Israelitische Annalen
- Journal
- Israelitische Annalen
- Volume
- 1840
- Issue
- Heft 31 (31.7.1840)
- Date
- 1840-07-31
- Page
- Seite 265 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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265 diese schwankt und wechselt, selbst der ersten und so einer jeden eigentlichen Autorität beraubt sehen. Wenn dies nun im Allgemeinen der Boden ist, auf dem bei dem Verfasser der Autoritätsglaube erwachsen, so werden natürlich alle die einzelnen Fragen und Untersuchungen einerseits freilich der innersten, feststehenden Lebenswurzel des Ganzen keinen Schaden zufügen, andrerseits aber auch eine eigenthümliche Behandlung und eine nicht minder kräftige Abweisung verdienen. Der wahrhaft orthodoxe Rabbinismus, um mich ohne Bild auszudrücken, wird und kann sich freilich nicht, nachdem er von vorn herein den Werth des Ganzen erkannt und schätzen gelernt hat, durch einzelne Bedenklichkeiten in seinen Grundfesten irre machen lassen, aber er wird nichts desto weniger auch bei diesem, wo und wie sie ihm aufstoßen, nicht gleichgültig bleiben, sondern gerade dadurch, daß er alles Verdächtige auf's Gewissenhafteste zu erforschen sucht, erst zeigen, daß ihm sein System wirklich theuer und er demselbenherzlich ergeben und treu sei. Daß aber Manches im Thalmud sich befinde, was Einen für den Augenblick stutzend machen könnte. Manches was einer sichtenden Hand bedarf, um es aus dem Dunkel, womit es umgeben, an's Licht der Wissenschaft zu bringen . Manches endlich, was selbst des ersten Erfordernisses alles mit Bewußtsein Gedachten, eines vernünftigen und klaren Sinnes zu entbehren scheint, das wird wohl Niemand, der sich auch nur oberflächlich in diesem Theile der Literatur umgesehen hat, in Abrede stellen. Es soll damit nicht behauptet werden, als ob jedes besondere Gebot seinen handgreiflichen Grund haben müsse; da, abgesehen davon, daß sich von Manchem im Voraus sagen läßt, der durch menschlichen Verstand dafür aufzufindende Grund könne es nur in seiner Bedeutung herabsetzen, wir schon durch die Analogie der schriftlichen Lehre, wovon wir die mündliche als eine Fortsetzung betrachten, zu dem Schlüsse berechtigt sind, daß cs auch hier noch der Anlage solche Gesetze geben muß, die die Eigenthümlichkeit des „Unbegreiflichen" an sich tragen, und so in eine besondere Klasse der Gesetze die (der Q>pn) fallen. Aber nicht alles Unerklärliche im Thalmud ist gerade Gesetz, so wie auch nicht jedes unerklärliche Gesetz auf dem Wege der Forschung unerklärlich bleibt, oder es seiner Bestimmung nach für uns bleiben soll. Trotz dem aber vermissen wir noch immer vom orthodoxen Standpunkte aus eine offene Forschung über den Thalmud. die nach dem Gesagten, für den Standpunkt und das System selbst nur eben so heilsam als nothwendig sein kann. Es bietet sich hier dem acht wissenschaftlich gebildeten und zugleich aufrichtigen, strenggläubigen Theologen, — und gottlob lehrt uns die Praxis schon deren, früher kaum denkbare Möglichkeit in manchem, recht erfreulichen Beispiel in unsrer Mitte, — ein schönes und eigentlich das ihm zunächst liegende und wichtigste Feld zur Bearbeitung dar; möge es nur recht bald erkannt werden und die reichste Ausbeute gewähren.' Nachrichten und Correspondenzen. London. (Schluß). — Wie nun aber der praktische Blick der gebildetern Israeliten nicht verfehlt, am Ende doch die Mißverhältnisse wahrzunehmen, und auf deren Abstellung mit der Emsigkeit zu dringen, die dem Engländer ganz besonders eigen ist, sobald einmal der Wunsch erwacht, und dessen Erfüllung im Bereiche der Möglichkeit liegt, — so hat sich seit einiger Zeit mitten in dem stationären Zustande ein Leben entwickelt, vielleicht da, wo man es am wenigsten erwartete, nämlich unter den Portugiesen. Man hat von jeher die portugiesische Gemeinde für etwas durchgebildeter gehalten als die deutsche, welche zum großen Theile ganz aus heterogenen Elementen zusammengesetzt, und in so weit sie nicht den ältern Familien angehört, meist aus einer fluctuirenden Menge besteht, die immer erst lange Zeit braucht, ehe sie sich dem Geiste des Landes anbildet. Die Portugiesen haben auch eine etwas lebendigere Tradition in allen von den pyrenäischen Vor. eltern herrührenden Formen. Daher haben sie überall auch nach ihrer Zerstreuung lange eine eigenthümliche Haltung behauptet. Gegenwärtig jedoch theilen sie hier meist die Unwissenheit ihrer Brüder, und ihre Formen befriedigen sie selbst kaum, dieselben erscheinen ihnen aber gänzlich unvereinbar mit der weltlichen Erziehung, welche sie ihren Kindern von jeher zu geben gewohnt sind, und welche in unserer Zeit bei weitem unfügsamer ist in religiösen Dingen, als vor dem. Somit haben denn viele auch diesen bedenklichen Umstand ernstlich in Erwägung gezogen und gefunden, daß irgend ein Schritt geschehen müsse, um nicht den Untergang aller Religiosität zu verschulden. Denn das ist ausgemacht, daß die jetzige, etwas freier und selbstbewußter herangezogene Jugend an den gottesdienstlichen Formen, wie sie jetzt bestehen, und an der Unterrichtsweise, die bis jetzt in religiösen Kenntnissen herrschend ist, durchaus keinen Geschmack finden kann, daß sie sich von allem diesem mit Widerwillen wegj wendet, weil Anstalten und Lehrer hinter der Zeit zurück-! geblieben sind, und daß sie folglich bald ganz und gar von! Religion entblößt dastehen, an eine Gemeinde höchstens durch i Beiträge gebunden. Dieser Zustand erscheint allen den achtbaren Männern, welche sich der Berathung anschlossen, unerträglich, und sie sind auf das Resultat gekommen, welches in England in andern Kirchen nichts neues mehr ist, ihre Dissension zu manifestiren, und ohne sich direct von ihren Brüdern loszusagen, noch überhaupt eine Spaltung machen zu wollen, doch einen Separattempel zu gründen, in welchem Weihe und Verständnis des Rituales die Hauptsache ausmachen, so daß jeder Theilnehmer darin Unterricht und Erbauung erlange. Die Landessprache wollen sie gegen das! Hebräische bevorzugen, doch scheint es, daß man sich dahin vereinigen werde, gewisse formelle Ritualien nicht ganz zu verdrängen, vielmehr der ehrwürdigen Sprache und den Urquellen ihr Vorrecht in diesen Beziehungen zu lassen. Jedenfalls aber wirb dadurch der Autorität rabdinischer Satzungen vieles von ihrem extensiven und intensiven Einflüsse genommen werden, und dieß wirb nicht verfehlen de»