Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 42 (16.10.1840)
- Date
- 1840-10-16
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Volk sind sie nirgend, denn der moslemische Herrscher, der sie in seinen Staaten duldet, zahlt sie nicht zu seinen Unterthanen, auch bilden sie nicht, wie in Frankreich und andern europäischen Staaten, einen integrirenden Theil der Bevölkerung, den Gesetzen ihres Geburtslandes gehorchend und an den Rechten der Bürger Theil nehmend. Was wir hier sagen, ist schon daraus klar, daß die Muselmanen eine Kokarde und eine Standarte als die wesentlichen Zeichen einer Volksthümlichkcit betrachten, und den Juden diese politische Eigenschaft ganz absprechen, weil sie, wie sie sagen, sich in der Unmöglichkeit befinden, eines dieser Zeichen selbstständiger Volksmacht zu tragen. Daher sind sie wirklich sui genej ris, und ihr Charakter hat seine National-Eigenheit, j an der jedes Individuum seinen Antheil hat. Dieser | generische Charakter tritt in Algerien mehr hervor j als anderswo, weil sie hier auf einen sehr engen; Raum beschränkt sind, aus welchem sie nie heraus- > kommen, indem sie stets und von jedermann wieder j hineingcdrängt werden, obgleich sie dem Anscheine nach ihrer Dienstleistungen wegen zugelassen werden, wofür man ihnen dankbar sein zu müssen vermeint, während in der That sie allein den Nutzen davon j ziehen. *) — Diese Eigenheiten wiederholen wir hier, weil es nöthig ist, den Charakter selbst zu kennen, wovon alles übrige abhängt. Was wir indeß hierüber bemerken könnten, würde wenig Theilnahme erwecken, gehen wir in die tatsächlichen Wirkungen ihrer Eigenthümlichkeit ein; nur durch Darstellung ihres Privatlebens können wir die verschiedenen Charaktcrzüge einer Nation in's Licht setzen, deren nähere Betrachtung dem Philosophen und dem Menschenfreund nicht unwichtig erscheint. Begeben wir uns in ihr Quartier, trotz der stickigen Atmosphäre voll mephitischen Qualms, welcher eine Folge der Unsauberkeit ist, die mit *) Die Schattenseite dürste hier doch wohl etwas zu stark hervorgehvben sein. Mindestens stimmen nicht alle Berichte in ein so strenges, den algier'schen Juden fast alle Theilnahme für menschliche Angelegenheiten absprechendes Urtheil. Die Berichterstatter reden augenscheinlich nur von der niedrigsten Volksklasse, welche freilich die Mehrzahl bildet. Wir werden ehestens Gelegenheit haben zu zeigen, was die humanere Behandlung bereits allsgerichtet hat. Was die Herren Charakter nennen, ist nicht Charakter, sondern erzwungene Unnatur. D. H. dem Elend gewöhnlich Hand in Hand geht. Ein Widerwille befällt einen bei'm Anblick der schmutzigen und ekelhaften Gassen, wo die Luft nur ungern durchzuziehen scheint; die Augen wenden sich hinweg von den Leiden, die sie erblicken, meistens Wirkungen innerer Verwahrlosung, welche sie in Lumpen gehüllt den Vorübergehenden ausstellen. — Will man noch widerwärtigere Ansichten? Man trete in's Innere einer Wohnung. Man denke sich eine Stube von 10 —15 Fuß Länge und 5 bis 7 Fuß Breite, welche 2 oder gar 3 Familien enthalt, — so har man erst einen schwachen Begriff von dem Bilde, welches wir mehr nach der Wahrheit als mit Beredsamkeit schildern. Von der Unordnung in solchen Wohnungen hat man keine Vorstellung; alles, selbst die Speisen sind ekelhaft, alles ist verwahrlost, selbst die zartesten Kinder, welche ihr schwaches kleines Leben auf dem Erdboden hinschleppen. (Traurige Folge der räumlichen und geistigen Absperrung!) Dennoch giebt es eine bessere Zwischenzeit, nämlich alle Woche 24 Stunden vom Freitag Abend bis' Samstag Abend. Wahrend dieser Zeit des Sabbaths erhält alles im Hause, auch die Sitten und Speisen, ein gefälligeres Ansehen. Diese, allar Civilisation so sehr widerstrebende Eigenheit, ist hier mehr das Ergebniß einer fehlerhaften Erziehung in Unwissenheit, als das der Re- |j ligion und Geburt; unsre Vorurtheile tragen nur ij zu sehr dazu bei, eine Umgestaltung zu verhindern, welche die Philosophie und die Menschenliebe lebhaft fordern. Wir stoßen sie von uns, wenn sie zu uns kommen, oder wir empfangen sie mit Verachtung! Gott und die Gesetze erklären dieselben für Gleichberechtigte mit allen, und wir, die wir Rechtsgleichheit mit wahrer Wuth ausrufen, wir sind die Ersten, die ihnen die Würde des Menschen absprcchen! — Freilich, in den Augen aller herabgesetzt, sinken die Menschen auch in ihren eigenen Augen, wenn sie sich nicht zu uns erheben können, und doch sind sie hochmüthig genug, um durch Verachtung Anderer das sie drükkende Joch abzuwalzen, und wenn es gut geht, ersetzen sie durch Dreistheit, was ihnen an Würde abgeht; nur sinken sie um so stärker zurück, als sie in Ermangelung aller Energie auf Achtung unsrerseits nicht rechnen können. Daher überlassen Viele sich noch dem unstatthaften Schacher und Wucher, dessen ganze Basis verwerflich ist, wie sie selbst und die Araber, Mauren und Europäer es nicht