Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 33 (14.8.1840)
- Date
- 1840-08-14
- Page
- Seite 280 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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280 wieder in die Abgründe der allegorischen und mystischen Er. > klärungen hineingeworfen, woraus die traurigsten Wirkungen! hervorgingen. Sie waren die indirekte Veranlassung zur Entstehung der kabbalistischen Sekte, indem sie ihnen die Wege zum Allegorismus und Mysticismus und zu allerlei verdreheten und gewaltsamen Interpretationen bahnten. Die Kabbalisten folgten dieser Richtung in der frommen Absicht, die Glaubenssätze desto mehr zu befestigen, und der Philosophanten schädlichen Einfluß zu vernichten, und seitdem, nämlich seit der Mitte des l3ten Jahrhunderts, versank die Wissenschaft der Israeliten immer mehr. — Kehren wir aber zu Raschi und AE. zurück. Wer wird nicht von Bewunderung ergriffen, wenn er bemerkt, wie R. ohne alles philosophische Studium sich klar und hell herausgebildet hat, einen lichtvollen Styl schreibt, in welchem alles abgerundet ist, alles wohl geordnet, und er seine eigenen Gedanken, wie die seiner Vorgänger, die er erläutert, durchschaulich und wundervoll, wie kein anderer, darstellt? während AE., obwohl wissenschaftlich sehr unterrichtet, nicht eine Sache in lichtvoller Ordnung behandelt, sondern immer von einem Gegenstände zum andern springt, bald vor-, bald nachsetzt, was nachher oder vorher stehen sollte, alles durcheinander, wie ein Mensch, der seine Gedanken nicht zügeln kann, stets ein Sklave des augenblicklichen Einfalls, alles schreibt, was die erste Anschauung ihm eingiebt? Man sage nicht, daß dieser Mangel an Ordnung ein Kunstgriff sei, um manche Geheimnisse oder richtiger freie Ansichten, die nicht jeder vom Volke verstehen sollte, zu verdecken! denn dieser Grund paßt nicht in seine grammatischen Werke, welche in der That ein ganz anderes Gepräge tragen als ihre Titel: „Feinheit" und ..Waagschalen" versprechen.— Wohl weiß ich, daß viele den AE. über R. setzen, weil er die freie Kritik beschützt, die nicht so wie R. dem väterlichen Glauben anhängt. Aber sollen wir etwa AE. für einen freien Forscher halten? Sein Glauben an Astrologie und Zahlen, kraft beweist das Gegentheil. Welcher Unterschieb istalso zwischen beiden? Nur der: der Eine beachtete mehr die Gelehrten der eigenen Nation, der Andere mehr die Griechen und Araber. — AE. konnte mit aller Philosophie sich nicht von der Meinung seiner Zeit losmachen, baß die Gestirne sich durch eigenes Leben bewegten, und konnte nickt denken, was später Arama von selbst ersann, daß wahrscheinlich in allen diesen Bewegungen nur ein physisches Gesetz obwaltete (wie es Newton nachmals bewies); er konnte auch nicht denken, was nachmals Basilea einsah, daß die Philosophie der spätern Zeit ihre Gestalt ändern würde. Wenn aber R. sich öfters von den Meinungen der Alten entfernte, so beweist dies die Kraft seines Geistes, und er verdankt es nur sich, wenn er neue Wege einschlug; während AE. selbst wenn er noch öfter von dem Herkommen abgegangen wäre, kein großes Verdienst dabei hätte, weil die Philosophie und die Wissenschaften ihm die Augen geöffnet hatten. Er mag demnach immerhin ein besserer Commentator als R. sein, aber er hatte auch mehr Hülfsmittel! R. hatte nur den Thalmud, die Midraschim, die Targumim, das Saruksche Wörterbuch und Lavra^s Einwendungen. Dagegen hatte AE. ihn selbst gelesen, ferner Saadja, Chajug, Giannah, M. Cohen und andere in arabischer Sprache verfaßt, welche jenem unzugänglich waren." Klingt dies nun wie Obscurantismus und Abneigung gegen das Fortschreiten, gegen die Freiheit des Gedankens? Ich verglich beide so in intellektueller Hinsicht, und danach zog ich die Parallele auch auf der moralischen Seite; diese hat bei mir, von meinem Standpunkte aus gesehen, den höchsten Werth. Da die meisten meiner Leser nicht diesen haben, so will ich davon hier nichts wiederholen. Doch mag ich nicht verschweigen, daß die Eigenschaften, welche ich in R. verehre, nach meiner Ansicht und Erfahrung am meisten dazu sich eignen, die Wissenschaft und die Auffindung der Wahrheit zu fördern. — Oie Aufrichtigkeit eines offenen Gemüthes (die Grundeigenschaft des R.) giebt den besten und wirksamsten Anstoß zur Erforschung der Wahrheit. Ein auf. richtiger Mensch muß diese lieben, und es kostet ihn auch keine Anstrengung, zu sagen: das weiß ich nicht. So R. zu Ken. 28, 5. So gesteht auch R. in dem jüngst vom Geiger herausgegebenen Briefe einen Irrthum ein. Vergl. Krckm. zu 6en. 37, 2. Ein solcher bespricht sich gern mit Freunden und arbeitet ohne Eifersucht mit ihnen; s. eben, diesen Brief, wo er eine Erklärung seinem Freunde beimißt. Er arbeitet gewissenhaft und daher genau; seine Irrungen kommen nicht von Uebereilung, alles ist reif erwogen, nicht gewagt oder plötzlich von der Phantasie eingegeben. Seine Berichte sind treu, seine Citate zuverlässig. Wer nun beide kennt, weiß daß R. alle diese Eigenheiten hat, und AE. deren Widerspiel ist. Letzterer citirt bekanntlich unrichtig, er verläßt sich auf sein Gedächtniß, commenlirt bisweilen Texte, die nicht vorhanden sind oder waren. Was am meisten betrübt, ist, daß mehrere alte Schriftsteller nur durch ihn bekannt sind, und wer weiß, wie oft sein Gedächtniß, ihn selbst täuschend, die Nachwelt mag in den Jrrthum hineingezogen haben. Ein Beispiel solcher ungenauen Darstellung habe ich in den Annalen n. 88 mitgetheilt, indem er dem Saadja eine Meinung zuschreibt, die er dann eavEeremeut widerlegt. — Ein solcher Geist giebt ferner seine Gedanken einfach, ohne Ostentation, natürlich, klar, kurz (worin R.'s Styl sich auszeichnet), ohne durch Eloquenz und Dialektik den Beifall zu suchen; so daß der Leser leicht den Inhalt analysiren und selbst Fehler auffinden kann; conciscr und strenger Ausdruck, kurz und deutlich, so nahe wie möglich mathematisch, macht die Sache klar und meidet Täuschung und Irrthum. Wenige giebt es, die R.' hierin gleichen! Freilich war die Verehrung und Vergötterung desselben früherhin sehr übertrieben, man studirte iedes seiner Worte, und suchte oft zu viel darin; aber gewiß ist, daß er mit seinem freimüthigen lakonischen Styl viele Schwierigkeiten hebt, die sich im Text zu finden schien nen. Jetzt ist solcher Styl nicht im Gebrauch, auch nicht geschätzt und begriffen; ich aber muß ihn bewundern. (Schluß folgt.)