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Israelitische Annalen · 1840-12-11 · Heft 50 (11.12.1840) · p. Seite 415

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 50 (11.12.1840)
Date
1840-12-11
Page
Seite 415 (sequence 3)
Language
German
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415 Majorität der Ständeversammlung anerkannt. Auch sie will den Mosaiken mehr Rechte und Freiheiten einräumen; sie weicht ader darin von der Ansicht der Minorität ab, daß sie die Mosaiken auf die Orte beschränken will, wo ihnen bisher der Aufenthalt gestattet worden ist. Dieser Vorschlag nun, welcher ganz gegen die Bestimmung des § 1 im Gesetzesentwurf streitet, ist es, womit die Minorität sich durchaus nicht übereinstimmend erklären kann. Wie kränkend muß es doch für die Mosaiken sein, daß man sie noch immer perhorrescirt und für unwürdig hält, an den Freiheiten der übrigen Landeseinwohncr Theil zu nehmen; wie wird eben dadurch ein Staat im Staate erhalten, der nicht anders als nachtheilig auf bas Wohl des Ganzen wirken muß; wie werden die Mosaiken dadurch in ihrer Abneiguug gegen das Christenthum bestärkt, wenn sie von den Christen verächtlich und lieblos behandelt werden: wie wird eben dadurch die Ausbildung der Mosaiken sowohl in äußerer als innerer Hinsicht behindert. Zwar ist die Majorität der Ansicht, daß durch die Centralisirung den Mosaiken mehr Gelegenheit zur Ausbildung gegeben werde, allein zur Entwickelung der physischen und moralischen Kräfte gehört Freiheit, und diese wirb ihnen ja durch die beengte Lage, worin man sie erhalten will, benommen. Sie werden in ihrer Nationalität, in ihren Vorurtheilen und Irrthümern bestärkt, und ihnen wird der nöthige Spielraum sich durch Handwerke, Gewerbe, Ackerbau u. s. w. ehrlich und anständig zu ernähren, wenn nicht ganz abgeschnitten, doch so verkümmert, baß sie genöthigt sein werden, den für das Ganze so verderblichen Schacherhandel fortzusetzen, wenn sie nicht umkommen oder gänzlich verarmen wollen. Hiezu kommt noch der Umstand, baß die Städte und Orte, an welchen die Mosaiken, nach der Ansicht der Majorität ferner adgesperrt bleiben sollen, offenbar prägravirt werden; indem man auf ihre Schultern allein die Last wälzen will, welche sonst über bas ganze Land vertheilt werden würde. Betrachtet man nun die Gründe, weßhalb die Majorität sich gegen die Freizügigkeit der Mosaiken erklärt, so bestehen sie hauptsächlich theils in Befürchtungen, theils in dem Sonderinteresse, das so deutlich aus den vielen Petitionen hervorgeht, welche wider die Mosaiken eingereicht worden sind. Was nun die Befürchtungen der Majorität anbetrifft, so muß die Minorität sie für ungegründet erachten. Durch die Freizügigkeit wird die Anzahl der Mosaiken im Lande nicht vermehrt, wie man befürchtet, sondern vielmehr verringert, wie die Geschichte und Erfahrung lehrt und das Beispiel von Dänemark es bestätigt; denn in den Herzogthümern giebt es verhältnißmäßig viel mehr Mosaiken als in Dänemark, wo sie schon seit dem Zahre 1814 emancipirt sind. Es ist ungegründet. daß ihre Verarmung durch die Freizügigkeit befördert werde; sie wird im Gegentheil vermindert, wenn man ihnen mehr Gelegenheit giebt, sich ordentlich zu ernähren. Es ist ungegründet, daß sie vor den militärpflichtigen Dorfsbewohnern bevorzugt werden: denn sie müssen, wenn sie auf's Land ziehen, eben sowohl militärpflichtig werben, wie alle übrigen. Es ist ungegründet, daß ihre Ausbildung durch die Freizügigkeit gehindert wird. Nein! sie wird im Gegentheil befördert werden, wenn sie unter die Christen sich mischen, an deren Bildungsanstalten Theil nehmen und frei sich entwickeln können. Cs ist endlich ungegründet, daß dje Holsteiner so phlegmatisch seien, daß sie leicht von den Mosaiken überflügelt werden würden. Nein die Holsteiner sind zwar ruhig, aber keineswegs phlegmatische Menschen; sie haben Geist und Leben, und wenn sie sich nur anstrengen, so brauchen sie sich vor den Mosaiken nicht zu fürchten. So klar dies Alles nun zu sein scheint, so ist doch ein großer Theil des Landes sehr gegen die Freizügigkeit der Mosaiken, und zwar hauptsächlich deswegen, weil ein fest eingewurzeltes Dorurtheil gegen sie Statt findet, und das Sonderinteresse so Vieler dabei in Betracht kömmt. Daß nun Anfangs Manche durch die Freizügigkeit der Mosaiten etwas leiben werden, ist nicht in Abrede zu ziehen. Allein dies wirb sich bald ausgleichen, und Dänemark, so wie Frankreich, Belgien, Holland, England, Nordamerika rc. beweisen es, daß die christlichen Kaufleute und Gewerbtreibenden nach wie vor bestanden und in ihrem Betriebe nicht gefährdet worden sind. Ueberhaupt ist es zu erwägen, baß auch bei den schönsten und besten Einrichtungen Sonderinteressen sich zeigen und dagegen sich auflehnen. Als die neue Zolleinrichtung getroffen werden sollte, wie erhob sich das Sonderinteresse; die Verordnung ist erschienen und nun wird eS immer mehr anerkannt, daß sie nützlich und wohlthätig sei. Auch bei vielen andern Verfügungen, als die Armen- und Wegeordnung sind Sonderinteressen laut geworden, und sie werden es bei jeder nothwendigen und wohlthätigen Anordnung werden. Will man also bloß Sonderinteressen im Auge behalten, so wird nie eine Verbesserung der stattfinbenden Uebelstände zu Wege kommen; und will man die Freizügigkeit der Mosaiten aufschicben, bis das ganze Land sich dafür erklärt, so werden sie immer abgesperrt und gefesselt bleiben müssen. Aus diesen Gründen muß die Minorität sich ganz für die Bestimmung im tz 1 des Gesetzentwurfes erklären, und vor dem Thron Ew. Königl. Majestät die Bitte nieberlegen: „Daß die Verordnung, die Verhältnisse der mosaischen Glaubensgenossen betreffend, unter den nöthigen Modificationen bald möglichst erlassen werden möge." Itzehoe, 22. Sept. 1840. Ew. Königl. Majestät averunterthänigste, treugehorsamste Provinzial- Ständeversammlung des Herzogthums Holstein. G. L. Balemann. F. v. Reventlow. Präsident. Berichterstatter. 50*

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