Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 35 (28.8.1840)
- Date
- 1840-08-28
- Page
- Seite 294 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Es aber auch nicht in Abrede gestellt werden kann, daß diese so sehr in das religiöse Leben eingreifende Handlung als eine der ersten Feierlichkeiten des öffentlichen Gottesdienstes betrachtet werden muß; so dürfte es nunmehr die höchste Zeit sein, daß allenthalben mit diesem Gegenstand so vorgeschritten werde, wie es in der Absicht des vormaligen israelitischen Conststoriums zu Cassel schon vor länger als 30 Jahren lag, indem die § 10 und 11 der am 15. März 1809 ausgcfcrtigten Pflichten der Rabbiner, die ich dem Zusammenhang wegen beide anführe, so lauten: § 10) „Der Rabbiner muß Aufsicht über die Schul - Erziehungs- und milden Anstalten der Israeliten führen, damit die guten Absichten des Staates erreicht werden." § 1!) „Er muß die Jugend zur Confirmation vorbereiten, und diese selbst verrichten, auch das Consistorium auf die entdeckten vorzüglichen Köpfe, von denen die Wissenschaften Gewinn erwarten könnten, aufmerksam machen." Es dürfte daher gar nicht mehr darauf ankommen, ob die Rabbinen die Funktion verrichten wollen, sondern bloß darauf, ob sie solche gehörig verrichten können; und so wäre es auch richtig an der Zeit, daß man in den größer« Gemeinden den alten um Predigen und dergl. Funktionen unfähigen Rabbinen einen tüchtigen jungen Rabbinats-Candidaren als Gehülfen, vorzüglich zu diesen Funktionen, bestelle, in den kleinern hingegen der öffentliche Religionslehrer den Rabbiner sowohl in der Vorbereitung als in der Verrichtung der Confirmation substituire. Getreues Bild von der Beschaffenheit der Israeliten in Podlefie, Lithauen und Reußen. Von einem Einheimischen. (Schluß.) Einzelne Männer in Willna kann ich nicht gerade hervorheben, es finden sich gleichwohl viele sehr angesehene. Die wissenschaftlichen, als Katzenellenbogen, Ginsburg, Michaelisker, Kaplan, geben Bücher heraus, und aus diesen ist der Grad ihrer Leistungen zu erkennen. Der gelehrte Censor, Herr W. Tugendhold, liefert zu Zeilen deutsche Schriftchen, mehr in ironischem Styl. Unerwähnt darf ich aber den wackern Gelehrten, Herrn Josephson, nicht lassen, welcher viele Sprachkenntnisse besitzt, und sehr viel zur Verbreitung des wenigen Lichtes, das in Willna leuchtet, beigetragen hat. Vor 30 Jahren ward er Doctor der Medizin, aber verschiedene Streitigkeiten, die er mit den Professoren hatte, waren Ursache, daß ihm das Diplom nicht ausgehändigt worden. Was nun das Leben der Israeliten in Lithauen im Allgemeinen betrifft, so finden wir in bürgerlicher Beziehung große Betriebsamkeit und Geschäftigkeit. Der Handel ist die Hauptsache, viele besitzen bedeutendes Vermögen, und treiben ihre Geschäfte in's Große. Namentlich berühmt sind die angesehenem Häuser in Jwenitz durch ihren Holzhandel mit Riga und Memel; Jonah Jsserlen in Sluzk durch sein Productengeschäft mit Preußen, Jakob Horwitz in Minsk durch seine Schnittwaaren, die er aus Moskwa bezieht, wie er denn auch an der Spitze der Kaufleure in den Gubcrnien Willna und Minsk steht; außerdem haben sie viele Pachtungen und Lieferungen. Sogenannte Wucherer und Pfandleiher sind selten, doch in Willna mehrere. Bemerkenswerth ist, daß sich das Banquiergeschäft dort noch in der Kindheit befindet, wiewohl ganze Berge von Silber und Gold fortwährend in Bewegung gesetzt werden. Es giebt nur ein einziges in Willna, welches ein Deutscher vor vielen Jahren etablirt hat. Seltsam genug, daß eine so viel versprechende Thätigkeil doch niemanden anlockt, während der Platz dazu sehr geeignet wäre. — Im Bereiche der Religion muß man ihnen Kenntniß und Umsicht zusprechen; die Quellen werden fleißig ftudirt, in jeder Stadt ist ein Rabbiner und ein Moral-Prediger. Die Zahl der Synagogenbeamten ist hier zu Lande größer als irgendwo, und man nennt diese tsnp Viele Vereine zu wohlthätigen Zwecken sind da, und die Wahl der Vorsteher eines jeden ist zur Zeit ein Gegenstand von so hoher Wichtigkeit, daß die Wahlen zu London und Paris keine stärkere Bewegung Hervorbringen. — Auch sind sie sehr wohlrhätig, und was zum Bau einer Synagoge oder Schule erforderlich ist, wird gern und reichlich gespendet. In Pinsk, wo kein einziges steinernes Haus steht, sondern alles von Holz ist, (und zwar wegen der Theuerung der Steine) war ich erstaunt, ein großes schönes, aus Quadern und Ziegelsteinen