Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 44 (30.10.1840)
- Date
- 1840-10-30
- Page
- Seite 371 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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371 geistig, was göttlich ist, daß ein Fortbilden aus sich nicht i ein Verflachen, ober gar Aufdören ist. — Der wäre ein Thor, wenn auch weise in seinen Augen, der da meinte, man könne überhaupt und dürfe in der Religion insbesondere ein gleichsam in die Luft gehängtes Gebäude aufführen; der machte sich und seine Sache lächerlich, der ein Seiendes, der die Geschichte leugnete, der spräche: die Alten sind für mich nicht da, und ich lkehre zum Aeltesten und knüpfe J daran, und daran allein ein Neues. — Sprach ich j dies ja, sprach ich es von dieser Stätte aus? Man hat mich darin verkannt, und ich muß einen Irrthum, wenn j auch nur wenige darin über mich befangen sein sollten *), be- > richtigen; denn, wie ich heute rede, werde ich morgen und | alle Zeit lehren, und Ihr werdet ermessen, ob Gott in mir! ist. — Man spricht von der Ehrwürdigkeit der Alten: wer; leugnet diese? Man läßt den Vorzug, den ich, und den ich j immer am Iudenthume rühme, in dem es bleiben und sich 1 erhalten wird über Zeit und Verhältnisse, den Vorzug der Vervollkommnung aus sich selber bis zur . Mcnschheitsreligion nicht gelten, weil das Positive j fehle, das Eigenthümliche aufgegeben sei. Aber habe ich! gesagt: „reißet bas Jetzt los von dem Ehemals? Schaffet! Etwas, das man Iudenthum heißen mag, bas es aber nicht! ist? Verbannet alles Eigenthümliche des Iubenthums, und | nennet dieses färbe- und gestaltlose Seldstgeschaffne doch mit '| dem Namen Iudenthum? — Ich habe Solches nicht gesprochen; aber bas habe ich gesagt, was ich aus ganzer Seele j! wiederhole: Es trägt die Lehre des Israeliten in sich den! Keim der Vervollkommnung, der Allgemeinheit. Und wenn ij die Zeit wird gekommen sein, in welcher der Herr dies sein! Wort wird erfüllen, wird bas Unterscheidende dieses Glau- \[ bens, dieser Lehre eben das — Allgemeine, Reine, Geistige,! Göttliche sein. Hat dabei die Lehre verloren? — Ich stelle! nicht entfernt die Zweckmäßigkeit, ja Nolhwendigkeit äußerer; Mittel zur Hebung unseres religiösen Gefühls in Abrede.! Ist nicht dieser unser Gottesdienst, in seiner Reinheit, ein! solches äußeres Mittel? Aber ich leugne, daß es bestimmte, j! in derselben Form von stets gleichem Erfolge bleibende ' äußere Mittel zur Belebung unseres Glaubens, zur Samm-! lung unseres Gemüthes, geben könne. Ich erkenne die;! Nolhwendigkeit der Zeremonie, aber nimmermehr die Ewigkeit einer Eeremonie! Ich gebe die Unerläßlichkeit einer äußern Form für eine bestimmte Religion zu, aber nicht die einer ewig gleichen Form. — Man wird wieder von der Ehrwürdigkeit, von dem Alter des jüdischen Ceremonialgesetzes reden. Seien wir wahr und offen, wie sich's überhaupt von dieser Stätte aus vor Allem gebührt. Verlassen wir diese Gebräuche, haben sie nicht einst uns verlassen? heißen wir rücksichtslos und unehrerbietig, wenn wir bas Tobte bestatten? Bleiben wir bei diesem Bilde. Ich will an dem Ernst der Der- *1 Bezug auf das über ihn gefällte Urtheil bet Gelegenheit seiner Wahlpredigt in der Allgem. Zeit. d. Iubenthums Nr. 21. theidiger der Ceremonialgesetze nicht zweifeln. Das Unfruchtbare eines großen Theils desselben giedt jeder gern zu. Aber das Ehrwürdige! das Ehrwürdige! — Wie, was ich als Mumie mit und bei mir herumtrage, ohneLiebe, blos aus Furcht, im andern Falle verletzend zu erscheinen, und mit heidnisch er Gesinnung pflege, — das achte ich höher, als wenn ich es als ein Todtes erkennend, würdig der Zeit, nicht der Vergessenheit bahingebe? — Nein, sage ich euch □’nnZJQ nnv inrP02 üyiS gilt hier auch, und hier vornehmlich. Als ein Todtes ehre und liebe ich unsre alten Ceremonien und spreche milder ernemHeimgegangenen gebührenden Ehrfurcht von ihnen; denn wie Diele haben, als sie noch ein Lebendiges und Belebendes waren, daran sich nicht erbaut, gestärkt; wie viel Gutes ist aus ihnen hervorgegangen! Aber als ein Lebendes sind sie ein Sieches, krankhaft, unerquicklich — nicht zu der Höhe, nicht zu Hohem führend. Und dieß auch har der Wächter, der Lehrer in Israel zu erkennen, zu bemerken und seinen Ruf ergehen zu lassen: das Tobte bestattet, aber das Andenken desselben, und das Vermächtnis desselben, das da ein Belebendes, Geist und Herz Veredelndes ist, ehre t, h a l t e t! " „Ader gerade über die Heilighaltung dieses Vermächtnisses hat der Volkslehrer zu wachen. Darf er das Tobte als solches bezeichnen, so hat er auch, und gewissenhaft, zu wachen, 2) daß man nicht das Lebendige tobt nenne, — baß man wohl prüfe, ob Leben ist in den Beinen, und wenn ja, daß göttlicher Geist in sie gebracht werde zum Leben. — Nur was eine Zeit hat, kann in der Zeit wechseln und vergehen; nur was Gestalt hat, kann wechseln. Der Geist aber, die Wahrheit ist unwandelbar, ist ewig, unvergänglich, wie ihre Quelle. — Was hat man nicht schon erloschen. tobt genannt, und siehe, es war noch kräftig! Wie Vieles erschien als vergangen, weil es nicht unserin Auge sichtbar war; aber siehe, es war noch, es halle ein kräftiges rüstiges Sein! Das ganze Gebäude unserer Religion, es, die Quelle der Tugend, der Grund aller Religionen—gall's nicht, gall's Einigen nicht als ein,Morsches, Hinfälliges, Zerstörtes? Wie viele verließen es nicht und suchten Schutz in Andern, flohen es, als ob es seine Bewohner mit seinem Schutte begrabe! Sind die, die zu wachen haben, die gleichsam auf den Mauern stehen, daran ganz ohne Schuld? Und manche Seele, die der Glaube verloren, und die den Glauben verloren hat. wird sie nicht von ihnen gefordert werden? Daß sie nicht unterwiesen bas Volk und es lehrten unterscheiden zwischen Heilig und Gemein, zwischen Rein und Unrein, baß sie nicht wußten, was vergehen müßte und dürfte, und was bleibt und bleiben muß; daß sie wähnten und lehrten, mit dem Vergänglichen muffe das Unvergängliche, mit der Form das Wesen untergehen >— werden sie dafür nicht verantwortlich sein? — Heil uns, die wir glauben an das Leben und leben im Glauben! rc. (Schluß folgt.)