Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 42 (16.10.1840)
- Date
- 1840-10-16
- Page
- Seite 352 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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352 wenn er weiterhin sagt: „Wir beabsichtigen durchaus nicht, das jüdische Gefühl zu verletzen, wenn wir auf solche Stellen (nämlich, daß die Dauer des Elendes den Beweis der fortdauernden Irreligiosität enthalte) verweisen, re. so muß er mindestens die Wirkung seiner Worte nicht wohl erwogen haben. Das Gefühl wird nicht so stark verletzt -als der gesunde Menschenverstand, wenn man denen, die mit Vorurtheilen aufwachsen, dem Anscheine nach Waffen aus der Rüstkammer der Gelehrsamkeit reicht, damit diejenigen, welche dieselben nicht zu führen verstehen, blindlings um sich schlagen. Aber Unheil wird dadurch leicht angerichtet, und wider Willen gehen derartige Gehässigkeiten in's Leben über, und säen Zwist und Streit. Die Israeliten in England sind verpflichtet, solches Ansinnen von sich abzulehnen. Zn Deutschland, wo es an Angriffen auch nicht fehlt, läßt die öffentliche Meinung solche Spitzfindigkeiten nicht mehr aufkommen. — Die Widerlegungen Orobio's lasten wir auf sich beruhen. Wir kommen auf Erasmus Scott Calman, einen gebornen Juden, welcher jetzt als Christ seine Brüder zu bekehren sucht. Er hat ein Büchlein herausgegeben, betitelt: Some errors of modern Iudaism, contrasted with the word of god. (Einige Jrrthümer des neuern Judenthums, welche mit dem Wort Gottes in Widerspruch stehen.) Er behauptet, lauter neue Facta zu zeigen, um lebendiges Interesse für seine Brüder zu wecken, und sie aus dem Elende der Unwissenheit, des Aberglaubens und der Irrungen zu reißen. Er tritt nun hervor mit der Bemerkung, daß von den Juden das Fest der ungesäuerten Brote, welches zur Zeit der Korn reife ftattfindcn soll, durch die Feststellung des Kalenders 1—2 Monate zu früh gefeiert wird, und tadelt zugleich die formelle Veräußerung alles Gesäuerten (eine schon hundertmal, und zwar mit Recht, getadelte Umgehung). Natürlich trifft derselbe Vorwurf das Wochenfest, wobei der Streit der Karairen mit in Betracht kommt, welche dasselbe stets am Sonntage feiern. Hier erfahren wir allerdings etwas neues, daß nämlich die Karaiten alle Traditionen der Gegenparthei für die Erfindung eines Griechen (!) Antigonus von Scio, einer Insel bei Smyrna (—das soll Antigonus von Socho sein!) halten, welcher 200 I. v. der chriftl. Zeitrechnung zum Judenthume übergetreten sei. Diesen Beweis von Unwissenheit, welchen wir bei einem Manne, der sich berufen fühlt, andere zu belehren, nicht erwartet hätten, wollen wir dahin gestellt sein lassen, um eine Nachricht mirzutheilcn, die er uns über einige bisher unbekannte Karaiten giebt, welche von ihren traditionellen Brüdern, wie er behauptet, sehr verfolgt werden. Ich hatte, sagt er, verschiedene Gelegenheiten hierüber mit Karaiten dies- und jenseits der Wüste zu sprechen und sie scheinen fortwährend die Verfolgung ihrer Brüder zu fürchten. Zu Hit, einer ansehnlichen Stadt an der Gränze der Wüste zwischen Damask und Bagdad, und an den Ufern des Euphrat, etwa zwei Tagereisen von Bagdad entfernt, wohnen gegen 20 karaitische Familien, welche alle, ohne Ausnahme, Silberarbeiter sind, und sich davon ernähren, daß sie Spielsachen« für die Araber dieses Ortes und der Wüste verfertigen. Mehrere derselben führten mich zu ihrem Chacham, einem ehrwürdigen Greise, welcher, da ich zu ihm kam, ein langes grobleinencs Obergewand, lang bis zu den Knöcheln herab, an hatte, mit einem Stricke um den Leib; er saß in einem kleinen viereckigen Zimmer, welches als Betstube für die Gemeinde dient, und worin sich einige zerrissene Manuskripte befanden. Da ich ihnen sagte, daß ich selbst in einem gewissen Sinne ein Karait sei, indem ich die Traditionen der Alten verworfen habe, so bewillkommten sie mich als Bruder und Freund, und sprachen offen mit mir. Mein Herr, sagte der Chacham zu mir, könnten Sie es wohl sagen, wie lange wir und unsre Familien verdammt sind, an diesem Ort der schrecklichsten Wildniß zu leben? Wir find nun schon mehrere Jahrhunderte hier und leiden durch Armuth und Entbehrungen aller Art. Verschiedene Versuche haben wir gemacht, nach Bagdad, Mosul oder Hillah überzusiedeln, aber wir fanden stets Widerstand von Seiten unsrer rabbinischen Brüder, welche alle unsre Schritte eifersüchtig bewachen. Wir haben gleiche Hindernisse ohne Zweifel abseiten derer zu Aleppo und Damask, auf der andern Seite der Wüste zu erwarten."*) — Das Weitere ist ohne Interesse. (Fortsetzung folgt.) *) Auch in dieser Aeußerung finden wir, wie schon öfters in den Tagebuchsauszügen der Reisenden, so manches Unklare und Unzuverlässige. Die Familien, welche in Hit sich isolirt sehen, würben es noch mehr in den größern Orten sein. Die Gewalt, welche ihre Uebersiedelung hindern könnte, ist ohehin nicht nachgewiesen. _ D. H.