Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 45 (6.11.1840)
- Date
- 1840-11-06
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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375 Hochschulen, in welchen der ganze Cyklus theologischer Wissenschaften von anerkannten Gelehrten so vorgelragen würde, daß die angehenden Geistlichen wohlausgeftattet und geprüft in ihr Amt eintreten können, giebt es bis jetzt, außer der einen in Italien, keine. Um so mehr sind die Studirenden auf diejenigen Werke angewiesen, welche eine wohlerwogene und umfassende systematische Anleitung geben. Wo sind diese? Wie heißen sie? Vergebens sehen wir uns auch nur nach einem einzigen Werke der Art um? Fehlt es uns an Männern? keinesweges. Bereits kennt man in der Literatur diejenigen, welche fähig wären, diese wichtige Lücke auszufüllen; allein so bald dürfen wir nicht hoffen, weil sich alle, die eine Stimme haben, in ganz andern Richtungen bewegen. (Schluß folgt.) Fehde in Breslau. Die Luft, sich einander öffentlich zu necken, und durch gegenseitige Klagen zwischen Jüdischen und christlichen Schriftstellern Aufsehen zu erregen, scheint in Breslau, wo fast jede Gelegenheit einen kleinen Federkrieg herbeizieht, noch nicht erloschen. Gewöhnlich greifen die Christen an, sei es durch eigene Broschüren, sei es durch Zeitungskritiken; und die Antworten bleiben dann nicht aus. Wer die ganze Reihe von Schriften und Gegenschriften, welche seit dem Anfänge unsers Jahrhunderts der Hauptstadt Schlesiens ihr Dasein verdanken, durchmustert, wird im Durchschnitt wenig Geist, weniger Liebe und noch weniger Urbanität finden. Wir hatten erwartet, daß gerade jetzt, wo man in Breslau wohl etwas mehr Gediegenheit zu lieben scheint, dergleichen unfruchtbare Literatur keinen Boden mehr haben dürfte. Es ist aber doch nicht so. Dr. Francolm's „Worte eines Juden" sind nicht ganz verklungen, ohne Gegenrede zu erzeugen. Diesmal war freilich der leidende Theil der herausfordernde; es stand aber zu erwarten, daß jenen Worten, in sehr Angemessenem Ausdrucke gehalten und viele Verhältnisse beleuchtend, eine eben so ruhige Würdigung folgen würde. Statt dessen tritt ein Hr. Brand mit der „Antwort eines Christen" auf, welche unter dem Anschein einer brüderlichen Verständigung im Grunde alle die alten Vorurtheile abermals erneut, deren Nichtigkeit und Unwahrheit eben von vr. Fr. nachgewiesen worden. Dieser hat überhaupt eigentlich nur das Verhaltniß besprochen, in welches die jüdischen Unterthanen des preußischen Staates durch das Edikt von 1812 versetzt worden. Indem er dessen Unzulänglichkeit andeutet, giebt er zu verstehen, daß die Regierung schon damals eine völlige Gleichstellung proklamirt hätte, wenn nicht eine gewisse Schonung der Volksirrthümer es nöthig gemacht hätte, nicht allzuviel Concessionen mit einem Schlage zu erlassen. Es sei aber die Pflicht des Volks gewesen, den überall erwachten guten Willen der Juden, sich in jeder Beziehung dem Bürgerthum anzuschließen, mit Liebe zu unterstützen, statt dessen habe gleichsam der Volksgeift geradezu die Hindernisse einer bessern Bildung vermehrt, und die Umschaffung ungern gesehen, oder wo sie sich offenbarte, ganz übersehen, um eben stets Gründe zur Abneigung zu haben. — Wir gestehen, daß des Hrn. vr. Fr. Darstellung uns anfangs als eine Uebertreibung vorkam, da wir mir andern Gegenden des preußischen Staates, und namentlich mit der Hauptstadt näher bekannt, keinesweges einen solchen Geist wahrgenommen haben, vielmehr geradezu fanden, daß allen guten Bestrebungen eine liebevolle Theilnahme sogar mir mancherlei Opfern entgegen kommt, wie denn auch das ganze sociale Verhaltniß sich freier und friedlicher gestaltet. Allein alles, was wir von Schlesien her erfahren, giebt uns die traurige Ueberzeugung, daß dort die Bildung sich noch nicht so ausgebreiret har, um über das Kleinliche sich hinwegzusetzen. Selbst die Universität hält es für angemessen, sich einer Gesinnung anzuschließen, .die mindestens auf den Katheder nicht gehört. Welche Erleuchtung darf man in dem Volke voraussetzen, wenn die Quelle des Lichtes so getrübt ist? Wir sehen auch in der Art des Kampfes, daß selbst die Schriftsteller, welche berufen sind, dem Volke klare Ansichten zu entwickeln, noch nicht den Ton treffen können, der sich für Gebildetere eignet. Der Herausgeber der „Worte eines Juden,"' welcher auf einer höher» Stufe steht, muß sich selbst, wie man es seinem Ausdrucke ansieht, Gewalt anthun, um dem Volke so vorsichtig als möglich die Wahrheit zu sagen, und er thut es mit aller wünschenswerthen Zartheit, offenbar nicht ohne eine gewisse Selbft- 45*