Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 41 (9.10.1840)
- Date
- 1840-10-09
- Page
- Seite 342 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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342 unfern Tagen verfertigt sei, habe so wenig inner» Werth, wie eine othonische Münze, die man heute nachprägte. — Er geht dann ein in die Art der Religionsweihe der Jugend nach vorangegangenem Religionsunterrichte, welche Handlung dabei Emancipation religieuse genannt wird. Hier lobt er vorzugsweise die Fortschritte der deutschen Israeliten und findet ihr Beispiel nachahmenswerth, aber dazu erklärt er es für dringend nothwendig, einen neuen Katechismus zu verfassen. Der jetzt in Frankreich übliche sei höchst einseitig. „Dies Werk," sagt er, „fehlt gegen die Form und gegen die Grundwahrheit, und ist keiner Verbesserung fähig. Schon in der vierten Frage ist die Definition, ein Israelit ist ein Nachkomme der Patriarchen Abraham rc., lächerlich und falsch: lächerlich, weil dadurch Abraham selbst ausgeschlossen wird*), falsch aber, weil sie die Lehre von der Geburt abhängig macht, also von Zufälligkeiten. Eine Nationalreligion ist eben so widersinnig, als eine Nationalphilosophie, eine Nationalgeometrie; die Wahrheit, diese Himmelstochter, gehört dem Menschengeschlechte an. Jeder Glaube, welcher das Erbgut einer Nation, eines Landes zu sein vorgiebt, kann nicht der wahre sein, und erklärt sich selbst für falsch. Ein unerläßliches Kriterium für jede wahre Religion ist eine Art von Katholiciiat." Wie weit also die Paradoxie führen kann, zeigt sich hier auf's Klarste. Ein zwiefacher Widerspruch, welcher in diesen Worten enthalten ist, muß hervorgehoben werden, wenn man die Unrichtigkeit dieses Scheingrundsatzes erkennen will. Erstlich ist hier die Rede von der Doktrin und deren innerer Wahrheit, die seiner Auffassung nach nur eine sein kann, und doch gicbt er die Mannichfaltigkeit wahrer Religionen zu, was einander geradezu aufhebt; zweitens tadelt er die Anknüpfung der Doktrin an Geburt und Zufälligkeiten, und doch will er selbst einen israelitischen Katechismus. Letzteres ließe sich nur in so fern rechtfertigen, wenn er der Meinung wäre, alle Christen mindestens in Frankreich zur israelitischen Religion zu bekehren, nachdem er den Cultus des letzter» umgewandelt hat! —Der Hauptirrthum , welcher hier keinesweges neu ist, sondern *) Wohl eher deßhalb, weil der Name an sich nur auf Israel zurück führt, die Bedeutung aber zu eng aufgefavt ist. schon oft genug vom Kosmopolitismus behauptet worden, liegt in der Verwechselung der Doktrin mit der Cultusform, zu welcher auch das Bekenntniß selbst gehört. Letztere kann nicht bloß national, sondern überhaupt einseitig gestaltet sein, ja wir möchten sagen, sie muß sich einseitig gestalten, um die Idee sichtbar und wirksam darzuftellen, weil sie Eigenthum aller derjenigen werden muß, die selbst nicht die ganze Tiefe der Offenbarung zu erforschen vermögen und doch deren Segnungen theilhaftig sein sollen. Die Menge aber hat ihre einseitigen Bedingungen in Sprache, Erziehung und vielerlei positiven Verhältnissen, deren Aufhebung keine noch so schaale Philosophie bewirken kann. Daher denn auch die ganze französische Schule der jüngsten Vorzeit, obwohl sie Vorurtheile zerstört hat, doch das Hauptziel, alle Confessionen zu neutralisiren, nicht erreichen konnte. Die Form ist durchaus nicht, wie der Verfasser mit Vielen behauptet, die bloße Rinde ohne Inhalt, so wenig wie die Rinde ein bloßes Gewand des Baumes ist; vielmehr bildet letztere sich aus dem Wesen und gehört diesem wesentlich an, so in der Natur wie in den religiösen Institutionen, welche etwa nicht einer bloßen Willkühr ihre Entstehung verdanken, in welchem Falle sie nicht ausdauern. Diesen Gesichtspunkt halten wir für den einzig richtigen, und der Kritik steht, von ihm aus gesehen, nur die Prüfüng zu, in wie weit die stehende Form ächt ist, oder durch Willkühr verändert und daher in ihrem Wesen zerstört worden. — Was die geschriebenen Gesetzrollen betrifft -, so liegt in dem Festhalten des Grundsatzes einer tief wurzelnden Pietät, sich in der Synagoge solcher Heiligungsmitrel zu bedienen, die eigends mit religiösem Sinn und für diesen Zweck allein angefertigt sind, und alles auszuschließen, was auf dem profanen Markt erkauft werden kann, eine so erhebende Gemütlichkeit und ernste Liebe, daß wir uns wundern, wie man dieß als Zeichen einer beibehaltenen Barbarei darstellcn kann. Knüpft man ja doch selbst im profanen Leben einen höhern Werth an Gaben der Liebe und Freundschaft, wenn solche, obwohl viel wohlfeiler und zweckmäßiger aus Fabriken zu erlangen, mit liebevollem Sinne mühsam angefertigt worden, und nur einzig in ihrer Art da sind. Wie sollte denn das Heiligthum nicht dieselben Ansprüche an unser Gemüth haben?