Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 46 (13.11.1840)
- Date
- 1840-11-13
- Page
- Seite 383 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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383 Neue theologische Schule. Wir hatten obigen Aufsatz bereits in Druck gegeben, als uns Vr. Hirsch seid's eben erschienenes Werk: „der Geist der thalmudischen Auslegung der Bibel, Berlin bei Simion (Athenaeum),” zu Gesichte kam; ein Werk, welches unmittelbar aus dem Bedürfnisse, das wir klar darzustellen strebten, hervorgegangen ist. Genug denn der Wunsche! es beginnt bereits die Sehnsucht nach kräftiger Speise die Geister in Thatigkeit zu setzen und wir sehen eine neue wissenschaftliche Schule aufblühen. Als den ersten Morgenftrahl einer solchen begrüßen wir das genannte Werk, und nur von Seiten ihres Ursprungs und der wahrscheinlichen Folgen, die sie vorbereitet, betrachten wir hier für jetzt diese neue Erscheinung, ohne vorläufig die Kritik über deren einzelne Theile zu Rathe zu ziehen. Wir sehen eine neue wissenschaftliche theologische Schule aufblühen, und freuen uns, daß dieses nothwendige Ergebniß unsrer Zeit nicht noch länger auf sich warten ließ. Die zunehmende klassische Bildung der.jüngern Studirenden mußte endlich auch zu der Ueberzeugung heranreifen, daß, wie dankenswerch auch die wachsende Masse fragmentarischer Bemerkungen, welche so viele Jahre hindurch die trefflichsten Forscher beschäftigt haben, der eigentliche Werth der aufgefundenen Merkwürdigkeiten nur dann ein bleibender sein kann, wenn sie allesammt einem vollständigen Systeme angehören, und nicht bloß in einer Sammlung zur fragmentarischen Besichtigung aufbewahrr werden und als Curiositäten ein schwaches Interesse cinflößen. Schon haben einige Wenige danach gestrebt, Höhenpunkte zu erreichen, um von ihnen aus Gesammrbildcr zu entwerfen; aber alles dies konnte nur als schwache Vorarbeiten zu einem mächtigern Aufschwung angesehen werden. Diesen Aufschwung nimmt die genannte Erscheinung mit einem bei aller ehrenwerthen Bescheidenheit doch starken Sclbstbewußtsein, wie es die Bedingung ist eines jeden muthvollen Anstoßes zur Bewegung eines tragen Stoffes; und wir zweifeln nicht, daß er von nun an in voller Thatigkeit sich bewegen werde. Solche Leistungen verdienen alle Anerkennung. Zunächst sehen wir hier einen Theil der theologischen Wissenschaft beleuchtet; aber augenscheinlich strömt dies Licht aus dem Mittelpunkte einer Gesammterkenntniß, welche zwar noch nicht ganz entwickelt sich darftellt, aber jedenfalls ihre Aufgabe weiß und zu lösen strebt. Sie tritt als Wissenschaft mit voller Kraft auf, und giebt sich ihren Schülern auf eine Weise zu erkennen, daß diese ehrfurchtsvoll einsehen, wie viel sie noch der Vorbereitung bedürfen, um ganz und gar ihres Umgangs zu genießen, andrerseits aber die Früchte ihrer Bemühungen schon aus der Ferne wahrnehmen, und sie der Bestrebungen würdig achten. Sie macht es ihnen nicht leicht, bald hier bald dort eine abgefallene Beere aufzulesen, und nach Maßgabe des Mehr und Weniger sich für begünstigt zu halten; sie läßt ihnen auch andrerseits nicht den kleinen Besitz verleiden, wie es bei den bisher üblichen Studien der Fall war, die zuletzt höchstens eine kleine Unterhaltung, aber keine Befriedigung gewährten. Sie zeigt gleicü anfangs die strenge Consequenz der Methode, gewährt aber auch den Genuß der Kraftübung und des innern Fortschreitens. Sie offenbart die ganze Fülle der vorauszusetzenden Vorstudien und gleichzeitig die Art, wie solche zur Gewinnung einer Gesammtansicht hinführen oder benutzt werden müssen. Sie entwickelt den tiefen Ernst des schaffenden Geistes, welcher der Marerie Leben einhaucht und dieses fort erhalten will, und fordert einen gleichen Ernst von allen den Geistern, die in dieser Welt ihre Kräfte entfalten wollen. Da haben die Schüler Gelegenheit, sich zu bilden, ihre eigenen wachsenden Kräfte zu messen, und die Gebiete kennen zu lernen, in denen sie ihre Erfahrung reifen lassen sollen, bevor sie mit absprechendem Vorwitz ihre Stimme abgeben. Wir können nicht anders als dem Herrn vr. Hirschfeld Glück wünschen zur Verwirklichung einer Idee, welche eine völlige Umschaffung des höher» Unterrichts in der jüdischen Theologie zum Ziel hat. So viel im Allgemeinen, nach dem ersten Eindruck, den das H.'sche Werk auf uns gemacht hat. Mit den Resultaten möchten wir nicht überall einverstanden sein, allein das nimmt der Idee gar nichts von ihrem Werthe, und wir hegen die feste Ueberzeugung, daß so wie einige ausgezeichnete Werke der neuern Zeit bestimmte Studien geweckt und auf eine bedeutend höhere Stufe geführt haben, durch gegenwärtige Schrift, obwohl sie vorläufig nur eine einzelne Seite der historisch-theologischen Studien 46*