Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 35 (28.8.1840)
- Date
- 1840-08-28
- Page
- Seite 295 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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295 aufgeführtes Gotteshaus zu sehen! Dies ist noch bewundernswerther, wenn man bedenkt, daß es vor 800 Jahren erbaut worden, als die Gemeinden durchweg in der größten Armuth waren. — In socialer Hinsicht bemerke ich nur, daß Männer und Frauen äußerst wenig miteinander umgehen, und von der Seite ist alles noch asiatisch. Selbst in den größer» Städten sieht man nicht einen Mann mit seiner Frau zusammen über die Straße gehen. Trift jemand eines andern Frau, so würde man es ihm, wenn er sie anredete, sehr übel nehmen. Seit einiger Zeit indeß fängt das andere Geschlecht an, sich mit der schönen Literatur und fremden Sprachen zu beschäftigen, und das wird die gesellige Bildung ohne Zweifel fördern. Wenden wir uns rechts von Lithauen nach Reußen, so treffen wir dort andere Zustände. Vor 50 Jahren trat dort das Oberhaupt der Chassidim von der Farbe, die sich nan nennt, auf. Er war sehr gelehrt und klug, und wußte die Herzen zu gewinnen; daher gelang es ihm, die große Mehrzahl zum Pietismus zu bereden. Und wie sollte er auch nicht sein Ziel erreichen? Jedermann glaubte durch ihn in die tiefsten Geheimnisse der Natur und der Philosophie eingeführt zu werden und den höchsten Grad der Glückseligkeit zu erlangen. Dasselbe treibt die Anhänger dieser Sekte noch immer zu den kabbalistischen Vorträgen ihrer Oberhäupter hin. In Barissow haben die Pietisten die Oberhand; und so sehr auch die Umgegend im Jahre 1812 mit Franzosenblut gedüngt worden, so ist doch der Boden noch nicht geeignet, französische Aufklärung zur Blürhe zu bringen. Hier mag zugleich folgende Anekdote Platz finden. Als Napoleon von Moskwa zurück zog und bis Barissow kam, war er in der größten Verlegenheit. Er hatte die feindlichen Heere dicht hinter sich, und die Beresa vor sich; und sämmtliche Uebersetzpunkte waren von Feinden besetzt. Er ließ daher'einen Israeliten rufen, Namens Mose Beinisches, einen mit den Lokalitäten genau bekannten Mann, und dieser mirtelte ihm einen Punkt aus, an welchem er ohne Gefahr übersetzen konnte, wodurch er denn auch entkam. Während derselbe vor Napoleon und seinen Stabsofficieren stand, hörte man plötzlich in der Nähe schießen; da ward ihm Angst, und er rief: „Entlassen Sie mich! erbarmen Sie sich meiner Frau und Kinder!" Einer der Offiziere soll ihm geantwortet haben: „Sei nur ruhig, ich habe auch Frau und Kinder zu Hause!" — Es ist auffallend, daß die Geschichtschreiber dieses Mannes, dem Napoleon sein Leben verdankte, nicht gedenken, wahrend sie der Spinne, welche ihm die Aussicht auf Holland cröffnele, die Ehre anthun, sie zu erwähnen. Die Israeliten in Reußen haben etwas Edles in ihrer Haltung, und sind rasch im Auffassen und Begreifen, aber im Allgemeinen mehr flüchtig j und oberflächlich, auch sehr behende und eilig im Sprechen und Thun, so daß dieses ein charakteristisches Kennzeichen derselben ist, wodurch sie sich besonders von den Lithauern unterscheiden. In Polen und Galizien hält man diese beiden Stämme für einerlei, und nennt sie alle L i t w a ck, wie man in Deutschland alle russischen Juden Polaken l nennt. Die Wahrheit aber ist, daß die Stämme! in Lithauen sich nach den Provinzen scheiden, und Lithauen, Reußen und Samoter sind durchaus von einander verschieden. Die Lithauer als mehr den Studien der Bibel und Commentare zugethan, und nur selten pietiftisch, beschäftigen minder die Phanj tasie, und werden daher auch wenig von Kunst und j schöner Wissenschaft erwärmt. Maimon selbst j erzählt in seiner Lcbensgeschichte, daß er in seiner i Jugend von Poesie keinen Begriff gehabt, ja über die Dichtkunst gespottet habe, und erst in Deutschland sei in ihm der Sinn für poetische Genüsse geweckt worden. In Samot ist zwar das Streben dasselbe, aber die Nähe Kurlands, wo die deutsche Sprache zu Hause ist, bringt dahin auch einen bessern Geschmack für den reinen hebräischen Ausdruck. Bei den Reußen findet man noch gar wenig wissenschaftliches Streben; sie gehören schon lange Zeit dem alten Rußland an, und haben sich dem Lande bereits so sehr akklimatisirt, daß sie ganz und gar die Natur der Russen haben, und durch Muth und Unerschrockenheit sich auszeichnen. Damals waren die Gemeinden in Reußen sehr wohlhabend, in Sk low, der zu Moskwa nächsten Stadt, war vormals das ausgedehnteste Geschäft, denn dort war die Niederlage, vvn wo alle Lithauer ihre Waaren bezogen, und die Sklower bildeten die Vermittler zwischen Moskwa und Lithauen; seit 30 Jahren aber bedienen sich die Lithauer keiner Vermittelung mehr und beziehen ihren Bedarf direkt aus Moskwa. Außerdem wohnten Viele in den 35*