Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 49 (4.12.1840)
- Date
- 1840-12-04
- Page
- Seite 410 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 2× ep/1000754
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410 und der Derläumdung, so daß Jedermann von Abscheu erfüllt ward gegen diese Furie, die neuerdings wüthete, diese hundertköpfige Hyder, diesen immer anders gestalteten Pro» teus, welcher so viel Unheil über die Menschen dringt, nnd die Bruderliebe zerstört, zur Schmach der Zeit in der wir leben. Wenn diese Rede in Druck erscheint, wird sie gewiß sich allgemeinen Beifalles erfreuen." Russische Grenze. — Dem Pernehmen nach werden alle Israeliten, so in Brisk wohnen, ihre Häuser verkaufen und die Stadt räumen müssen, weil sie nach den neuern Ukasen, in keiner Festung sich aufhalten dürfen. Sie sollen sich, wie es heißt, nur in den Vorstädten niederzulaffen Erlaubniß erhalten. Viele hundert Familien werden durch diese Maßregel in eine mißliche Lage versetzt. Minsk, October. — Bekanntlich sind mehrere hundert Familien auf Veranlassung und mit Aufmunterung von Seiten der Regierung, aus Kurland,und Lievland nach dem Cherson ausgewandert. Sie zogen 'durch unsere Stadt, und zwar mitten im Sommer, r^ohl^versorgt, die meisten wohlhabend, und zum Theil von der Regierung unterstützt. Sie bewerkstelligten diese weite Wanderung (über 200 Meilen) bequem und gut. Jetzt aber kommen viele Familien aus Samut (Lithauen) nach, fast alle blutarm, ohne Reisegeld oder sonstige Unterstützung; die Theuerung nimmt zu, der Winter hat bereits begonnen, das Regenwetter hemmt den Zug, und so haben wir hier mehrere tausend Personen zu kleiden und zu ernähren, und wer weiß wie lange sie hier zurück bleiben müssen! Don dem Elende dieser Leute hat man keinen Begriff, wenn man es nicht gesehen hat. Von Minsk müssen sie zu Fuße nach Barissow wandern, dort bekommen sie Beidakin (Kähne), um die Be resa hinab in den Dniepr und auf diesem bis nach Kremenzek zu fahren. Eine traurige Reise, auf welcher länger als einen Monat mehrere hundert Personen in einem kleinen Fahrzeug zusammengepreßt, unten vom Flußwaffer bespült, und von oben dem Schnee und Regen ausgesetzt, zubringen, und dabei ohne wärmende Hülle und Nahrung! — Lemberg, October. — Am Neujahrsfeste, als eine Menge der Gebildeten hiesigen Ortes in den verschiedenen Betstuben, welche alljährlich an den hohen Festen nothwendig werden, sich einfanden, ward der außerordentliche Mißstand und das große Mißverhältniß der verschiedenen Ansichten, die immermehr im Leben sich geltend machen, recht stark bemerkt, und mehrere ausgezeichnete Männer nahmen davon Veranlassung, sich die Abhülfe recht angelegen sein zu lassen. Namentlich berielhen sich der in unserer Gegend allgemein verehrte Dr. I. Rapaport, Arzt, und seine edeln Schwiegersöhne, ferner der hochgeachtete Advokat vr. L. Äolischer, der Dichter und Advokat vr. E. Blumenfeld, und vr. I. Epstein, hiesiger Spitalarzt, in der Absicht, an hiesigem Orte einen Tempel zu errichten, wie solche in Deutschland mehrere bestehen, wo sie und die mit ihnen Gleichgesinnten sich zur Andacht versammeln könnten. Kaum war der Gedanke angeregt, als er immer größern Anklang fand, und eine ungemeine Bereitwilligkeit dazu beizusteuern. sich kund gab. Am Tage nach dem Neujahrsfeste war man schon so weit damit vorgerückt, daß am folgenden Tage schon allezur Reife gelangte. Am vierten des Monats Tischri nämlich trat eine zahlreiche Versammlung im Hause de- Herrn vr. Blumcnfeld zusammen, und unter ihnen Namens des Gemeinde-Vorstandes, auch der wegen seiner Großherzigkeit anerkannte Herr F. Dubs, zunächst um zu prüfen, ob die Mittel zu einem bedeutenden Bau und zur Anstellung des erforderlichen Personales wie zur Bildung eines guten Chores vorhanden seien; denn es versteht sich von selbst, daß man nicht ein so schönes Werk erst weit hinaus verschieben und allmählich entstehen lassen wollte, vielmehr die Sache so zu behandeln gedachte, wie es einer großen und angesehenen Gemeinde würdig ist. Die Umsichtigen fanden es daher für angemessen, bevor man eine allgemeine Sammlung veranstaltete, erst ein ernstes Wort anszusprechen, der Gemeinde eine klare Darlegung des herrlichen Zweckes zu eröffnen, sie auf die Vortheile hinzuweisen, welche das neue Institut für die ganze Folgezeit haben werde, zumal die alte Synagoge lange nicht mehr für die gestiegene Volkszahl ausreiche. Dies geschah auf die entsprechendste Weise. Hier die Darstellung zu wiederholen, dürfte überflüssig erscheinen, da der Gegenstand kaum eine neue Ansicht bietet, und das Lokale für's Ausland kein Interesse haben möchte. So viel aber darf man sagen, daß bas Ganze die wärmste Liebe und den lobenswerthesten Eifer beurkundete, und auf die Zuhörer einen unauslöschlichen Eindruck machte. Eine wahre Begeisterung ergriff die Versammlung und laut und freudig ertönte der Beifall. Am Sonntag den 25. October ward abermals im Hause des vr. Blumenfeld eine Versammlung gehalten, und hier ward Herr vr. Rapaport zum Präses des Comite's ernannt, welches sich mit der Ausführung des Planes zu beschäftigen hat. vr. R., welcher diesmal selbst zugegen war; dankte für die ihm erwiesene Ehre, erklärte jedoch, baß er als ersten Grundsatz feststelle, es dürfe an den ursprünglichen Gebetformeln, wie solche von der großen Synagoge (zur Zeit des zweiten Tempels) angeordnet worden, keine Aenderungen gemacht werden, indem er die Verantwortung für derartige Eingriffe nicht zu übernehmen geneigt sei; nur die späteren Zusätze könnten sie nach Belieben in Erwägung ziehen. — Allgemein angenommen! — Wer nun diese Aeußerung beurtheilen möchte, der möge gebeten sein, nicht übereilt abzusprechen und etwa den vr. R. einer Eitelkeit zu beschuldigen, welche ihm nicht gestatte, sich frei und offen manchen Dorurtheilen entgegenzustellen, damit ihm solche Dreistheit nicht den bisherigen Ruhm und die Achtung schmälere, die er ungetheilt genießt. Wahrlich, es wäre zu wünschen, wir hätten viele ähnliche helldenkende Männer, die zugleich, wie er, bereit wären, allen Eigennutz und alle Schein-Ehre aufzuopfern, wo es gilt Gutes zu stiften! Die Zeit hat vielmehr eine nützliche Erfahrung gebracht, die man hier nicht übersehen will. Alle bisherige Spaltung hatte ihre Wurzel darin, daß immer nur die Extreme erstrebt wurden; ein Theil stieg gewaltsam bis in die Wolken, und ein