Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 44 (30.10.1840)
- Date
- 1840-10-30
- Page
- Seite 369 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3133765-3133820-3133865--0893-3135082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
369 Landes sollten also dem preßburger Vereine kräftig unter die Arme greifen, und das Emporkommen der gottesdienstlichen Anstalt nach Kräften fördern. Die Opposition gegen Cultus - Reformen werden in den ungarischen Gemeinden immer schwächer; deutsche Predigten sind auch bei Landgemeinden ziemlich beliebt. So ward im Mai die Einweihung der neuen Synagoge zu Güssing (Eisenb. Gesp.) mit einer, im Drucke erschienenen, deutschen Predigt — gehalten von L. Königsberger, Rabbiner zu Steinamanger — gefeiert. Die neu erbeute Synagoge zu Palola (Vesprimer Gcsp.), bei deren Bau die Gemeinde von dem Grundherrn, Grafen Zichy, so großmüthig unterstützt wurde, hat der Rabbiner Schwab mit einer Predigt eingeweiht, die ebenfalls im Drucke erscheint. In Körmem (Eisenb. Gesp.) hielt vergangenen Sommer der dortige Arzt, Dr. M. Feitl, sabbathliche Vorträge, die sich eines sehr fleißigen Besuches, und einer sehr warmen Theilnahme zn erfteuen hatten. Daß mitunter auch Reibungen zwischen den „Alterthümlichen" und den „Neuerern^ Vorkommen, kann in einer Uebergangsperiode, wie die unsrrge, nicht befremden. So wollte am verflossenen Pfingstfeste der Rabbiner zu Mac«'» (Csanader Gesp.) den Gottesdienst suspendiren, weil einige Frauen mit unbedeckten Haaren des Vorderhauptes erschienen. Die Frauen, zu den geachtetstcn Familien der Gemeinde gehörend, mußten die Synagoge räumen, und der bedauernswerthe Auftritt führte zu einem Processe, welcher noch gegenwärtig schwebt. *) In Papa (Vesprimer Gesp.) war der Rabbiner in Gefahr, seine Autorität ganz zu verlieren, weil er sich in seinem Eifer so weil Hinreißen ließ, am 9. Ab einige Gemeindeglieder ihrer destiefelten Füße wegen öffentlich zu beschämen. Als sreimülhiger, unermüdeter Förderer der Reform hingegen ist noch immer der alte Chorin thätig, und er hat nun in seinem hohen Greisenalter die Genugthuung, manchen schönen Erfolg seiner früheren, mit so vielen Kämpfen verbundenen Bestrebungen zu sehen. Eine wohl organisirte'Hauptschule zieht der Jugend eine bessere Richtung; ein beträchtlicher Theil der Araber Gemeinde hat sich dem Handwerke —im weitesten Umfange — zugew endet; der Gottesdienst ist geordnet, und dessen Veredlung schreitet mit jedem Jahre vor. Diese Thatsachen sind das schönste Zeugniß für Chorin's fünfzigjähriges Wirken als Volkslehrer und Seelsorger, so wie ihm die dankbare Gesinnung seiner Gemeinde, die die Bestrebungen ihres Geistlichen nunmehr würdigen gelernt, nächst dem Bewußtsein des Vollbrachten, der schönste Lohn sein kann. In Rücksicht auf die vie- *) Ich kann nickt umhin. die theologischen Leser dieser Blätter auf ein RGA. (Nr.39) des Rabbi M. Alschakar aufmerksam zu machen. Der R. sagt, daß diejenigen, die über die unbedeckten Haupthaare der Frauen ein Zettergeschrei erheben, dieses unverständigen Rigorismus wegen zur Rechenschaft gezogen werden. (pn nN }r6 Dir^y Tny) Es geht übrigens aus dem RGA. hervor, daß schon vor Jahrhunderten der Gebrauch hierin in verschiedenen Gegenden verschiedenartig war. > len jüdischen Handwerksgesellen und Arbeiter in seiner Gemeinde hat er am vergangenen Osterfeste die Hülsenfrüchte zu genießen erlaubt. Man erinnert sich noch an die vielen Debatten, welche eine ähnliche Dispension des westphälischen Consistoriums heroorrief. Das Verbot des Reißes und der Hülsenfrüchte steht, wie bekannt, auf sehr schwachen Füßen (O. Ch. 453, 1); minder bekannt ist es, j daß an der Tafel der gefeiertesten Thalmudisten am ersten! Osterabende der Reiß nicht fedlen durfte (Pes. 114, b). Ein i sehr geachteter jüdischer Gelehrter wird unter anderem auch > diesen Gegenstand in einer speciellen Untersuchung erledigen. I In den anderen Provinzen Oesterreich's stagniren die j bürgerlichen Angelegenheiten der Juden; im Innern der Gemeinde ist eine gesteigerte Theilnahme und Beweglichkeit nicht zu verkennen. In Galizien ist es der Kampf mit dem Chassidäismus, der die Bessern in Anspruch nimmt, und man traut wirklich seinen eigenen Augen nrcht, wenn man die seltsamen Verirrungen, die krasse Ignoranz und die damit gepaarte Anmaßung, und anderer Seils fromme Begeisterung, und manche erhebenden Züge dieser Seele beobachtet. — Im vergangenen Jahre hat die Beschuldigung in Tarnow zu mannichfachen Kränkungen Einzelner und ganzer Gemeinden geführt; das Ende der Untersuchung wird ohne Zweifel die volle Unschuld der Verdächtigten zeigen.— Der Tod Perl's und Krochmal's, dann der Abgang Rapaport's haben in den Reihen „der Freunde des Fortschritts" schwer zu ersetzende Lücken gelassen. Dafür regt sich in Böhmen ein Geist-des Wiederaufbaus, der bei den vorhandenen Kräften und Mitteln, trotz aller bürgerlichen Hemmnisse, für Wissenschaft und Leben gleich heilsam wirken könnte. Unmittelbar durfte sich Rapaport's Einfluß auf eine fruchtbarere wissenschaftliche Methode des Thalmudstudiums zeigen, wie sich durch Sachs' Vermittelung bas Bibelstudium gehoben, und eine wissenschaftliche Bedeutung bekommen hat. Einen sehr nieberschlagenden Anblick gewähren die mährischen Gemeinden, die in ihre Iudengassen eingepfercht sind, und unter mancherlei bitteren Beschränkungen leiden. Der innere Fortschritt ist aber auch hier, bei allen Einstreuungen des Lanbrabdiners bereits sichtbar. Dem Vernehmen nach soll es zwischen Letzterem und einer ansehnlichen Gemeinde schon wieder zu einer Mißhelligkeit gekommen sein; weil die Vorsteher den Trauhimmel (rsn) in der Synagoge aufstellen ließen, was übrigens seit einigen Jahren in mehreren Gemeinden geschieht. Die Protestation des Lanbrabbrners gegen diese gewiß sehr zweckmäßige Einrichtung ist um so unbegreiflicher, als sie sich selbst thalmudisch nicht rechtfertigen läßt. Die hieher gehörigen Stellen der Casuisten sind hinlänglich bekannt; aber da die Aufstellung des Trauhimmels im Freien noch nach Vielen als Observanz gellen soll, so verdient sicherlich die bisher unbeachtet gebliebene, aber sehr schlagende Aeußerung Raschi's zu Meg. 6 mehr bekannt zu werben. Die Aengstlichkeit, mit welcher man alles, von der umbildenden Seite Empfohlene, und sei es noch so unverfänglich, zurückweist, schadet der eigenen Sache offenbar sehr; indessen darf man denen, die es redlich meinen, ihr timeo