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Israelitische Annalen · 1840-10-02 · Heft 40 (2.10.1840) · p. Seite 336

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 40 (2.10.1840)
Date
1840-10-02
Page
Seite 336 (sequence 4)
Language
German
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336 nen andern Antrieb kennen als das Klopfen des Herzens, keine andere Richtschnur als das Gefühl, keine andere Regel als die Pulse des Mitleids. Wandernd von Ort zu Ort, eine Zielscheibe des Hasses und der Verfolgung aller Welt, zurückgeblieben vom Kriegsdienst, von freien Studien und von jeder edeln Wissenschaft, ausgeschlossen vom Besitz und Anbau des Landes, zurückgedrängt von jeder Zunft und dadurch verhindert, eine Kunst oder ein Handwerk auszuübcn, und um ein elendes Leben zu führen, zur Häufung von Geldschatzen gezwungen, an denen Andere sich bereichern wollten; — waren wir fast alle darauf angewiesen, uns auf den Kleinhandel zu werfen, den einzigen uns gelassenen Nahrungszweig, und wer dazu die Mittel nicht hatte, mußte sich dem Müßiggänge ergeben, und gegen die Forderungen des Hungers blieb ihm nur der Anspruch an das Mitleid der Brüder. In solchen Zeiten, wie durfte da jemand durch kalte Berechnung die traurige Lage der Genossen noch verschlimmern? Wie seine Hülfe nach der größer» oder geringer» Befähigung zur Arbeit abmessen? Das Mitleid darf nicht rechnen. Nur in ruhigen Zeiten überlegt man, nicht während des Sturmes; da wäre es sündhaft, seine Mildthätigkeit abzuwägen. „Aber jetzt, da die Zeiten günstiger sind, die Verfolgungen aufgehört haben, wir als Menschen gleich geachtet werden, jetzt da die Gesellschaft uns in ihrem Busen aufnimmt, die erleuchteten Regierungen alle Unterthanen mit Liebe umfassen, jetzt hat unsere Mildthätigkeit allerdings andere Gesetze zu befolgen. Jetzt, da die Erde auch uns den mütterlichen Schooß erschließt, der Boden auch von unserm Schweiße bethauet sein darf, alle Werkstätten der Kunst uns offen stehen, jetzt wäre ein blindes Spenden an Arbeitsfähige, Nähren des Müßigganges in denen, die fleißig sein können, eine sehr unheilvolle Frömmigkeit, man würde dadurch der Gesellschaft nützliche Mitbürger entziehen, die Wohltharen unsers großherzigen Regenten verkennen, Trägheit und Faulheit unter uns vermehren und die Fehler stärken, dft wir wider unsern Willen angenommen haben." — Der Redner zeigt hierauf, daß früherhin durch die Zusammengedrängtheit der Gemeinden und durch vielfache religiöse Uebungen die Wirkungen des Müßigganges neutralisirt worden, wogegen jetzt die größere Freiheit bei lockerer werdenden Familienbanden die Nachtheile immer steigern müsse, und das Unbeschäftigtsein weit eher zu Verbrechen führen könne. ,,T)iese Wahrheit wohl begreifend, setzt er hinzu, stimmen alle Gemeinden darin überein, ihre Mittel nach Umständen dahin zu vereinigen, daß die öffentlichen milden Stiftungen sowohl als diePrivatwohlthätigkeit die Richtung nehmen, bei unsern Glaubensbrüdern den Fleiß zu erwecken, sie zur Arbeitsamkeit zu ermuntern, sie zu Handwerk und Kunst anzuhalten, und sie auf die ehrenwerthe Laufbahn zu bringen, in welcher es ihnen gelingt, mit dem Schweiße ihres Angesichts ihr Brod zu erwerben."— Er zeigt alsdam? den Armen, wie billig es sei, daß sie dem Beispiele der Bemitteltern folgen, welche, sobald die Freiheit ihnen ward, sich den edlern Berufsfächern zuwendeten, Künste und Wissenschaften mit Glück treiben, den Boden gedeihlich bestellen, und der Welt zeigen, daß das bisherige Wuchergeschäft ihnen nur eine Bürde war, eine Wirkung der furchtbaren Verfolgungen und der Ausschließungen; und fordert die Armen auf, eben so ihrerseits zu zeigen, daß Arbeitsscheu ihnen nicht eigen, sondern bisher nur die Wirkung der Zeit war, daß sie vielmehr gern die ehrbaren Mittel ergreifen zum Nutzen der Gesellschaft thätig zu sein und dadurch selbst glücklich zu leben. Die Rede gehört zu den Schönsten, die wir in dieser Art je gelesen haben; dergleichen sollte das Volk oft hören, besonders da, wo aus mißverstandenem Ehrgeize noch Viele ihre Kinder ungern zu niedern Arbeiten hergeben, oder selbst lieber von Mildthätigkeit als vom Fleiße leben. — Auf jeden Fall aber verdienen solche Volkslehrer, die diesem Gegenstände ihre besondere Aufmerksamkeit widmen, die höchste Achtung und allgemeinen Beifall, denn sie wirken mehr für das Heil der Menschheit, als alle, die bloß den Glaubenssätzen und den gottesdienstlichen Formen ihre Sorgfalt zuwenden. Toleranz des vorigen Jahrhunderts. Eine historische Curiosität. Oftmals beschäftigen uns die Erwartungen, zu denen die Gegenwart berechtigt, so sehr, daß wir mit einiger Ungeduld dem, was die nächste Zukunft bringen dürfte und bringen sollte, entgegenschauen, und darüber vergessen, was die jüngste Vergangenheit bereits erfüllt hat. Und doch giebt es keine

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