Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 46 (13.11.1840)
- Date
- 1840-11-13
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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382 germaßen genügend, eingeführt worden, zeigt deutlich, daß die höhere Wissenschaft noch mit ihrer Kritik schweigt, oder den Gegenstand für zu klein hält und somit ihren Beruf verkennt. Im Allgemeinen sieht sich die Pädagogik von der Theologie nicht unterstützt, sie geht daher ihren eigenen Weg, und ahmt meiftentheils .fremde Lehrbücher nach, die freilich ebenfalls häufig nur nach äußern Bestimmungsgründen verfaßt find, aber doch fich an höhere theologische Studien anlehnen. — Durch die Leichtigkeit aber, womit solche Lehrbücher hergeftellt worden, verflacht die Wissenschaft noch mehr, indem sie hier mit sichtbarem Erfolge arbeitet, ohne in die Tiefe einzudringen. — Dasselbe gilt von den Predigten, welche in ganzen Fluthen herbeiftrömen, und in denen öfters das Talent, bisher aber noch in keiner Sammlung eine wünschenswerthe Vollständigkeit und systematische Klarheit theologischer Ansichten zu erkennen ist. Der Leichtsinn in Verbreitung solcher Vorträge, unter denen nur einige wahrhafte Mustersammlungen sich auszeichnen, geht so weit, daß bisweilen selbst die größte Sorglosigkeit in Sprache und logischer Gedankenfolge, sich nicht scheuet, öffentlich aufzutreten, um mit einigen bilderreichen Redensarten zu prunken. Da sind immer noch die auf praktische Volksbildung abziclendcn Reden der wenigen Geistlichen, welche hauptsächlich dahin wirken , den Standpunkt ihrer Gemeinden bürgerlich und sittlich zu erheben, bei weitem vorzuziehen. Der Grund dieses Mangels an klarer Darlegung der innersten Religionswahrheiren liegt einzig und allein in dem Zögern der durchgebildeten Theologie mit Ausarbeitung systematischer Kernwerke, so daß jeder ohne kundige Führer zuzusehen hat, wie er mit den höchsten Fragen fertig wird. Diejenigen, welche mehr für's Volk arbeiten oder zu arbeiten wünschen, empfinden den Mangel sehr herbe, denn überall, wo cs darauf ankommt, den einfachen Verstand nicht mit rhetorischer Anregung, sondern durch ruhige Belehrung für die Religion zu gewinnen, sehen sie fich in Verlegenheit und fühlen sich verlassen. Freilich mußte man immer auf die Bibel zurückkommen, und durch deren Bearbeitung und Erläuterung eine bessere Kenntniß und größere Theilnahme herbei zu führen suchen. Was vormals durch hebräische Commenrare geschah, welche durchweg mit wahrer Liebe gelesen worden, sucht man jetzt durch Deutsche zu ersetzen. Dies ist gewiß nicht ohne guten Erfolg; wir wollen hier keine der jetzt im Entstehen begriffenen Arbeit näher beleuchten, aber ihre eigenen Bearbeiter werden zugeftehen, daß sie lieber positive wissenschaftliche Ansichten aus der jüngern Zeit als Leitfaden bei mancher Erörterung benutzen möchten, als so7oft schwanken zu müssen. Dennoch sind die Versuche als solche schon ein hinreichender Beleg für das überall gefühlte Bedürfniß nach besserer Nahrung. Wenige Volksbücher sind bis jetzt erschienen, eine lebhafte Theilnahme ist auch schwerlich zu erwarten, da die Grundideen so wenig commenrirt sind. Statt der früherhin so vielfachen Legenden und ausgeschmückten Erzählungen vom Leben berühmter Personen aus der israelitischen Geschichte, erhebt sich heutiges Tages eine eigenthümliche Dichtungsweise, welche ähnliche Stoffe theils episch, theils lyrisch bearbeitet. Die lyrische Seite halten wir gar nicht für die ansprechende und zwar weil die Gefühle höchst selten wahr, vielmehr größtenrheils erheuchelt sind, daher auch im Ausdruck die Verschrobenheit merken lassen, oder in klägliche und lächerliche Sentimentalität ausarten. Höheres Interesse gewinnen wahrscheinlich die verschiedenen bereits veröffentlichten und noch mehrere, unseres Wissens von recht sachkundigen und talentvollen Autoren bearbeitete legendenartige Schilderungen, deren innerstes Leben das ganze reiche religiöse Gefühl der Vorzeit athmet. Wir glauben, daß gute Arbeiten dieser Gattung noch immer Anklang finden werden. Vor allem aber thut es Noth, daß eine strengere Wissenschaftlichkeit in allen Werken unsrer Autoren obwalte, und daß die Schriftsteller, namentlich diejenigen, welche die theologischen Wissenschaften zu repräsentiren gedenken oder berechtigt sind, den jüngern Aspiranten durch ihre umfassender» Werke die Ucbersicht erleichtern und den Weg zu gründlichen Studien bahnen, auch andrerseits die Schwierigkeiten nicht vorenthalten, welche mit dem Studium verbunden sind, damit dieselben sich gewöhnen, größere Ansprüche an Andere und an sich selbst zu stellen. Dabei gewinnen die Leistungen selbst und die Achtung vor einer Literatur, welche gegenwärtig bei manchen schönen Geiftesprodukten doch des Werthlosen gar zu viel darbietet, welches eben den achtbaren Werken die Wege verlegt.