Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 46 (13.11.1840)
- Date
- 1840-11-13
- Page
- Seite 385 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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385 Nachrichten und Correspondenzen. Venedig, 23. Oktober. — Unläugbar ist es, daß sich gegenwärtig eine allgemeine Bewegung, sowohl von Außen, als von Innen in den Angelegenheiten der Israeliten in fast allen Ländern Europas wahrnekmen läßt. Bon Außen nehmen sich die Regierungen ihrer Israel. Unterthanen immer mehr an, und wir sehen mit Freuden einer Zeit entgegen, wo endlich der Mensch als Mensch betrachtet, und sein Glauben, der doch einzig und allein die Sache Gottes und seines Gewissens ist, kein Hinderniß mebr sein wird, das ihm alles Fortschreiten in der bürgerlichen Gesellschaft hemmt. Und der Hemmungen, und Hindernisse, und Ausschließungen hatten wir leider genug auszuhalten; unter dem harten Drucke mußten wir gegen die Fortschritte unserer Nachbarn Zurückbleiben, aber der Funke des Guten starb nie in uns aus, und wo der Athem nur ein wenig freier wurde, da waren Beispiele der edelsten Menschen- und Vaterlandsliebe, der ausgezeichnetsten Fähigkeiten, der großmüthigsten Aufopferungen unter uns keine seltene Erscheinung, ja selbst in den Zeiten der Unterdrückung hatten wir immer achtungswürdige Männer aufzuweisen! Unser Vaterland ist nun, wo wir leben und menschenfreundlich behandelt werden, die Bewohner desselben sind unsere Mitbürger, unsere Brüder, nur möge uns Liebe mit Liebe erwiedert werden, nur möge das empörende, uns erniedrigende Vorurtheil endlich ausgerottet werden, wodurch das Verdienst dem Individuum, der Tadel aber der ganzen Nation beigelegt wirb, wodurch der Schuldige unter uns nicht der gemeine Nichtswürdige ist, deren so viele unter allen Völkern gibt, sondern ein Jude! Eine traurige Begebenheit hat uns alle jüngst innigst erschüttert, eine abscheuliche Verläumdung, wie deren nur der wüthendste Religionshaß des Mittelalters ausdrüten konnte, aber wir leben, Gott sei Dank, in besseren Zeiten, und die Theilnahme fast aller Regierungen an unsere Vertheidigung hat uns mit wahrem Danke erfüllt. Der Geschichte ist es aufbewahrt, der Nachwelt die Namen Montesiore's und Cremieur, als die zweier Männer zu überliefern, welche voll der edelmüthigsten Gesinnungen, angefeuert von der wahrsten Nationalliebe, keine Aufopferungen, keine Gefahren für die Sache ihrer Glaubensgenossen scheuten, denen allen sie als Vertheidiger ihrer Unschuld, den Unglücklichen aber, die in den Kerkern schmachteten, oder fern von dem väterlichen Herbe irrten, Engel der x>ülfe und der Rettung erschienen. Solche Thaten belohnen sich selbst, belohnen sich in den Thränen des Dankes so vieler dem Glucke zugegebenen, die Menschheit aber soll sie als Vorbild und zur Nachahmung verewigen. Zn diesem Sinne erkühne ich mich den Wunsch auszusprcchen, daß auf Subscripüon der Israeliten aller Länder ein Denkmal, ober noch besser eine milde Anstalt ihnen zu Ehren errichtet würde. Die innere Bewegung gibt sich durch eifriges Streben nach dem Bessern immer mehr kund. Schulen werden besucht, Künste und Handwerke erlernt, Mißbräuche abgeschafft, überall Leben und ein Fühlen der Zeitbedürfnisse, -und was noch nicht geleistet wurde, das soll nach und nach mit kluger Umsicht und bei fortschreitender Bildung geschehen. Eben dieser Bewegung blieb Venedig nicht fremd, wo alles vielmehr aufgedoten wird, der aufkommenden Generation durch Sittlichkeit, Unterricht, Künste und Handwerke eine würdige Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft zu verschaffen. In den h'öhern Klassen zählen die Israeliten in Venedig 4 Advokaten, 5 Aerzte und Wundärzte, nebst andern angehenden oder nicht practizirenden, einen jungen Tonsetzer Hrn. Samuel Levi, welcher schon zwei, mit hinreichendem Beifall aufgenommene Opern geliefert hat, und manche von der Regierung anerkannte Lehrer. In den öffentlichen Schulen, die von Christen und Israeliten, ohne Unterschied, besucht werden, zeichnet sich die israel. Jugend besonders aus. In der k. k. Akademie der schönen Künste wurde dleses Jahr beim großen mailändisch-venez. Cvncurs die goldene Preis-Medaille in der Kupferstecherkunst dem Hrn. Samuel Levi Polacco zuerkannt. In den Elementarschulen bekamen dieses Jahr unter 21 unserer Kinder 3 die Prämie, 4 das Accessit; — im Gymnasio wurden unter 15 Knaben 3 (und zwar zwei mit der ersten Prämie) — in der k. k. Mädchenschule unter 5 israel. Schülerinnen gar 4 öffentlich belohnt. Diese letzten gehören zugleich zur israel. Mädchenschule, die die Gemeinde für arme Mädchen auf eigene Kosten unterhält, und deren jetzige Organisirung und Gedeihen dem unermüdlichen Eifer des würdigen Rabbiners Hrn. Abraham Lattes hauptsächlich zu verdanken sind. 60 Mädchen besuchen dieselbe, unter 2 Lehrerinnen, der einen liegt der religiöse Unterricht, der andern der Unterricht im Lesen, Schreiben, Rechnen und in der Grammatik, beiden aber die weiblichen Arbeiten ob. Die Mädchen werden nach vollendetem fünften Altersjahre darin ausgenommen, und müssen in der Regel bis in ihr vierzehntes bleiben, die Erfahrung aber lehrte, daß sie zu früh, folglich nicht geschickt genug, und den Gefahren jenes Alters zu sehr ausgesetzt, aus derselben traten. Dem Nebel abzuhelfen, reichte zuerst Hr. Ritter Zsaak Treves v. Bonfili dadurch Mittel, daß er bei Gelegenheit der Vermählung seiner Tochter ein Kapital von östr. Liren 2000 (st. 666. 40 kr. C. M.) hergab, dessen Zinsen jährlich den beiden verdienstvollsten Mädchen, und die auch nach vollzogenem vierzehnten Zahre, den übrigen ein Beispiel, in der Schule verblieben, zufallen sollten. Noch bessern Erfolg soll der vortreffliche Plan des erwähnten Rabbiners haben, die, durch natürliche Anlagen und Lerndegier ausgezeichnetsten, wenigstens dreizehnjährigen Mädchen in die k. k. Elementarschule zu schicken, um sie dann zu Lehrerinnen und Hofmeisterinnen zu bilden, wodurch ihre Erziehung bis ins achtzehnte Jahr hinaus erstreckt wird. Arme Knaben werden zu verschiedenen Handwerken erzogen. Schon seit mehreren Jahren hatte die Gemeinde eine jährliche Summe Gelbes dazu bestimmt, die gute Absicht aber erfreute sich wegen Mangels an der so nöthigen Aufsicht und hinreichender Unterstützungsmittel für die, so ihre Lehrjahre vollendet hatten, keines ausgezeichneten Erfolgs. Da