Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 35 (28.8.1840)
- Date
- 1840-08-28
- Page
- Seite 296 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3133765-3133820-3133856--0811-3134991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
296 Dörfern und waren Arrende - Pächter; allein vor etwa SO Jahren wurden sie aus den Dörfern auf Befehl der Regierung vertrieben, und dadurch verarmten Tausende von Familien, welche ohne Beschäftigung herumwanderten. In Welis wurden bekanntlich an 70 Israeliten, darunter mehrere sehr Wohlhabende, wegen angeblichen Gebrauches des Chriftenbluts in's Gefängniß geworfen, wo sie 10 Jahre (bis 1636) schmachteten, während welcher Zeit ein Theil dahin starb und die Uebrigen ihr Vermögen einbüßten, bis endlich vor wenigen Jahren ihre Unschuld erkannt ward, und sie auf freien Fuß gestellt wurden. Es blieb ihnen nichts übrig, als den Bettelstab zu ergreifen; einer derselben war auch bei mir, und seufzend dachte ich bei mir: „Glücklicher waren die das Schwerdt getödter, als die dem Hunger erliegen!" — Zur selbigen Zeit soll Se. Majestät unser Allergnädigster Kaiser Nikolaus verordnet Habeü, daß keine ähnliche, durchaus grundlose Anklage wieder angenommen werden solle. Dennoch ward in Raziza im Kreise Masier ein ähnlicher Versuch gemacht, der aber, dem Himmel sei Dank, bald wieder beseitigt ward, indem man die Wahrheit ermittelte. N. I Literarische und historische Controversen. Schreiben von S. D. L. in P. v. 8. Juli. (Schluß.) Vor Maimonides waren viele große und verehrte Rabbinen überaus bewandert in den humanistischen Wissenschaften und Schriften, so Saadja, Giath, Bechai d. ält., Juda Levita, Abraham ben Dior, (in s. W. Emuna rama) und andere, welche letzterer (im B. Kabbala) anführt. Die Kenntniß anderweitiger Wissenschaften und Schriften that damals den Rabbinen in der öffentlichen Meinung keinen Abbruch. Theologie und Philosophie hatten einander weder den Abschied gegeben, noch eifersüchtig angesehen. Hai Gaon (bei Chabib, Chag. IV.) verurtheilt die philosophischen Studien nur dann, wenn man ihretwegen die rabbinischen vernachlässiget. Das Gegentheil findet statt nach M. Die Philosophie wird verabscheuet, die Freiheit des Denkens verpönt, die Rabbinen werden blinde Nachfolger ihrer Vorgänger. Vernunft gilt nicht mehr, nur Autorität. Diese traurige Verwandlung schreibe ich den 4 angeführten Ursachen zu. Ich mag mich irren; ich weiß, daß ich mehrere mal mich geirrt habe, und mehr als einmal habe ich es öffentlich gestanden; nur darin irre ich gewiß nicht, daß ich die Aufrichtigkeit liebe, und Ostentation und Scheinheiligkeit'hasse. Diese Gesinnung höre ich nicht auf auch andern mitzutheilen, und der Himmel gebe, daß solches bald nicht mehr nöthig sei! Je mehr aber meine These bestritten wird, desto mehr überzeuge ich mich, daß es recht ist, sie öffentlich zu verfechten. Sehen wir ein wenig in die Motive, welche die Gegner meiner Ansicht so in Flammen setzen. Diese können mehrere sein. 1) Nationalehre; man glaubt, die Ehre der Israeliten würde dabei verlieren, wenn der Ruhm der bisher von der ganzen Nation verehrten Schriftsteller verdunkelt würde. Das wäre wahr, wenn Israel untergegangen wäre; das ist aber nicht der Fall, wir sind da und werben da sein, und es wäre traurig, wenn unser Name nur von alten Erinnerungen seinen Glanz erhielte. Wenn uns die Ehre des israel. Namens am Herzen liegt, so müssen wir sie durch unsre eigenen Verdienste erhöhen, und zu diesen gehört die Auffindung der Mängel unsrer Vorfahren; schon das ist ein Fortschritt. — Zudem ist hier die Rede davon, bei einigen Alten solche Fehler wahrzunehmen, die sie von außen her bekommen, Fehler nicht-israelitischen Ursprungs; cs soll das Einheimische über das Erotische gestellt werden. Wer also arbeitet mehr für die Ehre Israels, ich oder meine Gegner? — Auch ist ja gar nicht die Absicht, die wirklichen Verdienste jener berühmten Schriftsteller zu schmälern. Die letzen Blätter von K. Cb. iv. zeigen genugsam, wie hoch ich M. verehre, und in dem Briefe an Herrn Rosenthal rühme ich die Größe und.Kraft seines Geistes. Wie konnte man also in einer Zeitschrift sagen: „In jüngster Zeit haben sich die Anfeindungen gegen Maimuni mit einer wahren Wuth erneuert. Man hat ihn vernichten wollen!" — Man sehe nun, ob es wohl unnütz und überflüssig sei, die Schule der Aufrichtigkeit anzuempfehlen. 2) Gehört zu den Motiven der Gelehrten, meine These zu bekämpfen, folgender Umstand: Es giebt Länder, in denen die Israeliten es nicht wagen, Wissenschaften zu studiren. AE.'s und noch mehr M.'s Ansehen ist die stärkste Waffe, um ihren Irrthum zu bekämpfen und sie aus der Unwissenheit zu ziehen. Tastet man den Ruhm dieser beiden Philosophen an, so entreißt man einer Million Israeliten ihr Civilisationsmittel, und giebt den Freunden der Verdummung Waffen in die Hand, so daß der Fanatismus Kraft gewinnt, in einer Zeit, in welcher seine gänzliche Vernichtung nahe schien. Ich gestehe, daß ich, in Italien geboren und wohnend, einem Lande, in welchem die Wissenschaften niemals von ben Rabbiden zurückgesetzt, vielmehr von sehr vielen mit glücklichem Erfolge getrieben wurden, die Wirkung nicht vorhersehen konnte, welche meine Worte in slavischen Ländern erzeugen würde. — Doch scheint es mir, daß die Fanatiker einen großen Schritt zur intellektuellen Emancipation thun werden, wenn sie erkennen, daß auch die verehrten Alten ihre Fehler hatten, und daß in jeder Zeit der Mensch die Kraft hat, die Irrungen der Vorgänger aufzudecken. Die Beobachtung der Irrung Anderer ist meines Erachtens eine Verstärkung der geistigen Kraft, und die Diskussion und Kri-