Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 45 (6.11.1840)
- Date
- 1840-11-06
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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374 Demnach war es von jeher die Aufgabe der israelitischen Gelehrten, 1) die Lehren, zu welchen sie sich bekennen, gründlich zu erforschen, die Quellen derselben auf eine Weise zugänglich zu machen, daß die Prinzipien mit ihren Folgerungen allgemein erkannt und vor Mißverständnissen geschützt werden; also einerseits eine möglichst vollständige Kenntniß der heiligen Schriften zu verbreiten, und andrerseits deren Gesammtinhalt auf wenige Grundsätze zurückzuführen, welche die Ecksteine des ganzen Lehrgebäudes bilden; 2) nachzuforschen, wie diese Lehre in's Leben eingetreten ist und auf die Israeliten und ihre Schicksale eingewirkt, welche Thärigkeiten und Leiden sie veranlaßt habe, und welche Gestaltungen sie selbst wieder dadurch gewonnen habe. Nur durch die Kenntniß dieser beiden Momente ist der Israelit im Stande, sich von sich selbst Rechenschaft zu geben, und seine Stellung und Bestimmung einigermaßen zu begreifen. Wie sehr sich aber dies Gebiet verzweige, erkennt man bei'm ersten Blick; denn nicht ein bloßes Gelehrtcnsystem ist die Theologie der Israeliten, sondern ein sogleich bei ihrem ersten Auftreten das Leben selbst ganz und gar, und zwar nicht bloß für die Gegenwart, sondern für die ganze Zukunft in Anspruch nehmendes System, in welchem demnach jedes Wort, jede Aeußerung, jede Vorschrift ihre starke Nachwirkung haben sollte. Daher fordert die umfassende Quellenkenntniß eine strenge Untersuchung der Entstehung der Quellen, der Sprache, des Jdeenganges, der Zwecke des Ganzen und Einzelnen, der daraus zu ziehenden Folgerungen, ferner ein tiefes Eingehen in die Form der Institutionen, deren Verbindlichkeit oder Abänderlichkeit, und in alle damit in Beziehung stehenden Realien, Antiquitäten, Nebenumftände und geschichtlichen Einflüsse. Und so wie erst die Unmittelbarkeit des Staatslebens alter Zeit, welches die Israeliten mehr durch Praxis als durch Studien leitete, zu Ende ging, und die Gelehrten-Arbeiten ihren Anfang nahmen, war es natürlich, daß so manche unrichtige Ansicht sich einschlich und fortpflanzte, und dadurch die Aufgabe der Gelehrten verwickelter wurde, und immer größere Schwierigkeiten darbot, ze mehr sich irrige Ansichten geltend gemacht hatten. Diese letzteren abzuwehren, dient vornämlich das historische Studium, dessen Aufgabe ist, nachzusehen, wie die inner» Elemente zu wirken bestimmt waren, wie aber ihre Wirkung durch fremdartige Einflüsse, ja sogar durch unvermerkt zum Eigenthum gewordene fremde Elemente immer mehr versetzt worden, wie die Verhältnisse, in welche anfangs die Religion der Israeliten zur nächsten Außenwelt gestellt worden, durch die Veränderungen in letzterer nothwendig sich ändern mußten, selbst wenn sie in ihrem Wesen sich gleich blieb, wie aber sie durch die Umgestaltung der Verhältnisse offenbar auch in ihrem Wesen manche Umgestaltung erlitt. Gleichzeitig traten die verschiedenen Schicksale hinzu, welche die Israeliten als Folge ihrer Stellung in der Geschichte erfahren mußten, und welche wiederum hie und da nach innen zurückwirkten. Hier ist ein überaus breites Studium erforderlich, um die rechten Gesichtspunkte zu gewinnen. Eine strenge Erwägung der jedesmaligen Umstände, der in jedem Lande, und unrcr besonder« Völkerftämmen einflußreichen Momente, der daraus hervorgegangenen Lagen der Gemeinden, der auf sie übergegangenen Geistesprodukte, der von ihnen bevorzugten Thätigkeitcn, der in ihnen bemerkbaren Gcistesrichtungen, der gegen sie oder über sie von außen ergangenen Bestimmungen und Gesetze, — kurz einer unendlichen Mannichfaltigkeit, aus den verschiedensten Quellen zu ziehender Kenntnisse muß die historische Forschung unterstützen, damit sie zu bestimmten Ergebnissen gelange. Es liegt am Tage, daß die israelitischen Studien, so aufgefaßt, einer starken Unterstützung von Seiten der externen Kenntnisse bedürfen, weil sie mit dieser überall in Berührung kommen, daß folglich jeder, der darin etwas zu leisten gesonnen ist, vielfach vorbereitet erscheinen muß, wofern er nickt überall sich Blößen geben will. Alle Mängel, welche man an den frühern theologischen Werken, selbst unserer berühmteste» Weisen beklagt, rühren vornämlich daher, weil sie die Wirkungen der Geschichte ganz außer Augen ließen, oder vielmehr gar nicht kannten. Unsrer Zeit, welche den Jsrae liten die Zugänge zu den externen Studien eröffnet, und zu deren Benutzung aufgemuntert hat, war es Vorbehalten, ein neues Licht über die vielen ältern Quellen zu verbreiten, und hiernach stellt sie an die Theologen auch die obigen Forderungen. Wie wird nun denselben entsprochen?