Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 36 (4.9.1840)
- Date
- 1840-09-04
- Page
- Seite 306 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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306 16) Kanitz. 111 F.H. Eine Gemeinde, auf welche die Nähe Brünns, Handel uud Luxus ausgenommen, bisher wenig Einfluß halle. Die Achtung für das Rabbinat ist sehr gesunken.-Was die Orthodoxie vorzüglich in Achtung erhält, ist unzweifelhaft ihr Verzichten auf weltlichen Genuß, ihr Ernst, ihr unablässiges Hinblicken auf Gott; fällt diese Wahrnehmung weg, so ist mit ihr aller Nimbus verloren. 17) Aussee. 110 F. H. In dieser Gemeinde wurde vor zwei Jahren der Versuch zur Errichtung einer allgem. hebr. Lehranstalt gemacht. Der alte, aber wohlwollende und humane Rabbiner, Herr Lob Pollach (aus Hung. Brod) nahm sich der Sacke eifrig an; indeß bören wir, baß bas kleine, schwach von Außen unterstützte Institut wieder eingegangen sei. Oberhalb des Einganges am hiesigen Todtenacker sindet sich die schöne Aufschrift: UZ’ , die zugleich die Jahrzahl der Renovirung enihält. *) Diese Gemeinde hatte in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts das Unglück, mit dem katholischen Ortsgeistlichen (der am Vorabende des Versöhnungstages die Synagoge besuchte und den Gottesdienst in sehr beleidigender Weise störte) in Eonflict zu gerathen, in Folge dessen die Synagoge sehr lange Zeit geschienen und eine schwere Untersuchung geführt wurde; bis endlich die böckstselige Kaiserin Maria Theresia, auf besondere Anregung des Barons Don Aguilar, die Klage genau revldirle, und die Gemeinde von aller Schuld freigesprocken wurde. Es hat hierüber ein damaliger guter Stylist in hebräischer Sprache eine ausführliche Denkschrift verfaßt, welche sich in der Bibliothek des achtungswürdigen Herrn Markus Lowy zu Mürau (nächst Müglitz) befindet. (Fortsetzung folgt.) Specielles aus Böhmen. — Da die jüdisch-religiösen Verhältnisse in Böhmen im Ganzen des Erfreulichen wenig darbieten, und die Gesammtübersicht, die ich Ihnen entworfen, wenn sie Wahrheit enthalten und zugleich anregend und nutzbringend wirken sollte, mehr die Schattenseite Herausstellen mußte, so glaubte ich mich verbunden, die zahlreichen Leser Ihres sehr geschätzten Blattes auch mit den bessern Bestrebungen in unserer Mitte bekannter zu machen, und ihnen einige freundliche Lichtpunkte vorzuführen. Ich bcmühete mich daher um genaue und zuverlässige Nachrichten über die Fortschritte, die im Saatzer und Ellbogner Kreise unter dem Rabbinale des Herrn Salomon Sachs (des einzigen Kreisrabbiners, der den Forderungen der Zeit und des Gesetzes vollkommen entsprochen, und dem sich klassische und philosophische Bildung nachrühmen läßt, angestellt seit 1833) im Gebiete des Synagogen- und Schulwesens gemacht wurden. Die Resultate sind eben so ehrenvoll für die Gemeinden wie für deren geistliche Hirten, ja. wenn man die vielfachen Schwierigkeiten , die beschrankenden äußern Verhältnisse, die Mittellosigkeit und Geringzähligkeit der Gemeinden in Erwägung zieht, wahrh aft bewunderungswürdig, und geben das beste Zeugniß ab, wie wohltbätig ein Kreisrabbiner wirken kann, wenn er mit einer gediegenen wissenschaftlichen Bildung Umsicht, Berufstreue und redlichen Willen verbindet. Und so theile ich sie Ihnen denn in gedrängter Kürze mit, den Wunsch hinzufügend, daß die Strebsamen durch die öffentliche Anerkennung zum wackern Fortschreiten ermuntert, die Saumseligen aber zur Nacheiferung angespornt werden mögen. 1) Im Ellbogner Kreise zeigen die drei Gemeinden: j Lichtenstedt, Königswart und Steingrub am meisten ein besseres, zeitgemäßes Streben, in allen dreien ist das Synagogen- und Schulwesen in gutem Stande, alle drei haben tüchtige, ihrer Aufgabe kundige Rabbiner (Lichtenstedt ist der Sitz des Kreisrabbiners, in Königswart ist dessen Bruder, Herr Moses Sachs, seit 1835, und in Steingrub Herr Simon Hainsfurth, der öffentlich studirt hat, seit 1834 angestellt), die für die Fortbildung desselben thätig arbeiten. In Lichtenstedt wurde mit dem Jahre 1835 von *) Eine ähnlich sinnreiche Devise hat das Tbor am Gottesacker in dem nahen Müglitz; sie lnulet: Granze zwischen Zeit und Ewigkeit. Seiten der hohen Landesstelle der Israeliten-Gemeinde bewilligt, eine von der christlichen abgesonderte Lehrschule zu errichten, die auch mit der größten Anstrengung und bedeutendem Kostenaufwande (da zugleich eine Wohnung für den Rabbiner und den Vorsänger hergestellt wurde) aufgeführt, der Gemeinde zur Ehre gereicht. Es stehen zwei große herrliche Lehrzimmer da mit allen Schulrequisiten und dem Portrait Sr. Majestät des Kaisers auf das Glänzendste eingerichtet und zwei Zimmer für den Lehrer daneben. In jenen wird durch zwei Lehrer und einen Gebülfen täglich von 8—12 Uhr Vormittags und von 1—5 Uhr Nachmittags unterrichtet. Die Lehrgegenstände sind: Religion, biblische Geschichte, hebräisch Lesen und Schreiben, hebräische Sprachlehre, Uebersetzung der Bibel und der Gebete und die Gegenstände der dritten Klasse (der österreichischen Normal-Hauptschulen). Außer den Lehrstunden werden überdieß die Gegenstände der vierten (Hauptschul-) Klasse, so wie auch französisch und italienisch gelehrt. Den Wiederholungsunterricht aus der Religion erlheilt für die erwachsene Jugend der Rabbiner jeden Sabbath Nachmittag. Die Lehrer sind gegenwärtig Herr Spitz von Tschkin und Herr Braun aus Baiern. beide sehr unterrichtete Männer, die mit den gehörigen pädagogischen Kenntnissen Berukseifer und den besten Willen verbinden, und daher auch die Achtung und Zufriedenheit der ganzen Gemeinde genießen. — Die Synagoge ist in ihrem Innern ganz nach dem neuen israelitischen Tempel zu Prag, versteht sich in verjüngtem Maßstade, eingerichtet, und der Gottesdienst wird mit Choral und Predigt unter stiller leiser Andacht abgehalten. Daß der unanständige Mitzwothverkauf abgestellt und die für unsere Zeit unpassenden Piutim beseitigt oder modifizirt wurden, läßt sich da wohl vvraussetzen, darf aber doch nicht unerwähnt bleiben, da es an io vielen Orten, wo weit mehr Bildung und Wohlstand zu finden, noch nicht so ist. Der Chor bleibt jedoch noch hinter den gerechten Wünschen zurück, indem der Vorsänger wenig musikalisch und nicht im Stande ist, die Jugend, die von christlichen Lehrern im Singen geübt wird, für den synagogalen Chorgesang gehörig heranzubilden, und die erwachsene Jugend, die er zur Allshülfe nehmen muß. mit ihrer Zustimmung ganz willkübrlich verfährt. Um die Begründung dieser heilsamen Anstalt, die der ganzen Gemeinde eine neue Gestaltung gegeben, haben sich vorzüglich verdient gemacht (außer dem Kreisrabbiner, von dem der Impuls ausgegangen) der Herr Vorsteher Löwenfeld, Kaltunfabrikant, und die Beisitzer Herr A. Bondi und Herr Eckstein, und wir wollen hoffen, daß ihr erster Eifer nicht erkalten, sie vielmehr fortwährend antreiben werbe, für die Erhaltung und Vervollkommnung des Begonnenen zu sorgen und zu arbeiten. Nach diesem Vorbilde wird auch in Königswart, ja selbst in der kleinen mittellosen Gemeinde Steingrub durch das thälige Einwirken der benannten Rabbiner der Gottesdienst und der Unterricht geleitet. Sie haben Chor und Predigt und wohldefähigte Lehrer, die ebenfalls in den bezeickneten Gegenständen unterrichten, wobei die Lokalrabbiner wacker mithelfen. Als thälige Beförderer dieser Anstalten verdienen ehrenvolle Erwähnung in Königswart Herr Hofmann und Herr N. Levi und in Steingrub die Herren Gebrüder Spiegel. Die andern Gemeinden im Eldogner Kreise sind theils zu schwach, theils zu unbemittelt, um eine derartige Anstalt unterhalten zu können. Jedoch giebt es mehrere, die den Kreisrabbiner ersucht, ihnen seine Synagogenvrdnung mikzutheilen, nach der sie sich so viel als möglich richten. Hinsichtlich des Iugendunterrichts ist der Ort Armizgrün wohl versehen, er besitzt in Herrn Bloch einen sehr braven Lehrer, dessen Schüler nicht nur deutsche Sätze regelrecht in's Hebräische übersetzen und ganze Bücher der Propheten und Hagiographen mit Erklärung reckt gut inne haben, sondern auch bei einer in Eg er stattgehabten Privatprüfung aus den Gegenständen der vierten Klasse die schönsten Noten erhalten haben. Eben so wird in Schüttüb er, wo der hebräische Unterricht der Aufsicht des Lokalrabdiners M. Sachs in Königswart unterstehet, und in der Umgegend von Steingrub, wo Herr Hainsfurth über das Unterrichtswesen zu wachen hat. den Forderungen in dieser Beziehung zur Genüge entsprochen. Auch in Königsberg bestehet eine