Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 48 (27.11.1840)
- Date
- 1840-11-27
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3133765-3133820-3133869--0927-3135120- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Weesp 1× ep/1045975
OCR text
399 -raschim in deutscher Sprache geschieht. Sie glauben dadurch beide Partheien zu befriedigen, die -er Stagnation durch den Inhalt, und die des besonnenen Fortschreitcns durch die Form; vergessen aber, daß jene Parthei mehr an die Form, diese mehr an den Inhalt sich hält. Während ihres langen Aufenthaltes auf den Ieschiboth an das Bettelbrod gewiesen, gewöhnten sie sich schon frühe, zu. erschmeicheln und zu erheucheln, und ermangeln daher der Festigkeit des Charakters, die vor Nichts weichet, wo es das Recht und die Wahrheit gilt, durch ihre eingebildete Bildung gehören sie weder der alten *) Schule, der, da sie im Dunkeln wandelt, das verfaulte Gerüste leuchtet, noch der neuern an, die, die Fackel der Vernunft in der Hand, das Verfaulte vom Gesunden sondert, damit nicht auch dieses angefteckt werde. Sie haben eigentlich gar kein System, richten sich nur nach den jedesmaligen Umständen, und gleichen daher einer elastischen Materie, die man nach allen Seiten hinziehen kann, sobald man aber nachlaßt, ihre vorige Stellung wieder einnimmt. Doch! ich bin vielleicht schon zu weitläufig geworden, ich wollte nur die Früchte der Thalmudthora-Anstalten getreulich darftellen. Aus Gesagtem wird man leicht ersehen, wie sehr es uns an Bildung und Tugend verbreitenden Anstalten noth thue. Daher, Ihr Reichen Ungarn's! erbarmt Euch Eurer armen Brüder! Entreißt ihre Kinder dem Elend und der Schmach, in die sie durch Finsterlinge schuldlos gestürzt werden! Lasser Ihr Euch doch glänzende Grabmahler errichten, Ihr wählt dazu den feinsten Marmor, lasset ihn reichlich mit Goldschrift verzieren, und dies alles, um einem später» Geschlechte anzuzeigen, daß hier Eure todten Gebeine ruhen. Warum lasset Ihr aber keine Denkmähler Eures Lebens zurück? Warum wollt Ihr so ganz vergessen dahin fahren, als hättet Ihr nie gelebt? Hier habt Ihr ein weites Feld, ftreeut Saaten aus, und unsterbliche und ewige Früchte werden ihnen entkeimen! Euer Name wird verewigt und mit hoher Dankbarkeit genannt werden! — Verzeihet die dreisten Worte eines Unbedeutenden! Sie entflossen einem durch Anschauung des Elends blutenden Herzen. Ich glaube, reine Wahrheit gesprochen zu haben, und die Wahrheit braucht von keiner Autorität unterstützt zu werden. Auch will ich ja kein Lehrer an Euren Schulen werden, will vielmehr selbst nach Kräften dazu beitragen! — *) Man gebe dieser Schule kein zu hohes Alter! Nachrichten und Correspondenzen. Amsterdam, Nov. 1840. — Es freut mich. Ihnen berichten zu können, daß bei der Einweihung der neugebauten Synagoge in Weesp (3 Stunden von hier) eine Predigt in holländischer Sprache gehalten ist durch H. B. Berenstein, Dajan hiesiger Gemeinde und Sohn des verstorbenen Ober-Rabbiners, wie auch eine Einweihungsrede in derselben Sprache durch Herrn G. Polak, welcher auch die bei dieser Gelegenheit gesungene hebräische'Cantate verfaßt hat; die Musik dazu war von Hrn. A. Berlyn componirt. Ueberhaupt hat diese Feierlichkeit, so wie der ganze Bau viel Unterstützung und herzliche Theilnahme bei den Staats-, Provinzial- und Stadtbehörden, wie auch bei der Geistlichkeit der verschiedenen geistlichen Confessionen gefunden. Die näheren Umstände übergehe ich mit Stillschweigen, da dieselben, obschon für die Anwesenden wichtig und erfreulich, doch von weniger allgemeinem Interesse sein dürften, und wünsche aus dem Obigen nur die Folgerung zu ziehen, daß es bei der hiesigen Gemeinde nicht an Personen fehlt, welche die Fähigkeit und den Willen haben, in der Landessprache zu predigen, wenn ihnen nur die Gelegenheit dazu angeboten würde. Berlin. — (Bericht über die Feierlichkeiten.) Anfangs Juni, als die Krankheit unsers hochseligen Königs einen dedenklichen Charakter annahm, waren die Israeliten von dem allgemeinen Schmerze ergriffen. Am 5ten begaben sich die Gemeinde-Vorsteher, die beiden Rabbinatsaffefforen und der Vorbeter, Herr Ascher Lion, in die Synagoge und beteten daselbst vor geöffneter heiliger Lade die üblichen Genesungspsalmen. Tags darauf, am Sabbath, wurde bei'm Frühgottesdienste, während des Vorlesens der Thora, für die Genesung des Königs ein besonderer Segenspruch eingelegt, und der Vorbeter schaltete in das gewöhnliche Gebet für den König noch ein besonderes von ihm selbst verfaßtes *) Gebet ein. Eben so am 7ten als am ersten Wochenfesttage. Am folgenden Tage trug derselbe, da Sr. Maj. am?ten verschieden waren, statt des Königsgebetes eine tiefergreifende Seelenmesse vor. (Wir können uns nicht enthalten, diese hier zu übertragen.) Vorb. Gott voll Barmherzigkeit, der du in den Höhen thronest, laß Ihn finden seinen verdienten Ruheplatz unter den Heiligen und Reinen, welche glänzen mit dem Glanz des Himmels, wie es heißt. Chor. Die Verständigen werden glänzen mit des Himmels Glanze. *) Die Originale liegen vor uns, sie find vortrefflich stylisirt. Wie man fieht, wendete man hier die stärksten Ausdrücke an, welche die Frömmigkeit und Seligkeit der Heiligen bezeichnen, ein Beweis, baß die Orthodoxie dem Fanatismus alter Zeiten entsagt hat. Seltsam genug ist dieselbe Synagoge so lächerlich-fanatisch, um an einem Talar und Baret, wie solche in den meisten süd-deutschen Synagogen üblich find, Anstoß zu nehmen. So ist Vernunft mit Unvernunft gepaart! 48*