Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 42 (16.10.1840)
- Date
- 1840-10-16
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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355 sich nach kierlandischen Begriffen) die Behandlung, der sich die Juden gerade gegenwärtig im ganzen Kirchenstaate erfreuen. Derselbe erneuerte das seit der Revolution von 1831 nicht beachtete Levn'scke Gesetz, daß kein christlicher Dienstdote (bei Strafe von 50 Scudi für die Herrschaft, die nach Umständen noch erhöbet werden kann, und Arrest für den Diener) nach Sonnenuntergang in einem jüdischen Hause gefunden werde. Er vermaß sich sogar, die Leute eines jüdischen Handlungsbaui'rs, wie ihr Chef österreichische Untertbanen, nächtlicher Weise von den verkavvten Schergemder Inquisition überfallen und arreliren zu lassen, ohne den österreichischen Consul davon zu intimiren. Der Vorgang wurde jedoch alsbald an de» k. k. österr. Botschafter in Rom berichtet und zu gleicher Zeit ward privatim vom Ministerium in Wien eine ernstliche Aufforderung zur Freigcbung der Arretirten erwirkt.! Diese waren aber schon auf freiem Fuße, als jene per Stafette anlangte, und hatten sich lieber, um weitern Unannehmlichkeiten zu entgehen, einer grundlosen Beschuldigung wegen, die Einem von ihnen aufgebürdet wurde, zu einer Geldstrafe von 60 Scudi verstanden. Auch mußten sie uud andere fremden Staaten angehörige Israeliten, die Wohnung außerhalb! des Ghetto, die ihr Chef mehr als 20 Jahre inne batte, | räumen, wo sie nur ihre Waareuniederlagen haben dürfen, l Die Furcht vor der Inquisitions-Willkübr ist so groß, daß selbst die jüdischen Untertbanen auswärtiger Staaten es nicht wagen würden, ihre Kinder allein oder mit einer christlichen Magd aus dem Ghetto geben zü lassen, weil sie besorgen, dieselben könnten getauft und ibnen ennogen werden, wovon bei hier einheimischen Israeliten sich allerdings Beispiele finden. (Das ist ein Hauptgrund, warum die Kinder so frühzeitig in die freilich nicht am besten eingerichteten und unbeaufsicb-; tigten Kleinkinder - Bewahranstalten geschickt werden.) Erst! vor einigen Tagen ist die Frau eines seit vielen Iabren hier etablirten österr. Kaufmanns in der größten Eile mit ihren Kindern abgereist, weil der kürzlich engagirte christl. Knecht, bei einer Bürgersfrau, die ibn gefragt, wie er mit seiner neuen Herrschaft zufrieden sei? gesagt, daß er es nie so gut gebabt, daß es ihn aber im Herzen jammre, daß die guten Leute, besonders die lieben Kinder, des Teufels werden sollten; er bade sich daher vorgenommev, dieselben zu taufen, in der Ueberzeugung, kein besseres Werk thun zu können. > St. Nico lau in Ungarn, 27. Sept. — Am 23. d. Abends zog unser vielgeliebter Ober-Gespan, Baron von; Meitiny in unsre Stadt ein. Es machte ihm auch die j israelitische Gemeinde ihre Aufwartung. Die achtbarsten! (wenn auch nicht reichsten) Gemeindeglieder fanden sich fest-! lich gekleidet am bestimmten Orte ein. Hier war ein hohes,! sebr reich und schon verziertes Thor aufgestellt, das mit weithin leuchtenden Tigeln wie besäet war, und wie die Pforte zu einem Zauberjchlosse aussah. Kaum kündigten das Gloüengeläute und die Donner der Mörser die Ankunft des Gefeierten an, als er schon vor dem Thore hielt. Bei Erblikkung der heiligen Gesetzrollen legte er den Hut ab, stieg aus der Kutsche und schickte sich an, der Gemeinde zu danken. Da ricktele Herr M. Nascher eine kurze Rede an ibn, worauf der Angeredele folgende berzerhebende Worte sprach: „Ich danke sehr für die wiederholte *) Aufmerksamkeit der biedern israelitischen Gemeinde. Es ist dieß ein Beweggrund mehr, mich innig zu freuen, daß auch ich auf dem jüngsten Landtage mit meinen schwachen Kräften für die Verbesserung des israelitischen Zustandes mitwirkte. Ich hoffe, baß, da cs der Wunsch der Nation zu sein scheint, die Zeit nicht mehr ferne sei, wo die völlige Emanzipation erfolgen wirb." Und von diesen Worten ergriffen, ließen Alle ihr freudiges Vivat ertönen, dem gewiß jeder Menschenfreund sein Amen geben wird. — Gegenüber dem Fenster des Saales, wo der Obergespan war, ließHr. Simon Neufeld, Mitglied des Vorstandes, ein großes Gemälde, mit brennenden Tigeln umsetzt, aufstellem, worauf das Wappen des Ge¬ *) Man hat ihm nämlich auch vor vier Jahren, da er als Administrator hier war, eine glänzende Aufwartung gemacht. - D. V. feierten von Engeln getragen und ein passender Glückwunsch zu sehen war. Der Mehrerwähnte nahm es in hohen Augenschein und äußerte sein Wohlgefallen daran. Kurhessen. — Das Lanbrabdmat hat nun endlich auch angefangen, allgemeinere Angelegenheiten in's Auge zu fassen, um Mißbrauche abzustellen und manches, was zu Klagen und Verdrießlichkeiten Anlaß gegeben hat, zu beseitigen. — Durch dessen Verwendung haben wir eine allgemeine Leichenvrbnung erhalten, die unterm 31. März c. vom Ministerium des Innern genehmigt, nunmehr in Kraft tritt. Sie ist per Circulare des Kurhessischen Landrabbinats (gezeichnet: Romann. Felsenstein, Pinhas, Büdinger) allen Gemeinden im September zur Nacbachlung übersandt worden. Das Wesentliche derselben bestellt in folgenben Punkten: Die Brüderschaften bleiben (und wo dergleichen nicht sind, werten sie errichtet werden) in ihrem Wirkungskreise, sind jedoch den Vorschriften der Rabdinate und Gcmeinde- Aeltesten unterworfen. — Alle Einzelheiten sind regelmäßig geordnet, jede Störung der Feierlichkeit streng untersagt; auch wegtn Zulässigkeit der Leichenreden ist eine Bestimmung getroffen, was gewiß sehr gebilligt werden muß. Der Rabbiner darf ohne Weiteres eine Rebe halten, jeder Andere nur mit Genehmigung der Behörden und der Verwandten; genölhigt kann auch der Rabbiner nicht werden. Für verlangte Reden ist ein Thaler als Tape angesetzt. (Da alle übrigen Tarife nickt in der Leichenordnuug stellen, so hätte dieß füglich ebenfalls anderweitig angegeben werben können. Wahrscheinlich hat ein besonderer Grund obgewaltet, diesen Punkt mit einzuschalten.) Sehr zu loben ist die Rücksichtnehmung auf örtliches Herkommen (§. 20), welches man in einzelnen Fallen, welche keine Wichtigkeit haben, nicht verletzen will. Mit so schonenden Verfügungen gewinnt man am Sichersten willige Folgeleistung. Mannheim, 10. Oct. 1810.— Wenn man sieht, wie es nur des guten Willens, der Unverdrossenheit und Beharrlichkeit des Vorstandes unserer Religionsverwandten bedarf, um dem öffentlichen Gottesdienste ein erbaulich äußeres Ansehen zu geben und dadurch innerliches religiöses Gefühl zu erwecken, so kann man sich getrost der Hoffnung überlassen, daß mit der Zeit hierin Bedeutendes geleistet werden wird, um sowohl den religiösen Indifferentismus, als die auf einem alles Grundes entbehrenden Herkommen noch ruhenden fanatischen Anforderungen zum Schweigen zu bringen. Einen Beleg dazu haben wir vor einigen Tagen erhallen. Der hiesige Synagogenrath hatte schon langst beschlossen, in der Hauptsynagoge einen Choralgesang, durch die jüdische Schuljugend unterstützt, einzuführen, was auch versuchsweise schon einige Mal statt fand. Um aber etwas Imposantes und auf das Gcmüth Einwirkendes hervorzubringen, hat er weder Kosten noch Mühe geschont, um zu den Neujahrs¬ und Versöhnungstagen eigene Musik zu den hebräischen Psalmen und Gesängen in München von den besten Künstlern componiren zu lassen, und die hiesige Ausführung einem dortigen Choralgesang-Dirigent zu übergeben, um die Jugend gehörig emzustudiren. Schreiber dieses, der sonst die Hauptsynagoge nicht frequentirt, war auf besondere Einladung, am Abend des zweiten Neujahrsfestes, dorthin gegangen, und fand diesen regelmäßig erbaulichen und Gefühl erwekkenben Gesang, über seine Erwartung vortrefflich. Die Melodien sind dem Text ganz angemessen, Vorsänger, Musiklehrer, Choralgesang-Dirigent und die liebe Jugend wetteiferten in der Präzision der Ausführung, die Synagoge war zum Erdrücken voll, eine feierliche Stille herrschte bei'm Gebet, kein Laut, kein Räuspern ward vernommen, und Leute wurden dabei bemerkt, welche man in vielen Jahren in keinem Gotteshause gesehen, und die nach beendigtem Gottesdienst äußerten, daß sie, wenn dieses so fortgefükrt werde» keinen wieder zu versäumen entschlossen seien. Was aber noch auffallender war, selbst diejenigen, die noch vom alten Schrot und Korn Hnd jeder Neuerung abbold sind, nahmen es mit großem Wohlgefallen und wahrer Pietät auf. Mögen solche progressive Verbesserungen, ohne den Hauptdogmen der Religion zu nahe zu treten, unablässig verfolgt und allgemein eingeführt werden. >