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Israelitische Annalen · 1840-07-31 · Heft 31 (31.7.1840) · p. Seite 262

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Journal
Israelitische Annalen
Volume
1840
Issue
Heft 31 (31.7.1840)
Date
1840-07-31
Page
Seite 262 (sequence 2)
Language
German
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262 in Karlin, Enkel des R. Baruch Sklower, (welcher die Elemente des Euklid und andere wissenschaftliche Werke in's Hebräische übersetzt hat) ein ausgezeichneter Gelehrter. Daselbst hatte auch der verstorbene Saul Levin (gest. 1834) durch höhere Bildung und edeles Streben sich hohe Achtung erworben, unfeine treffliche Wirksamkeit verschaffte ihm die Zuneigung aller Großen und Behörden. — So wie nun die Reise von Pinsk bis Klezk und von da nach Nieschwiesz weiter geht, so verlieren sich in den Umgebungen, welche zu Lithauen gehören, immer mehr die Pietisten und die Biblischen gewinnen die Oberhand. Bevor ich nach Klezk kam, erfuhr ich folgende merkwürdige Thatsache. Ungefähr eine Meile von diesem Städtchen ist ein kleines Dorf Schinaoke genannt, wo lauter Tataren (Muhamedaner) wohnen, deren sich in jenem Gubernium viele aufhalten. Dicht an der Kaiserstraße sieht man ein tiefes schmales Thal, von Bäumen rund umgeben. Vor vielen Jahren entdeckte man hier eine Grabstätte, was den Reisenden einiges Grauen einflößte. Bei den Israeliten kam dieselbe bald in den Geruch der Heiligkeit, so daß mit der Zeit viele Kranke, Verkrüppelte und Leidende dahin zogen, und da „fleheten für die Lebenden zu den Todten," indem es allgemein hieß, es lägen da seit undenklichen Zeiten fromme Israeliten begraben. Alljährlich kurz vor Neujahr und den Bußtagen, im Monat Elul, fanden sich hier viele Israeliten zusammen und beteten zu diesen dürren Gebeinen; ja viele kehrten zurück und freueten sich, denn sie hatten Hülfe gefunden! — Also war es lange Zeit. Vor einigen Jahren jedoch thaten die hier wohnenden Tataren Einspruch dagegen, und vindicirten sich diesen Friedhof, indem sie behaupteten, ihre Vorfahren seien da begraben. Sie gewannen den Proccß, denn sie bewiesen ihr Recht dadurch, daß die Todten dort, wie es bei ihnen Sitte ist, sitzend begraben sind, nicht liegend, -wie bei den Juden. Der heilige Boden ward also den Tataren zugesprochen. Nun ist der Orr also plötzlich entheiligt und kein Israelit setzt mehr den Fuß dahinWas hat nun jenen Kranken und Leidenden geholfen? Was dieWemenden getröstet, welche dort beteten und seufzten? Wiederum bewährt sich, was einst R. Akiba (Al). Sara 54) auf Sunins Frage antwortete. Dieser nämlich sprach: Wir beide sind gleichmäßig überzeugt, daß Götzenbilder nichts helfen können; woher kommt es aber doch, daß so viele Kranke, die dahin kommen, gesund werden? — Er erwiederte: „Die Welt geht ihren Gang, und wenn die Leiden aufhören sollen, hören sie auf; die Thoren aber, welche an Unsinn glauben, haben es zu verantworten." — Der berühmte Narbonenser erklärt die Wirkung aus der Einbildungskraft (s. s. Commentar zum More I. 62), und mit ihm stimmen überein der Meiri in seinen Novellen zu 8oliab. IV. Ende, nach R. Jakob Zahlun im Ozar liachajim II. 19, wo er zwei merkwürdige Geschichten von der Wirkung der Einbildungskraft anführt, so er selbst erlebt hat. Von Klezk reifte ich nach Nieschwiesz. Dies ist der Ort, wo der bekannte deutsche Philosoph Salomon Maimon seine Jugend in Unwissenheit zubrachte. Dort hat er kein Andenken zurückgelassen. Ich fragte einen Greis, — welcher nie vonMaimons ausgezeichneten Leistungen gehört hatte — ob er wohl vor 60—70 Jahren einen Namens Salomo, Sohn des R. Josua, gekannt habe? Er besann sich ein wenig, und erwiederte: „Ja wohl war R. Josua unter den Biblischen angesehen, und sein Sohn kam oft an den Hof des Fürsten Radziwil (Oberherrn von Nieschwiesz); derselbe soll dort allerlei Kenntnisse gesammelt haben. Er war aber streitsüchtig, tadelte oft die Gemeinde-Vorsteher der Stadt, und hieß allgemein Schelomo Naar (Narr), weil man ihn für verrückt hielt." Dabei fällt mir Börne ein, wenn er sagt: „Was ist Wahnsinn? Vernunft des Einzelnen? — Was ist Vernunft? Wahnsinn der Vielen." Es ist gewiß wunderbar, wie sich's fügt. In dem Dörfchen Mahilne bei Nieschwiesz ward jener treffliche Denker geboren, in Nieschwiesz erklärte man ihn für verrückt, und in der Königsftadt Berlin, wo die Gelehrsamkeit wohnt, ward er bewundert! Die Nieschwieszer nannten ihn wahnwitzig und Kant nennt ihn einen ausgezeichneten Denker! Hier Schelomo Narr, und dort Maimon der Philosoph! hierBuchstabierlehrer und dort Mendelsohns Gefährte! — Man sehe hieraus, was gut gewählte Bücher und ein angemessener Umgang aus dem Menschen machen können! — Bei Nieschwiesz wohnt der berühmte Doktor Kußolewskj, welcher bei den Lithauischen Edelleuten in sehr großem Ansehn steht. Sein Vater wohnte in einem Dörfchen, und der Sohn wuchs unter dem nicdern Volke heran, bis einst der Herr

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