Verlust dreier Kinder, welche die Pest ihm entrissen hatte, äußerte er sein Verlangen, im Abendlande einen angemessenen Wirkungskreis zu finden; aber Cremieux machte ihm bemerbar, wie höchst wichtig sein Verbleiben zu Alexandrien für das künftige Heil seiner Gemeinde bei den beabsichttgten Verbesserungen sein werde, und dieß beruhigte den edeln Mann so, daß er seinen Wunsch aufgab. Ehe aber unter den obwaltenden Umständen hier ein entschiedener Schritt gethan werden konnte, begab sich Cremieux mit Munk nach Cahira, hier sollten die ersten Schulen entstehen. Diese Stadt zählt in allem 360 Judenfamilien, allesammr nur vom Geldwechseln sich ernährend, so weit sie überhaupt Geschäft treiben. Unter denselben sind 12 reiche Hausvater, 8 wohlhabendere, 12 mittlere, 20, die nicht ganz zur Armuth gehören, die Uebrigen völlig arm und dürftig. Aus diesem Zahlenverhältniß ergiebt sich die Größe des dort herrschenden Elendes, da keine Art des Erwerbes den Unglücklichen zufteht. Weit beklagenswerther als der Brodmangel ist aber einerseits die vollständige Verkümmerung der äußern Haltung sowohl als der allgemeinen Bildung, andrerseits der Mangel des allernöthigften Unterrichts in gemeinnützigen Kenntnissen. Die Unwissenheit kann nicht krasser sein als man sie dort findet. Der ganze Unterricht beschränkt sich erstlich nur auf Knaben, indem die Mädchen gar keine Erziehung oder Anleitung haben, auch keine Fertigkeit in weiblichen Arbeiten erlernen. Für die männliche Jugend waren bisher 6 Lehrer angestellt, deren ganze Aufgabe darin bestehet, hebräischlesen zu lehren, und die jungen Leute so weit zu bringen, daß sie den Pentateuch uud die Propheten in's Arabische übersetzen. Das geschieht aber auf eine so höchst mechanische Weise, durch beständiges Vorsprechen und Nachsprechen, daß die Zöglinge, selbst wenn sie die ganze Fertigkeit erlangt haben, von dem Inhalte so viel wie gar nichts wissen. Die' Räume, in denen die Jugend sich zu diesem Zwecke versammelte, waren elend gehaltene Zimmer, in welchen der Lehrer auf einem Kissen saß, die Kinder meist auf bloßer Erde, größtentheils in Lumpen gehüllt, und das traurigste Aussehen darbictend; dabei schaukeln sich alle beim Unterricht auf und ab, (ganz wie in den übrigen morgenländischen Schulen, und wie es häufig noch in Polen und in den zum Theil von daher stammenden Lehrweisen selbst in Deutschland der Fall ist.) Herr Cremieux hatte ganz richtig erkannt, daß mit der Beschwichtigung der Verfolgungen nicht genug gethan sei und daß der unglücklichen Volksmasse nur geholfen werden könne, wenn eine kräftige, lebensvolle, der bürgerlichen Gesellschaft nützliche und durch Wohlgefallen an rüstiger Thätigkeit glückliche Jugend herangebildet werde. Die Mädchen wachsen, wie gesagt, ganz ohne