Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 48 (27.11.1840)
- Date
- 1840-11-27
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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V* - 398 - christlichen Bevölkerung in friedlicher Eintracht und gegenseitiger Achtung; denn die innere Stimme der Natur, die einen Menschen zum andern hinzieht, ist in den Herzen der magyarischen Zunge noch nicht durch die hochtrabende Gelehrsamkeit mancher deutschen Professoren und Doktoren übertäubt worden. — Niederungarn hat seine Bevölkerung' meistens aus Mahren und Böhmen erhalten; daher ist sie für die Cultur empfänglicher. Man bemerkt überall ein Streben nach dem Bessern. Die Hindernisse, welche die Lichtscheuen diesem Streben entgegensetzen, erhöhen nur noch mehr den Muth; sie reinigen dieses Streben von allen Nebeninteressen, machen es zu einem rein sittlichen, zu einem Streben nach Licht und Wahrheit. Fast alle bemittelten Aeltern lassen ihren Kindern in den gemeinnützigen Kenntnissen Unterricht ertheilen. Nur die unbemittelten Kinder bleiben zurück. Es bestehen zwar in allen Gemeinden, wo noch keine Schulen sind, Thalmudthora - Anstalten; allein diese machen das Bcdürfniß der Schulen noch fühlbarer. Schon der Name dieser Anstalten schließt die weibliche Jugend vom Genüsse derselben aus. Sie erstrecken sich also nur auf arme Knaben. Sobald diese das dritte Jahr zurückgelegr haben, müssen sie in eine solche Schule gehen, oder, wenn sie noch nicht gehen können, getragen werden. Hier bleiben sie den ganzen Vor- und Nachmittag, um das Hebräisch-Lesen unter Drohungen und Schlagen zu erlernen. Kaum haben sie im Lesen der hebräischen Gebete einige Fertigkeit erlangt, so werden sie bei einem Thalmudlehrer untergebracht. Dieser ertheilt dann gewöhnlich, nach vorhergegangenem kurzen Unterrichte im Pentateuch und Raschi, den armen Knäblein, die zwischen Mein und Dein noch nickt unterscheiden können, Unterricht in der thalmudischen Jurisprudenz. Im zwölften oder spätestens im dreizehnten Jahre gehen die Zöglinge auf eine Jeschiba, um die rabbinischen Vorlesungen anzuhören. Diese bestehen in den subtilsten und spitzfindigsten, sehr oft auch widersinnigsten, eine eiserne Geduld ermüdenden, auf's Leben nicht einfiießenden Untersuchungen und Forschungen, in der hebräischen Sprache Chilukim genannt. Während der Rabbi diese vorträgt, entsteht oft unter den Zuhörern ein heftiger Pilpul (Disput), der gewöhnlich mit bitterem Wortwechsel und nicht selten mit Schlägereien endet. Viele der Zuhörer können diese Chilukim nicht sogleich auffassen, sie halten sich daher Chasarim, Wiederholer, von welchen sie sich diese Chilukim so lange wiederholen lassen, bis sie dieselben nachsagen können, um bei den wöchentlichen Prüfungen, die der Rabbi mir ihnen vornimmr, bestehen zu können. *) Die Bachurim verlegen sich nicht auf das viele thalmudische Wissen, sondern nur auf das Chilukmachen, und es giebt nicht selten Jünger, die 10 Jahre auf Jeschiboth gelebt haben, und kein Folium von den 12 Folianten Thalmud im Gedächtnisse haben, wohl aber einen 12 Folianten starken Chiluk produziren werden. Da aber dieses Produziren äußerst viel Zeit kostet, und dabei auch einiges Talent und sehr große Geiftesanftrengungen erfordert; so machen nur wenige glückliche Fortschritte darin. Die Uebrigen, nachdem sie vergeblich viele Jahre sich abgemühet haben, einen Chiluk zu produziren, verzweifeln endlich an ihren Kräften und wenden sich vom Thalmudftudium, als einem für sie zu erhabenen Gegenstände, ab. Nun stehen sie da, und wissen nicht, was anzufangen. Für schwere Arbeiten durch ihr bisheriges Sitzen und Brüten über den Thalmuden untauglich gemacht, bleibt ihnen nichts übrig als — Jugendlehrer zu werden, um das an ihnen begangene Unrecht an den unschuldigen, ihrer Leitung anvertrauten Jünglingen zu rächen. Verlassen wir sie in ihrem Erziehungsgeschäfte, und kehren zu jenen Chilukmachern zurück! Diese, nachdem sie lange zweck - und planlos in die Welt hinein gelebt haben, beschließen endlich auf Ermahnung ihrer Verwandten und Freunde sich zu Rabbinern zu qualifiziren. Sie legen daher das Chilukmachen ein wenig bei Seite, und suchen sich thalmudisches Wissen anzueignen. Auch lesen sie, um die lauten Forderungen,' welche die Zeit an den Rabbiner stellt, wenn auch nicht zu befriedigen, doch einigermaßen zu beschwichtigen, einige Hundert Romane durch, und erwerben sich so einige Kenntniß der deutschen Sprache. Ihre Vorträge sind den alten Deraschoth sehr ähnlich, nur daß in jenen die Verdrehung der einfachen Bibelworte, die spitzfindige, keine Moral enthaltende, oft auch dieser zuwiderlauftnde Erklärung der Agadorh und Mi- *) Daher im Rabbanan-Kadisch die Worte: Ueber die Rabbinen und über ihre Schüler und über die Schüler ihrer Schüler komme Friede re.